10.02.2012
S.P.O.N. - Der Kritiker
Der Konsenskünstler
Eine Kolumne von Georg DiezDas ist jetzt also unser Nationalkünstler. Formschön, effizient und wertbeständig, teuer und in aller Welt geschätzt, ein Exportschlager, ein Meilenstein der Kunstgeschichte, der größte Maler der Gegenwart - so feiern sie Gerhard Richter rauf und runter, als sei die Kunst eine empirische Wissenschaft oder etwas, das man wirtschaftlich kalkulieren kann, oder überhaupt etwas, das noch Ordnung schaffen kann in dieser komplizierten Zeit.
Das ist das eigentlich Merkwürdige an den Jubelarien für Richter zu dessen 80. Geburtstag und seiner feierlichen Ausstellung in Berlin: Dass alle das Gleiche sagen, dass alle das Gleiche sehen, dass alle das Gleiche denken. Man muss nichts gegen Richter haben, um da erstmal unruhig zu werden - es ist einfach nie wahr, nie richtig und vor allem erschlagend langweilig, wenn sich die Menschen so einig sind. Aber Richters Bilder haben auch etwas, das ihn zum idealen Konsenskünstler macht.
Es ist ja eine durch und durch sympathische und verständliche Kunst, die Gerhard Richter präsentiert - selbst die abstrakten Gemälde sind genauso, wie man sich abstrakte Gemälde vorstellt, alles ist technisch einwandfrei bis an die Grenze der Perfektion, alles ist farbig und auf eine milde Art betörend, alles ist eher eine Geste der Versöhnung als der Verweigerung: Du bist nicht allein, sagen diese Bilder, die Leere, die du fürchtest, bildest du dir nur ein. Schau dich um, schau auf die Wolken, die Kerze, deine Frau. Die Welt ist schön.
Kunst für Menschen, die Kunst nicht mögen
Gerhard Richter ist ein Künstler für Menschen, die Kunst nicht mögen, aber gern ins Museum gehen. Die Bilder sind klar, schön und auf eine Art humorlos, die einen beruhigt, weil man ja Tiefe will, selbst wenn einer nur eine Klorolle oder einen Stuhl malt. Er ist aber auch ein Künstler für Menschen, die gern Kritiker sind, weil sie sich da in Werkphasen ergehen und überlegen können, ob Richter nun Marcel Duchamp widerlegt oder bestätigt. Seine Bilder sind ja auch tatsächlich komplizierter und konzeptioneller, als sie wirken - andererseits: Was zeigt er uns denn, was erzählt er uns, jenseits des wirklich überraschenden Frühwerks und dem auf brillante Weise banalen RAF-Zyklus?
Die grauen Bilder von 1962 bis 1965, die Zeitungsausschnitte zeigen, einen Tiger, einen verwischten Ferrari oder ein Bombergeschwader sind Alltagsexegese, politisches Echolot und Sehnsuchtsrufe nach einer Welt, die größer ist und anders - ohne je so etwas wie eine Utopie formulieren zu wollen oder zu können, dazu ist Richter, auch das macht seine Popularität heute aus, viel zu sehr Skeptiker und letztlich ein unpolitischer Künstler: Selbst das berühmte Bild von "Onkel Rudi" in Wehrmachtsuniform stellt eher formale oder private Fragen und vermeidet es, das weite, brutale Feld von Schuld und Geschichte zu öffnen.
Ähnlich und doch anders funktioniert der RAF-Zyklus, der keine Heldenfeier ist und doch eine große Totenstunde mit Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und dem Plattenspieler von Andreas Baader. 1988, also gute zehn Jahre nach dem gewaltsamen Tod der Terroristen, entrücken diese Bilder die Täter und holen sie doch sehr nah ran an eine Gegenwart, die keine Verwendung mehr für sie hat. Hier stellen sich, wie sonst nie im Werk von Richter, die Fragen nach Taten, Motiven, nach persönlicher Schuld, nach deutscher Geschichte auch - zur gleichen Zeit entstand aber auch das Bild des Mädchens Betty, einer Babysitterin von Richters Tochter, den Blick abgewandt, das blonde Haare in einen Knoten gefasst, die Jacke rot geblümt, von zarter Unschärfe umspielt: Das Postkartenhafte ist in diesem Porträt schon angelegt.
Danach folgen: Landschaften, Blumen, Kinderbilder, Familienidylle in den neunziger Jahren, mehr Blumen, Landschaften, Glasscheiben und ein riesiges, schönes, sinnleeres Fenster für den Kölner Dom. Gerhard Richter ist, mit anderen Worten, genau der richtige Maler für diese Zeit. Wir hatten ja schon den Mystiker und Weltkriegspiloten Joseph Beuys, der uns durch die sozialen Unruhen begleitet hat und die Grünen mitgründete. Wir hatten das postapokalyptische Poppanorama von Jörg Immendorffs "Café Deutschland", das im Achtziger-Jahre-Hedonismus der BRD ein wenig Weimarer Verzweiflung entdeckte, wir hatten den immer schwereren nationalen Mythenmaler Anselm Kiefer, der letztlich harmloser blieb, als er sein wollte. Jetzt haben wir Angela Merkel und Gerhard Richter.
Schwammig und schwer zu fassen sind sie beide, ein Vakuum schaffen sie beide, eine Leere, die man je nach Belieben füllen kann. Sie sind eher Gefäß als Inhalt, sie sind eher Form und Methode als Ziel und Richtung. In gewisser Weise schaffen sie damit die Politik und die Kunst ab. Sie definieren den Raum dessen, was sie tun, als Politik und Kunst, die Regeln allerdings sind neu oder alt, ganz wie man will, entweder 19. oder 21. Jahrhundert - jedenfalls erfinden sie sich einen Betrachter, der eigentlich längst abgeschafft schien, weil doch der Beteiligte, in der Politik wie in der Kunst, im 20. Jahrhundert immer wichtiger wurde. Das Hermetische ist das Wesen von Merkel wie von Richter: Kunst und Politik also als Zuschauersport. Es ist das Unzeitgemäße, das ihren Erfolg ausmacht.