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Kultur

Bilder aus Amerika und Deutschland

Bratwurst in Bochum, Liebe am Mississippi

Wie sieht die US-Provinz aus? Und wie die deutsche? Eine Hamburger Ausstellung zeigt Bilder von Alec Soth und Peter Bialobrzeski - und damit den seelischen Zustand beider Länder.

Alec Soth/ Magnum Photos
Von Tobias Hausdorf
Sonntag, 10.09.2017   13:06 Uhr

Was verbindet Alec Soth mit Peter Bialobrzeski, außer, dass sie sich persönlich kennen? Beide fingen einst als Fotoreporter bei Lokalzeitungen an, der eine in Minneapolis, der andere in Wolfsburg, mussten Provinz und Autounfälle fotografieren und bewegten sich zur Kunst, beeinflusst durch Robert Frank, dessen Bildband "The Americans" die Ästhetik des Fotobuchs neu definierte. Beide sind durch ihre Länder gereist, an Orte, wo andere nicht so genau hinschauen, und sind damit Zeugen des seelischen Zustandes Amerikas und Deutschlands geworden.

Die Hamburger Deichtorhallen eröffnen nun mit einer Doppelausstellung und zeigen die Werke der Künstler im Dialog. Der international bekanntere ist der Amerikaner Alec Soth, der aus Minneapolis stammt und mittlerweile Magnum-Fotograf ist. Ihm gelang mit "Sleeping by the Mississippi" 2004 der Durchbruch. Für das Projekt fotografierte er sich diesen bedeutungsschweren Strom entlang, der sich 4.000 Kilometer durch das Land schneidet.

Nach Ausstellungen in den international renommiertesten Museen ist "Gathered Leaves" die erste Möglichkeit, sein Werk in Deutschland zu sehen. Der Titel der Schau, zu Deutsch "gesammelte Blätter", ist einem epischen Gedicht von Walt Whitman entliehen, dem großen amerikanischen Dichter, der lyrisch sein Land vermaß. Die offensichtlichere Assoziation des Titels ist wohl die eines Best-of, und tatsächlich werden etwa 65 ausgewählte Fotos aus Soths bekanntesten Serien "Sleeping by the Mississippi", "Niagara…", "Broken Manual" und "Songbook" gezeigt sowie erstmalig überhaupt in einer Ausstellung die Serie "Looking for Love".

Aussteiger und Überlebenskünstler

"To me the most beautiful thing is vulnerability." Verletzlichkeit sei für ihn von größter Schönheit, sagt Alec Soth. Und diesen Blick sieht man seinen Bildern an. Neugierig und empathisch fotografiert er die Aussteiger und Überlebenskünstler, isolierte Menschen, die davon träumen, ein anderes Leben zu führen. So vermisst er fotografisch die seelische Landschaft Amerikas, ähnlich wie es Whitman mit Worten tat.

Fotostrecke

Ausstellung: Auf Distanz

Die Ausstellung will die Werke Soths von der Idee bis zur Fotoserie vorstellen. Daher sind auch Entwürfe, Skizzen und Bücher zu sehen. Bei der Serie "Broken Manual", die in gedämpftem Licht, beinahe wie in einer Höhle präsentiert wird, ist diese Entwicklung am besten nachvollziehbar, bei den anderen eher schmückende Zutat. Beispielsweise hat Soth für die Serie "Niagara", zugleich ein Schauplatz für Selbstmorde wie für günstige Flitterwochen, Liebesbriefe gesammelt.

"Die zweite Heimat" des Hamburger Fotografen Peter Bialobrzeski nimmt den kleineren Teil der Ausstellung ein. Für das Projekt ist Bialobrzeski zwischen 2011 und 2016 durch Deutschland gereist und hat so 30.000, wie er seine Bilder selbst nennt, "Belichtungen" gesammelt. Die hat er ein halbes Jahr lang nicht angeschaut, um dann mit Abstand eine Auswahl zu treffen, die das Gefühl fürs Land auf den Punkt bringt.

40 Farbfotografien, entstanden zwischen Bottrop und Bad Freienwalde, zeigen Deutschland, wie es ist: provinziell anmutend, ein bisschen schäbig, manchmal hübsch und eben alles Heimat, vertraut. Bialobrzeski geht auf Distanz zu den Menschen und lenkt den Blick auf das scheinbar Profane: den China-Imbiss und die Tankstelle, das Garagentor und die Bushaltestelle. Mit Witz und ohne überheblich zu wirken, inszeniert er urbane Randgebiete und Kleinstädte.

"Fotografie ist das perfekte Medium, um Veränderung zu zeigen, da sie einen Augenblick aus der Vergangenheit in die Gegenwart holt", sagt Bialobrzeski.


Doppelausstellung: "Alec Soth: Gathered Leaves" & "Peter Bialobrzeski: Die zweite Heimat", Deichtorhallen Hamburg, 8. September 2017 bis 7. Januar 2018

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