25.02.2012
Senegals verhinderter Pop-Präsident
Die Straße ist mit Youssou N'Dour
Aus Dakar berichtet Dialika NeufeldKurz nachdem die ersten Steine Richtung Polizeiblockade fliegen, steigt Youssou N'Dour durch das Dachfenster seines schwarzen Ford-Geländewagens und kostet schon mal ein bisschen Macht.
Die Macht fühlt sich ungewohnt an für ihn. Er streckt seine rechte Faust in die Luft. Er trägt ein weißes Hemd mit schwarzen Knöpfen, Anzug und eine bonohaft getönte Brille, durch die er über die Menge schaut wie ein Truppenführer, der die Reihen seiner Kämpfer überblickt: Jungs mit neonfarbenen Pfeifen um den Hals, Studenten, Wasserverkäuferinnen, die ihre Ware auf dem Kopf tragen. "Youssou président", rufen sie. Sie sind gekommen, um ihre Demokratie zu verteidigen, aber auch, weil sie ihn sehen wollen, ihn mit ihren Handykameras einfangen, den größten lebenden Musiker Afrikas, Nationalhelden, Grammygewinner. Den Mann, der nun auch noch Präsident werden will.
Youssou N'Dour, 52, gilt als die Stimme Afrikas. Eine Stimme wie "flüssiges Silber", so hat Peter Gabriel es mal gesagt. Seine Karriere begann in den achtziger Jahren, als er anfing, mit seiner Band Super Étoile de Dakar die traditionellen Klänge seiner Heimat Senegal mit Einflüssen aus der ganzen Welt zu verschmelzen - mit lateinamerikanischer Musik, mit Soul, Jazz, Rock. Er wurde zum berühmtesten Vertreter der World Music, sang über das Leben im Senegal und in Afrika, über Liebe und Religion. Für den Hit "7 Seconds", den er 1994 mit Neneh Cherry aufnahm, wurde er mit mehreren Goldenen Schallplatten ausgezeichnet. 2005 gewann er einen Grammy.
Aufruhr in Dakars Altstadt
Mehr als 20 Alben hat er aufgenommen. Er besitzt eine Radiostation, einen Fernsehsender, eine Zeitung, beschäftigt Hunderte Angestellte. 2007 nahm das europäische "Time"-Magazin ihn in seine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt auf. Aber macht ihn das automatisch zu einem guten Politiker?
An diesem Nachmittag, zweieinhalb Wochen vor den Präsidentschaftswahlen, ist er zu Fuß von der Universität von Dakar bis zu dieser Kreuzung marschiert, zusammen mit den Oppositionsführern, den meisten der 14 Präsidentschaftskandidaten des Landes und Tausenden Demonstranten. Ihr Ziel sollte das Innenministerium sein, sie wollten der Regierung zeigen, dass sie kämpfen werden, doch nun stehen da die Polizeibeamten, mit Helmen, Tränengas und Waffen und versperren ihnen den Weg.
Wahrscheinlich würden die Demonstranten die Blockade stürmen, wenn Youssou N'Dour es ihnen sagen würde. Er könnte sie genauso gut nach Hause schicken. So ist das mit der Macht. Man muss Entscheidungen für viele treffen.
Das Konzept "Star geht in die Politik" ist beliebt in noch jungen Demokratien. Da ist Wyclef Jean, Rapper und früher Mitglied der Fugees, der sich 2010 als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen in seinem Heimatland Haiti bewarb. Da ist Vitali Klitschko, der Boxer, der plant, im Herbst mit seiner Partei Udar (Schlag), bei der Parlamentswahl in der Ukraine anzutreten. Und da ist Youssou N'Dour, Kind der Médina, der Altstadt von Dakar, eines pastellfarbenen Geflechts von Gassen und Straßen, in dem er einst seine Musikkarriere begann und durch das er heute Demonstrationszüge führt.

