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Kultur

Urzeit-Kunst

Gefürchtet, geliebt, gemalt

Halb Reptil, halb Monster, schockierend brutal und doch majestätisch - Dinosaurier-Gemälde sind eine eigenwillige Kunstform. Ein neuer Bildband zeigt, was Paläo-Kunst über den Zeitgeist verrät.

Courtesy American Museum of Natural History, New York/ Taschen
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Montag, 07.08.2017   10:21 Uhr

Die ersten Knochenfunde lieferten noch Stoff für Drachen-Mythen, später sprach man dann von Dinosauriern: Seit Jahrhunderten ist der Mensch fasziniert von diesen unwirklich anmutenden Tieren, die er nie zu Gesicht bekam. Vor 66 Millionen Jahren verschwanden sie von der Erde. Erst vor knapp 200 Jahren begannen Wissenschaftler und Künstler, ihre Visionen einer prähistorischen Zeit in Bildern festzuhalten und begründeten eine eigenartige Kunstform, die stets zwischen Fakt und Fiktion pendelte: Paläo-Kunst.

Die Geschichte der Paläo-Kunst begann 1830, als der englische Wissenschaftler Henry Thomas de la Bèche die ersten Urzeit-Reptilien malte. Das Gemälde "Duria Antiquior" ist ein makabres Bild von sich gegenseitig unter Wasser zerfleischenden Echsen. Der Forscher hatte sich von einem Knochenfund inspirieren lassen. Zu der Zeit waren der Forschung nur drei Dinosaurier bekannt.

Das Buch "Paläo-Art. Darstellungen der Urgeschichte" der Kunsthistorikerin Zoe Lescaze (Taschen Verlag) zeigt nun, wie sehr Zeitgeist und gesellschaftliche Verhältnisse das Bild der Urzeit bestimmten. Der Bildband füllt eine kunsthistorische Lücke, denn bislang fand Dino-Kunst nicht viel Beachtung: Die Kunstwelt redet Paläo-Maler gern klein, den Wissenschaftlern sind sie nicht exakt genug.

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Trotzdem interpretieren Künstler seit "Duria Antiquor" immer wieder die Urzeit, mal mit dem Anspruch eines Forschers, mal mit zügelloser Fantasie. "Paläo-Art" versammelt verschiedenste Dinosaurier-Darstellungen, die vom Fauvismus, vom Japonismus oder vom Jugendstil geprägt sind, es gibt sowjetrussische Saurier und viktorianische Echsen, majestätische Riesen und albtraumhafte Hybridmonster.

Schoko-Sammelkarten

Fast immer verweisen die Bilder auf ihre Entstehungszeit: Im 19. Jahrhundert etwa spiegelten sich die Seeschlachten Napoleons in den Darstellungen, in denen sich Meeressaurier blutig bekämpfen. Süßlicher Kitsch hingegen sind etwa die Darstellungen des Berliner Malers Heinrich Harder, der um 1900 Urzeit-Lithografien für Sammelkarten eines Schokoladenproduzenten fertigte.

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Zoë Lescaze:
Paleo-Art

Visions of the Prehistoric Past

Englisch

Taschen; 286 Seiten; gebunden; 75,00 Euro.

Mitte des zwanzigsten 20. Jahrhunderts wurde der tschechische Illustrator Zdenek Burian für seinen "imaginären Realismus" berühmt: Er malte prähistorische Menschen und Tiere, die auf Forschungsarbeiten basierten, bettete sie aber in fantastische Landschaften ein. Burians Werke wurden über wissenschaftliche Erzählungen, Kinderbücher und Briefmarken weltberühmt, seine Darstellungen haben unser Bild von der Urzeit geprägt.

Wie Dinos ausgesehen haben, entscheiden heute nicht mehr Maler, sondern die Wissenschaft, und gruselige Bilder von Urzeit-Echsen wurden durch animierte Monster im Film abgelöst. Lescazes Bildband schließt mit den Untergangsvisionen der amerikanischen Malerin Ely Kish, die Dinosaurier als Opfer klimatischen Wandels darstellt. Das "Zeitalter Paläo-Art" scheint Lescazes damit als beendet zu erklären.

Immerhin: Es gibt es keinen Spielzeugladen, der heute nicht massenhaft Urzeitechsen vorrätig hätte. Als Plastikfiguren, Plüschtiere oder Ausgrabungssets, als Sandbilder oder Bügelperlen-Box. Die Fantasie von Kindern beflügeln Dinos offenbar immer noch.

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