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Kultur

Gehälter von Frauen

Mythen zur Lücke

Seit Jahrzehnten ein Thema, noch immer nicht gelöst: Frauen verdienen weniger als Männer. Keine Partei macht diese Ungerechtigkeit zum Kern ihres Wahlkampfs. Stattdessen wird sie kleingeredet - mit diesen fünf schwachen Argumenten.

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Kundgebung für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern am Trafalgar Square, London, 1969

Eine Kolumne von
Dienstag, 12.09.2017   16:17 Uhr

Frauen: die einzige Minderheit, die gar keine Minderheit ist. Obwohl es ein bisschen mehr Frauen als Männer in Deutschland gibt, gelten "Frauenthemen" als Spezialgebiet, das erstens nicht zu den sogenannten großen Machtfragen gehört und zweitens leicht veralbert wird, als Mädchenkram; als wäre Mädchenkram je albern gewesen.

"Die SPD tut viel für Frauen", hat Martin Schulz am Montag im "taz"-Interview gesagt, und tatsächlich redet er zumindest immer wieder davon, dass zu seinem Konzept von Gerechtigkeit auch gleicher Lohn für Männer und Frauen gehört. Andererseits hat weder die SPD noch eine der anderen Parteien die Forderung nach gleichem Lohn für Männer und Frauen zu ihrem zentralen Thema in diesem Wahlkampf gemacht. So dumm! (Außer - hihi haha hoho - "Die Partei", die fordert, Managergehälter an die BH-Größe zu koppeln. Wegen Frauen und Brüsten, verstehste? So lustig.)

Als wenn gleiche Bezahlung unabhängig vom Geschlecht nicht ein Thema wäre, das alle betrifft, die entweder selber Frauen sind oder mit welchen zusammenleben oder mit welchen befreundet sind oder das mal sein wollen. Und wie unangenehm muss es bitte als Mann sein, zu wissen, dass - je nach Wohnort und Branche, im Schnitt - 21 Prozent von dem, was man kriegt, nur Männerbonus sind? Es ist entwürdigend, aufgrund des Geschlechts weniger zu kriegen als andere, aber es ist auch nicht besonders ehrenvoll, deswegen mehr zu kriegen. Es ist blöd für alle. Die Initiative #dafehltdochwas versucht, das zu ändern.

Bisher wird das Thema im Wahlkampf nicht wirklich groß gemacht. Als hätte Merkel ernsthaft etwas zu verlieren, wenn sie sich EINMAL für Frauen einsetzen würde, und zwar mehr als mit der Ankündigung, in ihrer nächsten Regierung werde jedes zweite Mitglied weiblich sein, sofern sie das sagen könne, je nachdem, mit wem sie koaliert. Das ist schön, nur ist Gleichheit ganz oben nichts wert, wenn es sie nicht auch weiter unten gibt.

Gerade hat das Statistische Bundesamt wieder eine Studie veröffentlicht, in der festgestellt wird, dass sich der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern seit 2002 kaum verändert hat. Trotzdem wird die Lücke immer wieder angezweifelt. Aus diesem Anlass: fünf Mythen, die immer wieder vorgebracht werden, wenn es darum geht, die Ungerechtigkeit kleinzureden.

Mythos 1 zum Gender Pay Gap: Es gibt ihn nicht. Diese 21 Prozent, die Frauen in Deutschland insgesamt im Schnitt weniger verdienen als Männer, sind gemäß diesem Mythos nur falsch ausgerechnet und eigentlich Propaganda. Das Argument geht meistens so: Es stimmt nicht, dass jede einzelne Frau genau 21 Prozent weniger verdient als ihr männlicher Kollege (korrekt.) Frauen verdienen zwar faktisch insgesamt weniger als Männer, aber sie arbeiten auch weniger und fallen öfter aus durchs Kinderkriegen und suchen sich auch oft von allein schlechter bezahlte Jobs und verhandeln auch schlecht, und zudem würden für die Berechnung nicht alle Einkünfte verrechnet, die in Deutschland zustande kommen, und deswegen ist die Lücke, wenn man von all diesen Faktoren absieht, viel kleiner, nämlich zwei bis sieben Prozent, je nachdem, mit wem man redet und was rausgerechnet wird.

Diese kleinere Zahl ist dann sozusagen der zu Diamant gepresste reine Sexismus und die "bereinigte" Lücke, was nahelegt, dass die Faktoren, die man vorher rausgerechnet hat, nur eine Art Schrott waren, den es nicht zu beachten gilt - was Quatsch ist. Zum einen wären zwei oder sieben Prozent Unterschied immer noch schlecht. Und zum anderen sind die rausgerechneten Faktoren, wie etwa die Tatsache, dass Frauen wesentlich öfter in Teilzeit arbeiten als Männer, ein reales Problem. Es ist so, dass Frauen deswegen weniger verdienen, und die Idee, man könnte den Gender Pay Gap kleinrechnen, um etwa staatliche Fördermaßnahmen zu kritisieren, hat ihren Haken da, wo man anerkennen muss, dass in beruflichen Situationen von Menschen immer viele Gründe eine Rolle spielen und man bei einer Erkältung ja auch nicht sagen würde: Gegen die Halsschmerzen tu ich mal nix, weil Fieber hab ich ja auch noch. Es gibt verschiedene Symptome, und die müssen einzeln angegangen werden, denn - Unterschied zur Erkältung: Von alleine wird es nicht besser.

Mythos 2: Frauen machen das freiwillig. Frauen wollen gar nicht fair bezahlt werden, denen sind andere Dinge wichtiger (Liebe, Kinder, ein Pony), und sie suchen sich freiwillig Jobs, von denen jeder normale Mensch weiß, dass man dafür wenig Geld kriegt, zum Beispiel Altenpflege und Erziehung. Das kann man so sehen, ergibt aber, wenn man es zu Ende denkt, überhaupt keinen Sinn. Denn erstens brauchen Frauen genauso Geld wie Männer, Kapitalismus ist für alle da. Zweitens haben Frauen ziemlich unterschiedliche Neigungen und Kompetenzen, manche werden Wikinger-Kriegerin. Und drittens sind die mehrheitlich von Frauen ausgeführten Arbeiten nicht natürlicherweise schlecht bezahlt. Pflege-, Erziehungs- oder Serviceberufe zum Beispiel sind unter anderem deswegen schlecht bezahlt, weil von Frauen ausgeführte Arbeit als weniger wert angesehen wird.

Bekloppt genug, wenn im Krankenhaus der männliche Pfleger "Pfleger" genannt wird und die weibliche Pflegerin "Schwester" - so als ob er aus Kompetenz da ist und sie aus Barmherzigkeit. Oder "Sekretär": war mal ein angesehener Beruf für Männer, dann immer weiblicher besetzt, irgendwann nur noch "Tippse" - nicht mehr so angesehen. Zudem stellt das Statistische Bundesamt fest, dass Frauen eben nicht nur schlechter bezahlte Jobs machen, sondern, "dass Frauen auch bei formal gleicher Qualifikation und Tätigkeit häufig schlechter entlohnt werden". Und man kennt das Statistische Bundesamt nicht unbedingt als feministische Guerillagruppe.

Mythos 3: Wir haben eine Kanzlerin, Girls, ihr könnt alles werden, und wenn ihr es nicht werdet, dann selber schuld. - Falsch. Erfolgreiche Frauen in obersten Positionen können Vorbotinnen eines Machtwandels sein, aber sie sind nicht notwendigerweise der Beleg für seinen Abschluss. Warum sollte das so sein? Ist Rassismus in den USA weg, weil Obama Präsident war?

Mythos 4: Die richtigen Scheißjobs machen Männer. Das Beispiel, das die These stützen soll, ist hier immer (immmerrrrrr!) der Müllmann. Es gibt zwar tatsächlich wenige Müllfrauen in Deutschland. Aber wie anders ist die Tätigkeit eines Müllmanns als die einer Putzfrau, die auch den Dreck anderer Leute wegmacht und sehr häufig dabei auf keine Art versichert ist? Leute, die diese Art von Reinigungs- und Entsorgungstätigkeiten ausüben, sollten mindestens so viel verdienen wie Psychoanalytikerinnen. Die einen machen den äußeren Dreck weg, die anderen den inneren, alle so gut sie können.

Mythos 5: Wer öffentlich über den Gender Pay Gap redet, ist nur zu blöd oder zu feige oder sich zu fein, direkt beim eigenen Chef nach mehr Geld zu fragen. Falsch! Das dümmste Argument. Ich zum Beispiel mache beides ständig. Und: Üblicherweise sind die, die kontinuierlich wenig verdienen und kaum Aussicht auf Besserung haben, auch diejenigen, die am wenigsten gehört werden, und diejenigen, die es sich am wenigsten leisten können, einen Aufstand zu machen.

Dieser Aufstand könnte von oben kommen, allein, es sieht noch nicht danach aus.

insgesamt 334 Beiträge
MR68 12.09.2017
1. Frauen machen so 50% der..
...Gesellschaft aus. Und die aller meisten Männer hängen in ziemlich machtlosen Positionen herum. Außerdem gibt es keine Verschwörung der Männer. Alles in allem sehe ich eine ziemlich große Verantwortung bei den Frauen für [...]
...Gesellschaft aus. Und die aller meisten Männer hängen in ziemlich machtlosen Positionen herum. Außerdem gibt es keine Verschwörung der Männer. Alles in allem sehe ich eine ziemlich große Verantwortung bei den Frauen für Ihre Gehälter. Übrigens ist die Lücke im Osten extrem klein (statistisch signifikant?).
kalim.karemi 12.09.2017
2. Gut zu wissen
und schön dass sie mit den Mythen aufräumen Frau Strokowski, ich frage mich nur, woher Sie Ihre Statistiken beziehen, welche Sie in die Lage versetzen, mit stolz geschwellter Brust, den gleichen Blödsinn zu verbreiten, wie wir [...]
und schön dass sie mit den Mythen aufräumen Frau Strokowski, ich frage mich nur, woher Sie Ihre Statistiken beziehen, welche Sie in die Lage versetzen, mit stolz geschwellter Brust, den gleichen Blödsinn zu verbreiten, wie wir es vom Vizekanzler in spé schon ertragen müssen.
lolz 12.09.2017
3.
Mach weiter, hau es ihnen vor den Latz! Danke, dass du es aussprichst!
Mach weiter, hau es ihnen vor den Latz! Danke, dass du es aussprichst!
Mesi0013 12.09.2017
4. Lüge vom Gender-Pay-Gap
Ist es nicht mittlerweile wissenschaftlicher Konsens, dass der Gender-Pay-Gap nicht mehr als statistisches Rauschen ist?
Ist es nicht mittlerweile wissenschaftlicher Konsens, dass der Gender-Pay-Gap nicht mehr als statistisches Rauschen ist?
salomohn 12.09.2017
5. Wieso keine Partei?
Ich sehe zu dem Thema überall Plakate der SPD, die diesen Mißstand abschaffen will.
Ich sehe zu dem Thema überall Plakate der SPD, die diesen Mißstand abschaffen will.
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