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Kultur

Neueröffnung der Berliner Volksbühne

Warten auf den Clou

Zum fiebrig erwarteten Start seiner Arbeit am Rosa-Luxemburg-Platz zwingt Neu-Intendant Chris Dercon den Künstler Tino Sehgal ins Theater und steckt Samuel Beckett ins Museum. Ist das fair?

David Baltzer
Von
Samstag, 11.11.2017   13:56 Uhr

Kurz vor sieben scheint die Party in der Berliner Volksbühne schon voll im Gange. Zumindest ist es das, was die Inszenierung suggeriert: Die Lichter flackern auf allen Ebenen des mächtigen Theaterbaus, elektronische Bässe wummern durchs Haus, so dass man sich schnell entscheiden muss, ob man davon Kopfschmerzen bekommen oder sich den Bürotag aus dem Hirn blasen lassen will.

Der Herzschlag passt sich dem Beat an. Hochgepusht betritt man den unbestuhlten Theatersaal, setzt sich auf die Stufen und wartet, was kommt. Der erste Abend in der Volksbühne unter der Leitung des umstrittenen neuen Intendanten Chris Dercon, nach einer Art Voreröffnung der Saison in und vor einem Hangar des alten Tempelhofer Flughafens, beginnt.

Es wird dunkel im Saal, die Beats werden metallischer, im Zuschauerraum und auf der Bühne leuchten Lichtstreifen auf, senkrecht, waagrecht, diagonal. So begann früher ein guter Abend in der Disco. Dann geht der Kronleuchter an und wird langsam abgesenkt. Schön sieht das aus, wie ein Ufo, das einschwebt. Und dann ist die Schau, die das Programm als aktuelles Werk von Tino Sehgal "Ohne Titel" ausweist, auch schon wieder vorbei.

Diese Auflösung der Grenzen: furchtbar

Aber das kann es natürlich noch nicht gewesen sein. Ein vierstündiger Abend war angekündigt. Mit Arbeiten von Sehgal - der sich mit seinen "Interventionen" genannten, nicht-materiellen Arbeiten bisher immer im Kunst-, nicht im Theaterkontext verortet hat; und mit drei Einaktern des Theaterklassikers Samuel Beckett. Dercon, bisher Leiter des Londoner Museums Tate Modern und eben dafür angefeindet, dass er ein Mann der Bildenden Kunst ist, der von Theater nichts verstehe, scheint beide Welten zusammenbringen zu wollen.

Draußen, in den Umgängen des Theaters, geht es weiter. Dort wird man angesprochen von einem Mann, der sich als Sehgal-Mitarbeiter zu erkennen gibt und den Vorschlag macht, sich mit anderen Theaterbesuchern über "Marktwirtschaft" zu unterhalten. Wer mitmacht, bekomme am Ende 20 Prozent seines Eintrittspreises erstattet. Funktioniert natürlich nur bedingt, wenn so viele Journalisten da sind wie an diesem Abend; sie haben für ihre Karten in der Regel nicht bezahlt.

Ich lasse mich trotzdem auf eine Gesprächsrunde ein und werde so Teil von Sehgals Arbeit "This is exchange". Eine Frau mittleren Alters mit britischem Akzent dominiert die Runde und ist vom Thema Kapitalismus schnell weg und bei ihrer Kritik an dieser neuen Form von Theater angelangt: Sie wolle im Zuschauerraum sitzen und Kunst auf der Bühne sehen - diese Auflösung der Grenzen sei furchtbar, das ganze Leben sei doch schon so grenzenlos, Freizeit und Beruf, privat und öffentlich, alles vermische sich. Den Einwand, dass die Kunst vielleicht genau das abbilde, lässt sie nicht gelten. Weg hier.

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Volksbühnen-Eröffnung: Drinnen Theater, draußen Party

Am Ende des Umgangs im ersten Stock die erste Begegnung mit Beckett an diesem Abend: Dort läuft der Film "Quad I/II" von 1981, eine Choreografie, bei der vier Menschen in verschiedenfarbigen Umhängen im Kreis laufen und Ähnliches, ohne dabei jemals wirklich in Kontakt zu treten.

In einem Seitenfoyer im Erdgeschoss zeigt eine junge Performerin Sehgals Arbeit "Ann Lee". Das Mädchen steht da mit geschmerztem Gesicht und wirkt sehr allein. Was sie zu sagen hat, ist leider nicht zu verstehen, weil das Geplapper der Menschen im Foyer zu laut ist. Kundige Kollegen erzählen, die Arbeit sei schon im vergangenen Jahr im Martin-Gropius-Bau zu sehen gewesen; damals habe konzentrierte Stille geherrscht. Im Theater aber hat jeder Raum seine Funktion: Draußen ist Party.

Dafür ist es im stockdunklen Saal kurze Zeit später geradezu totenstill. Es gibt jetzt auch Stühle und eine ordentliche Bühne. Auf der wird Beckett gespielt, inszeniert vom 76-jährigen Walter Asmus, der dem Meister in den Siebzigern mal assistieren durfte.

Zuerst ist nur ein roter Mund zu sehen, der aus der Schwärze herausleuchtet, er spricht mit der Stimme von Anne Tismer den Beckett-Monolog "Nicht Ich" von 1972, Gedankenfetzen, wie von einem Sturm aufgewirbelt, ein Ich mit einer traurigen Kindheit, das offenbar von sich selbst in der dritten Person spricht.

Dann erneut Anne Tismer als May aus Becketts "Tritte" (1967): In einem langen weißen Kleid schreitet sie gebeugt, in genau choreografierten Schritten auf schwarzer Guckkastenbühne, auf- und ab. May führt einen Dialog mit ihrer bettlägerigen Mutter, die von Tismer mitgesprochen wird - vielleicht lebt sie nur noch in der Erinnerung der Tochter.

Schließlich ein Mann (Morten Grunwald), auf einem Stuhl sitzend. Sein Gesicht wird riesig auf einen Gazevorhang projiziert, jede Gemütsregung ist zu sehen, die tiefen Falten, die sich knapp über den Augenbrauen treffen, die Tränensäcke, der graue Bart. Eine Stimme aus dem Off (wieder Tismer) ruft ihm die Erinnerung an seine Frau ins Gedächtnis, die sich umgebracht hat. "He, Joe" heißt dieses Stück von 1966.

Verdammt leblos

Das alles wird in einer Ernsthaftigkeit zelebriert, die etwas verdammt Lebloses hat: Beckett, in einen Museumsschaukasten verbannt. Die lebendige Schauspielerin auf der Bühne ist nicht viel mehr als eine Marionette, Anne Tismer kann hier nur durch ihre präzise Sprache bestechen. Wäre der Mund aus "Nicht Ich" nur eine Filmprojektion gewesen, es hätte keinen Unterschied gemacht.

Und dann dagegen Tino Sehgals Kunst, die er weder auf Fotos noch auf Videos gebannt haben will (was die Zuschauer an diesem Abend nicht zu kümmern scheint, es weist sie aber auch niemand darauf hin). Als wolle er einen Ausweg aus der von Beckett so düster gemalten Vereinzelung des Menschen weisen, lässt Sehgal nach Ende der Vorstellung einen vielleicht 50-köpfigen Chor in den Zuschauerraum eindringen. Von allen Seiten umgeben einen die Stimmen, singen sehr harmonisch a-capella, und wenn sie "electricity" rufen, erstrahlen die Saallampen in hellstem Licht. Die große Schauspielerin Angela Winkler, die als Zuschauerin im Raum sitzt, improvisiert eine Solostimme dazu.

Das ist alles schön und gut, weltbewegend ist es nicht. Die Verbindungen, die der Abend herzustellen versucht zwischen Beckett und Sehgal, indem er den einen musealisiert und den anderen theatralisiert, bleiben vage.

Wohlmeinend kann man es als nicht ganz geglückten Versuch lesen, die Grenzen zwischen den Kunstgattungen zu öffnen. Man könnte es aber auch als Provokation deuten: Das Theater wird in die Welt von gestern verbannt. Man ahnt, für welche Deutung sich Dercons Kritiker, die sich die alte Volksbühne zurückwünschen, entscheiden werden.


"Samuel Beckett/Tino Sehgal". Berlin,Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, nur noch am 11. und 12.11.

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