31.05.2011
AKW-Quartettspiel
Auftrumpfen mit dem Super-GAU
Es ist eine logische Folge nostalgischer Gefühle, die die Kinder der siebziger Jahre empfinden: Immer wieder stellen Medien Sachverhalte als Quartettspiel dar. Der brandneue "Festival Guide" des Pop-Magazins "Intro" etwa kommt mit einem Festival-Quartett, und bei SPIEGEL ONLINE erinnerte man sich der Pausenhof-Zockereien ebenfalls, indem man ein Abgeordneten-Quartettentwarf.
Auch als Geschenk, zu 35. oder 40. Geburtstagen zum Beispiel, schenken sich die Menschen aus der Generation Autoquartett seit ein paar Jahren Quartettspiele mit Plattenbauten, Dönerbuden und Dichtern. Mit einem Paukenschlag enterte die Hamburger Firma Weltquartett 2008 diesen Markt - mit einem Tyrannen-Quartett, bei dem die Spielkarten in Gruppen wie Monarchen, Faschisten, Kommunisten oder auch Völkermörder eingeteilt wurden.
Das Tyrannen-Quartett war der Auftakt in der Serie "Geißeln der Menschheit", die inzwischen Quartettspiele zu Ungeziefer, Seuchen und Rauschgift umfasst - und als neueste Folge: Atomkraftwerke. Manche der Abbildungen sind wohlbekannt, so die des Kraftwerks von Fukushima nach der Katastrophe - aber es gibt auch erstaunliche Bilder: Vor dem Schwerwasserreaktor in Karatschi sieht man Leute am Strand herumtollen und im Wasser baden.
Wo es einst bei den Autoquartetts darum ging, sich in Kategorien wie Hubraum, Geschwindigkeit oder Umdrehungen pro Minute ("U/min" wissen die Kenner) zu übertrumpfen, spielt man beim AKW-Quartett um die Bruttoleistung, die bisher angefallene Menge hochradioaktiven Mülls, die Bevölkerungszahl im Radius von 50 Kilometern und natürlich um die bisher höchste erreichte Alarmstufe bei einem Störfall.
Bei einer Kategorie wurden die Macher des Quartetts nun von der Aktualität überholt: Das Ende der geplanten Betriebszeit der Kraftwerke von den Karten A3 (Biblis), B2 (Unterweser) und B3 (Krümmel) ändert sich auf 2011, die der anderen deutschen Kraftwerke auf 2021. "Dieser Gefahr waren wir uns durchaus bewusst", sagt Jürgen Kittel, einer der beiden Weltquartett-Macher. Und wer wisse schon, was die nächste Bundesregierung dann wieder planen werde.
Mit dem Tyrannen-Quartett hatten Kittel und sein Mitstreiter Jörg Wagner Anfang des Jahres ziemlichen Ärger: Sie präsentierten es bei der Spielwarenmesse in Nürnberg - und nach einem Artikel der lokalen "Abendzeitung" reagierte die dortige Staatsanwaltschaft und eröffnete ein Ermittlungsverfahren wegen der Verwendung verfassungswidriger Symbole. Auf der Quartettkarte zu Adolf Hitler war in einer Ecke ein Hakenkreuz zu sehen, halb verdeckt durch ein großes gelbes Feld mit der Aufschrift "Blitz-Trompf".
Die Ermittlungen seien inzwischen eingestellt, sagt Kittel. Über ihre Anwältin hatten die Weltquartett-Leute angeboten, in folgenden Auflagen das "Blitz-Trompf"-Feld übers Hakenkreuz zu schieben.
Bei den Atomkraftwerken sind solche Schwierigkeiten nicht zu befürchten. Aber die etwas obskure Spielvariante mit dem Super-Trumpf, der alle anderen Karten stechen kann, gibt es auch diesmal wieder: C2 (Tschernobyl) und G2 (Fukushima Daiichi) tragen wieder das gelbe Feld. Aufschrift: "Super-GAU!" "Das konnten wir uns nicht verkneifen", sagt Jürgen Kittel.
Natürlich steckt viel schwarzer Humor hinter der Spielidee von Kittel und Wagner, doch in den Kategorien geht es auch um Technikfolgenabschätzung - und das ist ein deutlicher Unterschied zu den Autoquartetts von einst, bei denen man sich ungebrochen an den Höchstleistungen der Technik begeisterte.
Das Atomkraftwerke-Quartett und die anderen "Geißeln der Menschheit"-Spiele von Weltquartett sind für jeweils 10 Euro erhältlich über den Mailorder von Hafenschlamm Rekords.
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