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24.02.2012
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Rassismus-Ausstellung

50 Pfennig für "20 Sioux-Indianer, lebend"

Von , Paris

Ein Ex-Kicker als Kurator: Liliam Thuram, französischer Weltmeister-Fußballer, steht hinter einer Pariser Schau, die mit der Geschichte des westlichen Rassismus abrechnet. Im Zentrum stehen "menschliche Zoos", in denen das Publikum früher Eskimos, Indianer oder "koreanische Kannibalen" begaffte.

Einst schoss er brillante Flanken, heutzutage trägt er ebenso brillant Angriffe gegen Intoleranz vor. "Was mich interessiert, ist die Frage, wie unsere Zerrbilder entstehen, wie sie Eingang finden in unser kollektives Bewusstsein" - so begründet Liliam Thuram, einst Mitglied des französischen WM-Teams von 1998, seinen Einsatz für die Ausstellung "Zurschaustellung - die Erfindung des Wilden", die im Musée du Quai Branly in Paris zu sehen ist. Die Schau, die seit November über 100.000 Menschen besucht haben, gehört zu den größten Erfolgen seit das Museum 2006 eröffnet wurde: Am 6. Februar erhielt "Exhibitions, l'invention du sauvage" sogar den "Globes de Cristal" für die beste Ausstellung des Jahres.

Thurams eigene Biografie gab den Anstoß. "Ich kam mit neun Jahren nach Frankreich und wurde in der Volksschule nach einer TV-Serie als 'schwarzes Rindvieh' verhöhnt", berichtete der ehemalige Star-Verteidiger, der auf den französischen Antillen geboren wurde. "Meine Hautfarbe war das Problem." Nach dem Ende seiner Sportler-Karriere vor drei Jahren hatte Thuram die Stiftung "Erziehung gegen Rassismus" gegründete.

Zu sehen sind in der von ihm kuratierten Museumsschau "menschliche Zoos", also die einstige Zurschaustellung von Eingeborenen und Exoten, die die Grundlage schuf für Rassismus und Intoleranz: Eskimos, Indianer, Pygmäen oder die berühmte Venus der Hottentotten, die allesamt als lebende Begaff-Objekte die Fantasien des westlichen Publikums berauschten und Vorurteile betonierten.

Thuram selbst wurde mit den Ursprüngen europäischen Rassismus' erstmals 2002 durch Pascal Blanchards Buch "Zoos humains" (Menschenzoos) konfrontiert. "Wie kommt es zur Hierarchisierung der Menschheit", fragt Thuram, selbst Mitautor von "Meine schwarzen Stars - von Lucy zu Barack Obama". "Wie konnte man sich vorstellen, die schwarze Rasse sei das fehlende Glied zwischen Mensch und Affe?" Zusammen mit dem Historiker Blanchard und der Museumskuratorin Nanette Jacomijn Snoep ging er der Frage nach. Daraus entstand die Rückschau auf die Jahrhunderte lange Verbindung von Kolonialismus, Wissenschaft und Varieté.

Überheblichkeit gegen das Fremde

Die Ausstellung im Musée du Quai Branly stellt sie in den Mittelpunkt, die Frauen, Männer und Kinder, aus Afrika, Asien oder Ozeanien, die im "fortschrittlichen Westen" vorgeführt wurden. Bei Zirkusnummern, bei Theateraufführungen oder in Ausstellungen, in Kabaretts und Varietés oder anlässlich der Weltausstellungen, bei denen die Wilden von Millionen Zuschauern beglotzt wurden.

Gewiss, die Überheblichkeit gegenüber den "fremden Wesen" prägte schon den Blick der Pharaonen auf die kleinwüchsigen Nubier im heutigen Sudan. Die römischen Kaiser schmückten ihre Beutezüge mit "Barbaren", die Herrscherhäuser der Renaissance ergötzten sich an Zwergen, Riesen oder Menschen anderer Hautfarbe - so etwa beim Einzug Henri II in Rouen 1550. Die systematische Ausbeutung des Andersartigen beginnt jedoch mit der Entdeckung Amerikas 1492. "Christoph Kolumbus bringt von seiner ersten Reise sechs Indianer mit, als Beweis seiner Heldentat", so die Anthropologin Jacomijn Snoep. "Bei der zweiten Expedition sind es schon dreißig."

Die Kolonialherren nutzen die Schwarzen dann später einerseits als Sklavenarbeiter zur wirtschaftlichen Eroberung, andererseits dienen die "Wilden" als Objekte der Neugier. Die Forscher bemächtigen sich mit Verve des wissenschaftlichen Neulands, die Exoten werden gemalt, vermessen und klassifiziert. Die Farbe von Augen, Haut und Haaren werden Kriterien zur Inventarisierung der Rassen. Berühmt wird der Fall der Saartje Baartman aus Südafrika, die als "Venus der Hottentotten" zwischen 1810 und 1815 erst in London und dann in Paris als Attraktion vorgeführt wird. Der Blick auf die Frau, deren Körper nach ihrem Tod obduziert und aufbewahrt wird, kostete drei Francs.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts werden die kruden Theorien zur Legitimation für die Unterwerfung und Ausbeutung ganzer Kontinente. Zugleich wandelt sich das Interesse an den ethnisch Andersartigen und gerät zu einem neuen Genre - einer "expandierenden Industrie exotischer Spektakel" (Jacomijn Snoep).

Man wird nicht als Rassist geboren

Zwischen 1850 und 1930 erreicht die Zurschaustellung des Andersartigen bei den Welt- und Kolonialausstellungen dann ihren Höhepunkt. Hamburgs Hagenbeck-Park bietet Eskimos, Veranstalter wie "Castans Panoptikum" bewarben in Zeitungsanzeigen "20 Sioux-Indianer, lebend"; zum Eintrittspreis von 50 Pfennig, Kinder die Hälfte.

Mit Kulissen, Kostümen und Akteuren werden lebende Bilder in Szene gesetzt und ganze Dörfer, Tempel oder Kraale nachgebaut. Ob in Frankreich, in England, in den USA oder in Japan: Plakate und Anschläge überbieten sich mit grotesken Hinweisen. Stuttgarts Völkerschau von 1928 wirbt mit grinsenden Eingeborenen. Lyon wirbt zur "Ethnographischen Ausstellung" mit barbusigen Frauen aus "Senegal, Sudan und Dahomey". Das "Royal Aquarium" in London zeigt "pygmäenhafte Erdmenschen", eine Ausstellung von Tokyo führt 1914 im "Pavillon des Südmeers" eine Gruppe "Koreanischer Kannibalen" vor.

Die Weltausstellungen - zugleich Propaganda-Vehikel, Vergnügungsparks wie ideologische Fabriken des pseudo-wissenschaftlichen Rassismus -, erzeugen Nebenprodukte wie Gemälde, Fotografien und Postkarten. Die Ansichten aus dem grotesken Fundus der "Welttheater" werden als Sammelbildchen in Automaten vertrieben, Schokolade oder Kakaopulver beigegeben. Die tausendfach produzierten Artikel dieser Massenkultur beleuchten die Ausbreitung eines Phänomens, das stets auf den Unterschied zwischen "Wir" und "Denen" abhebt.

Die Grundzüge dieser durch die Vergnügungsindustrie perfide verbreiteten Ideologie bleiben indes dieselben: Die herablassende oder neugierige Arroganz zeugt vom Bewusstsein der vermeintlichen Überlegenheit des Okzidents über die "minderwertigen Rassen", die sich der Herrschaft des Weißen unterwerfen müssen.

"Wir werden von der Vergangenheit geprägt, man wird nicht als Rassist geboren, sondern man wird es", formuliert Thuram seine Botschaft vor den Exponaten einer grotesken Vergangenheit. "Intelligenz hat keine Hautfarbe", sagt er, der als Uno-Botschafter in Haiti unterwegs war und sieben Jahre in Frankreichs Integrationsbeirat saß. Die Ausstellung schließt daher auf den Wunsch Thurams mit einer Installation des Graffiti-Künstlers Vincent Elka. Dessen Video zeigt die anderen Formen real-existierender Diskriminierung - gegen Frauen, Behinderte, Homosexuelle.

"Rassismus ist ein Ergebnis von Erziehung und Kultur", sagt Thuram. "Rassismus ist ein intellektuelles Konstrukt - und deswegen kann man es auch demontieren."


"L' Invention Du Sauvage", Musée du Quai Branly, Paris, noch bis zum 3. Juni 2012

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