16.02.2008
Berlinale-Bilanz
Das Familienfest
Von Lars-Olav BeierSie waren die kleinsten Stars der Berlinale und spreizten ihre Gefieder noch viel öfter als die größten. In gleich mehreren Wettbewerbsfilmen flatterten freche Spatzen durch die Handlung, munterten die Figuren auf und stahlen den menschlichen Darstellern bisweilen die Schau. So passte es perfekt ins Programm, dass zum Abschluss des Wettbewerbs in Lance Hammers Drama "Ballast" ein zwölfjähriger Junge gewaltige Vogelschwärme dazu bringt, sich in die Lüfte zu erheben. Das war der ornithologische Höhepunkt dieser Festspiele.
Und während man nach dem Film beschwingt über die Alte Potsdamer Straße federte, wurde einem zum ersten Mal so richtig der Ballast bewusst, den riesige Schwärme über dem Festival abgeworfen haben mussten: Die Bürgersteige sind über und über bedeckt mit Vogeldreck. Wo kommt der her? Tagsüber sieht man hier keinen einzigen Vogel. Ist das ein Spezialeffekt, den Berlinale-Chef Dieter Kosslick extra in Auftrag gegeben hat, um die Filme ins Leben zu verlängern? Nein, tatsächlich kommen in der Dämmerung Tausende von Vögeln angeflogen, nehmen auf den Bäumen Platz, betrachten all die schrägen Vögel, die ins Kino hetzen, und erleichtern sich, um die Festivalteilnehmer zu beglücken.
Glück und Unglück der Familie
Wir wissen nicht, ob sich Dieter Kosslick jeden Abend unter einen dieser Bäume stellt, jedenfalls wurde er in diesem Jahr vom Glück verwöhnt. Mit dem Rolling-Stones-Spektakel zur Eröffnung gelang ihm ein fulminanter Beginn, und in der allgemeinen Euphorie ging unter, dass es sich bei dem gezeigten Film "Shine a Light" nur um einen etwas aufgepeppten Konzertmitschnitt handelte. Doch dann begann ein Wettbewerb, der so reich an guten Filmen war wie lange nicht. Hatte Kosslick die Journalisten im letzten Jahr noch systematisch zermürbt, indem er konsequent schon morgens um 9 Uhr die dürftigsten Werk einer insgesamt enttäuschenden Auswahl zeigte, musste man diesmal jederzeit mit einem guten Film rechnen.
Mehr als ein Viertel der 21 Wettbewerbsfilme wären würdige Gewinner des Goldenen Bären, und selbst in schwächeren Beitragen lieferten nicht selten die Darsteller großartige Leistungen ab - wie etwa Kristin Scott Thomas, die den Zuschauer in "Il y a longtemps que je t'aime" von Philippe Claudel mit der Darstellung einer Frau bannt, die nach 15 Jahren Haft wie aus einer Leichenstarre erwacht. Auffällig viele Filme beschäftigten sich in diesem Jahr mit Tod und Trauer, erzählten von den Gefühlen der Hinterbliebenen, von Verwirrung, Verzweiflung und Hoffnung" - wie Doris Dörrie in "Kirschblüten", der Italiener Antonello Grimaldi in "Caos calmo" oder der Japaner Yoji Yamada in "Kabei".
Immer wieder ging es um Familienbande, die gewaltsam zerrissen werden, und das oft schon sehr früh: Kinder wurden entführt, um die Eltern zu erpressen (so in "Julia" von Erick Zonca oder "Lady Jane" von Robert Guédiguian), oder um sie für Pornofotos und Prostitution zu missbrauchen (so in "Gardens of the Night" von Damian Harris). Ein kleines Mädchen wurde vom eigenen Vater in den Krieg geschickt (wie in "Feuerherz" von Luigi Falorni) oder von einer tödlichen Krankheit bedroht (wie in "Zuo you" von Wang Xiao Shuai). So erschien die Familie, um die sich der diesjährige Wettbewerb geradezu obsessiv drehte, als die erste und letzte Bastion menschlichen Zusammenhalts, die von allen Seiten bedroht wird.
Rührend, tragisch, komisch
Die Berlinale war in diesem Jahr ein einziges Familienfest, so beglückend wie traurig. Oft fanden die Regisseure für die elementaren und komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen Bilder, die dieses Festival noch lange überdauern werden. In seinem wunderbaren Film "Avaze gonjeshk-ha" erzählt der Iraner Majid Majidi von einem Familienvater, der sein Leben hingeben würde, um zu verhindern, dass seine Kinder arbeiten. Als er nach einem Unfall für Wochen ans Bett gefesselt ist, sieht er einmal, dass sein kleiner Sohn am helllichten Tag eingeschlafen ist. Er will ihn wecken und entdeckt dabei blutige Schwielen auf den Händen des Sohnes - denn der hat wie ein Berserker geschuftet, um die Familie zu ernähren.
Majidi erzählt seine bewegende Geschichte mit ebensoviel Humor wie Gefühl. Hatte sich in Berlin bei den letzten Festivals die Tristesse auf der Leinwand derartig breit gemacht, dass das Kino im Berlinale-Palast schon "der Trübsaal" genannt wurde, so gelang es dieses Mal vielen Regisseuren, schwere Themen leichthändig anzupacken. Dörrie und Grimaldi schafften es, Trauer und Komik zu mischen und ihre Filme in eine Balance einander vermeintlich widerstreitender Gefühle zu bringen. Der Prekariatsfilmer Mike Leigh und seine aufgedrehte Hauptdarstellerin Sally Hawkins ließen dann in "Happy-Go-Lucky" kaum etwas unversucht, ihr Publikum in gute Laune zu versetzen, und schaffen es am Ende sogar noch, es zu rühren.
Es war ein Wettbewerb der bewegenden, nicht selten zu Tränen rührenden Filme. Und wie der japanische Altmeister Yamada mit seiner großartigen Hauptdarstellerin Sayuri Yoshinaga mit dem Kriegsmelodram "Kabei" bewies, erzeugt man die größten Gefühle oft mit den kleinsten Mitteln: mit kurzen Blicken, knappen Gesten und einer ruhigen Kamera, die voller Respekt und Empathie in Augenhöhe der Figuren bleibt und ihnen auch in weitester Distanz emotional so nahe ist, dass man ihre Herzen schlagen zu hören glaubt.