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02.02.2013
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Comeback des Mojo Club

Stiltempel in der Saufzone

Von Christoph Twickel
Fotos
DPA

Zwischen Ballermann und Gentrifizierung: Hamburgs Reeperbahn steckt in einer Identitätskrise. Da kommt die Wiedereröffnung des legendären Mojo Club gerade recht - ein retrofuturistischer Traum unter der Erde. Kehrt damit auch die Pop-Kultur auf den Kiez zurück?

Reeperbahn, was ist bloß aus dir geworden!

Zwei Glaszähne mit Knick zieren das Entree der prominentesten deutschen Amüsiermeile: die "Tanzenden Türme". Das Konzept stammt aus dem Jahr 2003, als Hamburgs Stadtväter gerade das moderne Stadtmarketing entdeckt hatten. Großkünstler Jeff Koons sollte die Reeperbahn mit zwei überdimensionalen Spielzeugkränen verzieren, an denen riesenhafte Gummitiere hängen - das Projekt scheiterte. Die "Tanzenden Türme" jedoch, die der Hamburger Architekt Hadi Teherani als "lustigen, aus dem Boden schießenden Entwurf" anpries und mit einem Tango-tanzenden Paar verglich, wurden gebaut.

Und nun, ein halbes Jahr nach Fertigstellung, ruhen ausgerechnet auf diesem Scheusal die Hoffnungen von Hamburgs Clubkultur. Am Samstag eröffnet in den "Tanzenden Türmen" der legendäre Mojo Club wieder - zehn Jahre, nachdem er offiziell schließen musste. Der sogenannte Dancefloor Jazz machte den Club in den Neunzigern international berühmt: Soul, HipHop, tanzbare Jazznummern. Der Sound kam aus London, wo DJs wie Gilles Peterson von Blue Note bis Latin Bugalú die Rare Grooves der Fünfziger bis Siebziger neu entdeckten. Seinen Ort fand er aber im Mojo Club der Neunziger - auf einer Reeperbahn, die damals noch anders aussah.

Ganz anders. Aids und VHS hatten das Sexbusiness in der zweiten Hälfte der Achtziger schrumpfen lassen. Aus den notleidenden Rotlichtbars und Stripteaseschuppen wurden Tanzlokale für Rare-Groove-Connaisseure: Tempelhof, Baton Rouge, Soul Kitchen - und eben der Mojo Club. "Für Clubs war das die beste Zeit der Reeperbahn", erinnert sich Leif Nüske, der zusammen mit Oliver Korthals das legendäre Original in einer Bowlingbahn von 1958 betrieb. Nun haben sich die beiden von dem österreichischen Baukonzern Strabag und dem Innenarchitekten Thomas Baecker ein Kleinod unter das Pflaster der Reeperbahn bauen lassen - und zwar genau unter die besagten zwei Türme.

Der unterirdische Club: Ein aufwändiges Projekt, das nur möglich war, weil der Investor irgendwann begriffen hat, dass es aus Imagegründen nützlich sein könnte, den weltberühmten Club im Neubau zu integrieren. "Eine Zeitlang wollten die uns nur alibimäßig reinstopfen", sagt Nüske. "Irgendwann fanden sie das Projekt dann aber auch großartig."

Durch zwei schleusenartige Tore, die aus dem Boden fahren, geht es über gewundene Treppen in das unterirdische Innere, das aussieht, als habe jemand ein Fünfziger-Jahre-Kino in Beton gegossen und mit dunklen Hölzern eingerichtet. Ein retrofuturistisches Rondell, puristisch gestaltet, stilistisch Lichtjahre entfernt von der Geschmacklosigkeiten der umliegenden Designhotels und Eventgastronomien. Beeindruckend.

Ein wenig Mailänder Scala

"Wir haben uns dafür alte Rundfunksäle angeschaut", sagt der alte und neue Mojo-Impresario. "Und ich hatte immer ein wenig die Mailänder Scala im Kopf." Eigentlich hätte es schon im Oktober 2012 so weit sein sollen, doch - die Elbphilharmonie lässt grüßen - die Strabag meldete ein paar Tage vor Übergabe Verzug. Auch jetzt, kurz vor der Eröffnung, wird noch an allen Ecken geschliffen, gebohrt und geklebt. Der Tag der dicken Bässe soll dann der Freitag sein, elektronische Beats unter dem Motto "Frequencies". Der 800-Leute-Saal ist ideal für Konzerte mittlerer Größe, im Jazz Café im Erdgeschoss gibt es belegte Stullen und Filterkaffee. Und der Samstag gehört - wie früher - dem Dancefloor Jazz.

Das einträgliche Nebeneinander von Touristen-Nepp, Rotlicht und Subkultur, das die Reeperbahn zu alten Mojo-Zeiten prägte, ist heute Geschichte. Systemgastronomien erobern die geile Meile, gesichtslose geräumige Saufschuppen mit Hintergrundmusik. Vorläufiger trauriger Höhepunkt der Entwicklung ist die Wandlung des Café Keese: Aus dem 1948 gebauten Tanzlokal wird eine Filiale des Sylter Fischimbiss-Magnaten Jürgen Gosch. Mit witzigen Angeboten wie dem "FKK-Fischbrötchen" natürlich, schließlich ist man ja auf dem Kiez - Ostern ist Eröffnung. Die Billigkonkurrenz war allerdings schneller: 200 Meter weiter gibt's eine "Back Factory"-Filiale.

Noch schlimmer als diese Filialisierung findet Andi Schmidt, Betreiber des Musikclubs Molotow, die Drink-to-go-Kioske, die heute den Kiez pflastern: "Wenn hier ein Sexshops dicht macht, kommt sofort so ein Laden da rein. Eine Kasse und Getränkekisten bis zur Decke, das war's." Irgendwann, sagt Schmidt, dessen Molotow gerade zum Club des Jahres in Hamburg gekürt wurde, hätten Ballermann-Kids die Reeperbahn übernommen. "Und die interessieren sich nicht für Musik."

Ballermann-Kids übernehmen

"Kein Abriss!" steht in großen Lettern über dem Eingang zu dem Kellerclub am Spielbudenplatz. Das Ensemble rund um die legendäre Esso-Tankstelle, in dem das Molotow residiert, soll verschwinden, wenn es nach dem Willen der Bayerischen Hausbau geht, die es 2009 gekauft hat. Vor einem Jahr schrieb Schmidt mit seinen Mitbetreibern einen offenen Brief an die Stadt: "Es geht um ein Amüsierviertel, dessen einzigartiges Flair und Gesicht immer mehr verschwindet", warnten die Macher des Clubs, in dem schon Mando Diao, The Black Keys oder The White Stripes spielten. Anfang 2012 erklärten die Münchner Investoren kategorisch, das gesamte Areal mitsamt den dahinter liegenden Wohnhäusern und dem Gewerberiegel abreißen zu wollen.

Dagegen haben sich die Bewohner und Gewerbetreibenden zur "Initiative Esso Häuser" zusammengeschlossen. Ende Februar soll ein unabhängiges Gutachten darüber befinden, ob die berühmte Tanke und die kieztypischen Frühsechziger-Mietskasernen nicht doch saniert werden könnten. Einstweilen kämpfen Esso-Häuser-Mieter und Unterstützer mit kulturellen Mittel für das kieztypische Biotop: Der Musiker Thomas Wenzel (Die Sterne, Die Goldenen Zitronen) nahm den Song "Echohäuser" auf, der Fotograf und Kiezaktivist Frank Egel drehte ein Video mit den Bewohnern der Häuser:

Auf 19.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche wollen die Bayern Wohnungen bauen lassen - davon ein Drittel Eigentumswohnungen. Denn aller Ballermannisierung zum Trotz wird St. Pauli auch als Wohnstadtteil immer attraktiver. Gentrifizierung ist das Thema auf dem Kiez - unter dem Schlachtruf "S.O.S. St. Pauli" etwa machen die Bewohner des Viertels dagegen mobil. "Da zieht dann das reiche Kiddie aus Poppenbüttel mit dem Geld von Papa auf den Kiez, weil es hier so schön crazy ist", schimpft Andi Schmidt. "Und wenn's nachts zu laut ist, wird die Polizei angerufen."

Im Dezember 2012 machte der offene Brief einer Band aus dem berüchtigten Lehmitz vis-á-vis vom Molotow Furore. Die Musiker empörten sich darüber, dass sie wegen Lärmbeschwerden aus einem benachbarten Neubau "an der vollen Erfüllung ihrer Bestimmung (laut und dreckig spielen)" gehindert wurden:

"Es gibt zig wunderschöne und ruhige Ecken in Hamburg, wo Ihr wohnen könntet, aber nein, es muss St. Pauli sein, damit Ihr in eurem Umfeld damit prahlen könnt, dass Ihr ja jetzt im In-Viertel wohnt, nicht wahr? Ihr zerstört den Kiez, St. Pauli und alles, wofür es seit mindestens 200 Jahren steht und stand: einen bunten, lauten und auch mal dreckigen Mix mit vielen verschiedenen Menschen."

Wird das Mojo der neue Konsens-Club?

Für den Mojo Club, der am Samstag seine Eröffnung feiert, werden Lärmbeschwerden kein Problem sein. Damit die Monsterbässe nicht die Hotelgäste im "Tanzende Türme"-Komplex stören, sitzt der Club als Raum-in-Raum-Konstruktion auf riesigen Stahlfedern. "Wenn du drinnen stehst, vibriert dir der Kehlkopf", schwärmt Leif Nüske. "Und wenn du nur einen Schritt raus trittst: Nichts mehr!" Dass der neue Mojo Club so gar nicht den improvisierten Kiez-Charme früherer Tage atmet, hält Nüske für unproblematisch. "Wir waren nie ein typischer Kiez-Club, wir haben uns immer international orientiert. Es wird immer irgendwo einen Keller geben oder eine alte Fabrikhalle, die für ein paar Jahre hip ist. Das wollten wir nie sein. Die Frage ist eher: Schaffen wir es, der Konsens-Club zu sein, auf den sich die Leute einigen können?"

Ballermannisierung hin, Gentrifizierung her: Andi Schmidt vom Molotow jedenfalls freut sich auf den neuen Nachbarn. "Ich bin heilfroh, dass es das Mojo wieder gibt", sagt er. "Jeder coole Laden, der andere Leute anzieht als diese Sauftypen, ist Gold wert."

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Ein Konzept
Palisander 02.02.2013
auch grafisch weiterzuentwickeln ist keine Schande.....
auch grafisch weiterzuentwickeln ist keine Schande.....
2. Ach Leute......
ctwalt 02.02.2013
Wenn das "Party machen" heute primär aus saufen besteht und nicht aus tanzen und feiern, werden "wenger als € 1,- für 0,5 L Bier Läden" auch nicht verschwinden. Touristennnepp und Billigschrott sind für mich [...]
Wenn das "Party machen" heute primär aus saufen besteht und nicht aus tanzen und feiern, werden "wenger als € 1,- für 0,5 L Bier Läden" auch nicht verschwinden. Touristennnepp und Billigschrott sind für mich die Markenzeichen des Hamburger Kiez. Stress mit irgendwelchen streitsüchtigen, angetrunkenen oder anderweitig zugedröhnten Idioten tut sich doch keiner freiwillig an. Sofern der neue Mojo Club nicht € 20,- Eintritt und € 5,- für ein Bier aufruft, werde ich den gern besuchen.
3.
verpiler 02.02.2013
Die Reeperbahn wird völlig überschätzt. Selbst, wenn ich in Hamburg wäre, würde mich dort nichts hinführen. Und ich prognostiziere, dass es mit der Erholungsmeile auch weiterhin bergab gehen wird. Die Exklusivität hat sie [...]
Zitat von sysopZwischen Ballermann und Gentrifizierung: Hamburgs Reeperbahn steckt in einer Identitätskrise. Da kommt die Wiedereröffnung des legendären Mojo Club gerade recht - ein retrofuturistischer Traum unter der Erde. Kehrt damit auch die Pop-Kultur auf den Kiez zurück? Der Mojo Club auf der Reeperbahn in Hamburg wird wiedereröffnet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-mojo-club-auf-der-reeperbahn-in-hamburg-wird-wiedereroeffnet-a-816691.html)
Die Reeperbahn wird völlig überschätzt. Selbst, wenn ich in Hamburg wäre, würde mich dort nichts hinführen. Und ich prognostiziere, dass es mit der Erholungsmeile auch weiterhin bergab gehen wird. Die Exklusivität hat sie jedenfalls jetzt schon verloren.
4.
Ty Coon 02.02.2013
Mich führt dort heute auch nichts mehr hin, obwohl ich nur 2 km entfernt wohne. Die Stimmung an der "großen Straße" ist schon lange gekippt. Früher konnte man am Hamburger Berg noch gepflegt Party machen, aber [...]
Zitat von verpilerDie Reeperbahn wird völlig überschätzt. Selbst, wenn ich in Hamburg wäre, würde mich dort nichts hinführen.
Mich führt dort heute auch nichts mehr hin, obwohl ich nur 2 km entfernt wohne. Die Stimmung an der "großen Straße" ist schon lange gekippt. Früher konnte man am Hamburger Berg noch gepflegt Party machen, aber die Zeiten sind heute auch vorbei. Der Hamburger Berg unterscheidet sich kaum noch von der Großen Freiheit.
5.
wollexxxx 02.02.2013
war neulich nach vielen Jahren am WE mal wieder auf dem Kiez. Schrecklich !Tausende von volltrunkenen, mehr oder weniger auch aggressiven Vollpfosten unterwegs. War das schon immer so ? Hat mich von den Gestalten her ein [...]
Zitat von sysopZwischen Ballermann und Gentrifizierung: Hamburgs Reeperbahn steckt in einer Identitätskrise. Da kommt die Wiedereröffnung des legendären Mojo Club gerade recht - ein retrofuturistischer Traum unter der Erde. Kehrt damit auch die Pop-Kultur auf den Kiez zurück? Der Mojo Club auf der Reeperbahn in Hamburg wird wiedereröffnet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-mojo-club-auf-der-reeperbahn-in-hamburg-wird-wiedereroeffnet-a-816691.html)
war neulich nach vielen Jahren am WE mal wieder auf dem Kiez. Schrecklich !Tausende von volltrunkenen, mehr oder weniger auch aggressiven Vollpfosten unterwegs. War das schon immer so ? Hat mich von den Gestalten her ein bisschen an die Engländersaufmeile in San Antonio-Ibiza erinnert. Bloss weg und Tschüss !

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