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24.02.2012
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Fotograf Boris Michailow

Witzbold trifft Trunkenbold

Von Karin Schulze

Immer feste druff, aber mit Humor: Der ukrainische Fotograf Boris Michailow ärgerte mit seinen schonungslosen Alltags-Bildern erst die roten Machthaber, dann die neuen. Zuletzt fotografierte er auch verkniffene Berliner. Die Hauptstadt ehrt ihn jetzt mit der ersten großen Schau in Deutschland.

Berlin - Ausgerechnet die Obdachlosen seiner ukrainischen Heimatstadt Charkow haben Boris Michailow im Kunstbetrieb bekannt gemacht. Seine Fotos zeigen, wo sich ihr sozialer Abstieg in der postsowjetischen Zeit in ihre Körper eingegerbt hat: in ihre Züge, ihre Zahnlücken, ihre Narben. Seine Kamera scheint alles bloßzulegen: Hoffnungslosigkeit, Selbstaufgabe und Suche nach Wärme - in einem hohlen Baum, im Wodka, beim anderen.

Viele Fotos der Serie "Case History" von 1997/98 sind schonungslos, unverschämt und zudringlich. Sie zwingen einen hinzusehen, wo es weh tut. Und doch ist der heute 73-jährige Michailow nicht in erster Linie ein Dokumentarfotograf. Wie seine Aufnahmen in unterschiedlicher Weise auf die Geschichte der letzten 50 Jahre reagierten, das zeigt jetzt die Berlinische Galerie mit der ersten großen Überblicksschau in Deutschland.

Raketeningenieur mit Liebe zur Fotokunst

So richtig gepackt hat ihn die Liebe zur Fotografie, so erzählt Michailow immer wieder gern, als er seinen Job als Ingenieur in einem Raketenbaubetrieb verlor. Er hatte Aktaufnahmen von seiner Frau gemacht, die dem KGB in die Hände fielen. Man warf ihm Pornografie vor. Und ihm wurde gekündigt.

Michailow findet damals eine neue Anstellung, greift aber privat immer öfter zur Kamera. Noch Ende der Sechziger beginnt er die Serie der "Überblendungen". Er projiziert zwei Dias übereinander und erzielt quietschbunte, flirrend-surreale Effekte: Just am Steißbein einer knienden Nackten schlägt ein Pfau sein irisierendes Rad. Und über zwei tanzende Frauen wird eine Art Debrecziner geblendet, als ginge es in ihrem Ringelreigen um die Wurst.

Die Serie erregt Aufsehen in der inoffiziellen sowjetischen Kunstszene. In regimefernen Kreisen zeigt er sie gewöhnlich als Diashow und legt dazu Musik auf. Pink Floyd etwa. Psychedelischere Sessions gab es in der Sowjetunion wohl kaum.

Schon zeigt sich: Michailow ist einer, der darauf besteht, auf seine Kosten zu kommen, der in seinen Bildern die Verhältnisse zum Tanzen bringt und dabei ihr Verdrängtes und ihre Restriktionen fühlbar macht.

Sein "Black Archive" konfrontiert dann intime, erotische oder übermütige Szenen in privaten Wohnungen mit Fotos vom zugeknöpften Leben draußen. Die "Rote Serie" führt den propagandistischen Einsatz von Rot ad absurdum. Was hier die Couleur der Parteiflagge ist, taucht dort wieder auf: als Hautrötung auf einem pickeligen Männerkinn oder als Färbung der Kuscheldecke unter den Schenkeln eines Minirockmädchens.

Den Geheimdienst aufs Korn genommen

Als er Ende der siebziger Jahre Kontakt zu Ilja Kabakow und dem Kreis der Moskauer Konzeptualisten bekommt, beginnt Michailow mit Bild-Text-Kombinationen. Diese Technik kommt ihm zu Beginn der achtziger Jahre gerade recht. Als die zunehmende Überwachung des Andropow-Regimes das öffentliche Leben noch einförmiger macht, kann er, was er nicht abbilden kann, sprachlich andeuten. Zum halbherzig nachkolorierten Foto eines desolat abgewrackten Hinterhofs etwa notiert er: "Buntstifte helfen auch nicht mehr - der Sommer soll kommen..." Und man ahnt, dass er mehr herbeisehnt, als nur eine wärmere Jahreszeit.

Schließlich wird er immer mal wieder vom KGB vorgeladen. Einmal, so vermutet er, klauen ihm die Spitzel sogar seine Fotos aus einem Schließfach. Sein Tun ist verdächtig, er wird beobachtet, man will ihn einschüchtern. Mehr passiert aber nicht. Trotzdem hat ihn das Thema bis heute nicht losgelassen. Aktuell hat er ein Projekt begonnen, das per Fotoinszenierung den sowjetischen Geheimdienst aufs Korn nimmt.

Als die Sowjetunion dann zerfallen ist und in der Zeit des Umbruchs auch Charkow zunehmend zerfällt, macht er die blau getönte Serie "At Dusk". Sie wirkt wie ein Requiem auf eine verlorene Stadt: In den Aufnahmen von 1993 scheint die Gegenwart bruchlos anzuschließen an die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs oder das Elend vorrevolutionärer Zeiten.

Schon ein Jahr später fällt die Rückbesinnung weit weniger elegisch aus. Verkleidet als Nazi-Offiziere agieren Michailow und seine Künstlerfreunde vor der Kamera alle möglichen Sadismen und Perversionen aus, als posierten sie für einen Nazi-Porno - schließlich zielt der karnevaleske Reigen mit dem Titel "Wenn ich ein Deutscher wäre..." weniger auf die realen Gräueltaten als auf die Unterminierung von Projektionen und Vorurteilen.

"Einen wie ihn sollte man nicht in die Stadt lassen"

In der Ukraine hat ihm das und haben ihm vor allem die Obdachlosen-Porträts nicht nur Freunde gemacht. Ein Kulturminister habe gesagt, so erzählte der Künstler am Eröffnungstag der Berliner Schau, er wolle ihn, Michailow, am liebsten erwürgen. Und ein Bürgermeister meinte, einen wie ihn sollte man nicht in die Stadt lassen.

Und doch. Auch wenn er seit 2000 in Berlin lebt, zum Fotografieren kehrt er immer wieder nach Charkow zurück. Deutschland ist ihm noch immer fremd. Zu glatt, zu geregelt.

Aufgenommen hat er hier aber doch etwas: Alternde Paare, die ihm irgendwo entgegenkamen. Sie haben sich schick gemacht. Sie gehen bummeln am Ku'damm. Oder ins Varieté. Sie leben in properen Verhältnissen. Sie essen ein Eis vom Italiener. Ihre Mundwinkel aber sind verkniffen.

Und es ist ein bisschen, als sagten diese Bilder: Alles bunt hier. Es ist Sommer. Hey, und jetzt?

Bis zum 28. Mai in der Berlinischen Galerie, Katalog (Distanz Verlag) 24,80

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