24.02.2012
S.P.O.N. - Der Kritiker
Die gehen uns auf den Geist
Eine Kolumne von Georg DiezVielleicht verlieren wir langsam den Verstand. Die Angst ist jedenfalls da. Sie wird in Bücher gepackt. Sie steht ganz oben in der Bestsellerliste.
Rudi Assauers Geschichte ist traurig und ganz normal. Es ist der Weg in die Dunkelheit, in das Vergessen, in das Niemandsland, das unser Gehirn auch sein kann. Er geht diesen Weg ganz allein, weil er das, was seine Welt ausmacht, mehr und mehr hinter sich lässt. Die Angst, die dieses Buch auf Platz eins gebracht hat, wandert durch unsere Köpfe. Wir wollen mit Rudi Assauer gehen, um zu sehen, wie es dort aussieht, wo wir nicht sind. Alzheimer, so heißt dieses Angstsymptom. Wir wollen uns versichern, dass wir noch dort sind, wo der Verstand herrscht.
Aber was ist der Verstand? Wie funktioniert er? Wie verlässlich ist er? Wie sicher können wir uns sein, dass die Welt so ist, wie wir sie uns vorstellen? Wie sicher können wir sein, dass wir diejenigen sind, die wir glauben zu sein? Wenn unser Denken uns betrügt, wie einsam sind wir dann?
"Egal, wo Reto hinschaut, überall sieht er Rockstars." So beginnt das Buch "Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli, das vor Rudi Assauers Alzheimer-Memoiren auf Platz eins stand - natürlich ein übersehener Bestseller, das könnte Dobelli leicht erklären, weil er in kein Erwartungsschema passt, weil unsere Erwartungen und Vorprägungen das bestimmen, was wir sehen und wahrnehmen. Ein eher spröde und ein wenig besserwisserisch geschriebenes Buch über "52 Denkfehler", ein Buch aus Kolumnen, die man im Feuilleton der "FAZ" immer leicht übersehen konnte.
Wach auf, du Schaf
Dobellis Buch ist keine Demutsgeste der Seele, sondern eher ein kumpelhaft-optimistisches Anrempeln, das dem gestresst-gebildeten Leser sagt: Schau mal, wach auf, du Schaf, nur weil du eine Krawatte trägst und einen BMW X5 fährst oder dir die Nägel lackierst und weißt, wo man in London die besten Dumplings isst, heißt das noch lange nicht, dass du dich verhältst wie die Krönung der Schöpfung. Du bist ein Tier, sagt Dobelli im Grunde, pass auf, dass du das nicht vergisst.
Denn das ist die Konsequenz all der Erkenntnisse der neuesten Hirnforschung und der Evolutionspsychologie, die Dobelli in seinem Buch so geschickt zusammensucht: Die Herrschaft der Biologie über den Geist. Der "biological turn" ist in den Zeitungskolumnen und den Bestsellerlisten angekommen. Auch die Gesellschaftsanalyse des "New York Times"-Kolumnisten David Brooks etwa, "Das soziale Tier", die im April auf Deutsch erscheint, beschreibt, wie der Zweifel an der Rationalität unseres Handelns unseren Platz in der Welt, aber auch unser Bild von uns selbst, relativiert. Wir sind nicht Herr im eigenen Haus, sagt Brooks, der Verstand, sagt er, ist dem Gehirn unterlegen.
Er trennt also zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun. Von den aberwitzig vielen Informationen, die in jeder Sekunde auf uns einprasseln und die unser Gehirn wahrnimmt, ohne uns Bescheid zu sagen, kann der Verstand überhaupt nur einen winzigen Teil verarbeiten: Wer ist zum Beispiel diese Frau? Wie bewegt sie sich? Wie riecht sie? Wenn wir glauben, dass wir von Liebe reden, sagt Brooks, dann sollten wir uns überlegen, wie frei wir überhaupt sind in unseren Entscheidungen.
Freud in die Angestellten-Logik überführt
Denn das ist die andere Seite dieses Biologismus: Die Freiheitsfrage stellt sich anders und neu, genauso die Frage nach dem Konstrukt des Individuums, auf dem ja schließlich die Moderne aufbaut. All das hat politische Konsequenzen. Sigmund Freud hat am Beginn des 20. Jahrhunderts im Grunde ähnliche Fragen an seine Zeit gestellt, Bücher wie die von Brooks sind letztlich die Überführung von Freud in die Angestellten-Logik des frühen 21. Jahrhunderts - das Unbewusste und Ödipus werden ersetzt durch Manipulation und Darwin. Literatur und Kunst als Deutungsfelder machen Platz für die Naturwissenschaften.
Das ist auch ein Einwand, den der Physiker Freeman Dyson in der "New York Review of Books" gegen das Buch von Daniel Kahneman macht: "Schnelles Denken, langsames Denken", das im Mai endlich auf Deutsch erscheint - Kahneman spricht nicht wie Freud vom Es und vom Über-Ich, er spricht vom System Eins und vom System Zwei. Dem schnellen Denken einerseits, das uns etwa das Überleben in der Wildnis sichert, aber auch die meisten unserer Erinnerungen und Wahrnehmungen verarbeitet, und dem langsamen Denken andererseits, das zum Beispiel Reflexion, Urteilskraft und Kritik ermöglicht. Eine Art Drama ohne Konflikt ist das, ein Ringen von zwei Gegnern, die keine sind.
Kahnemans Buch ist ein Hauptwerk der evolutionspsychologischen Wende. Auch er schildert die vielen Illusionen, auf die wir hereinfallen beim Versuch, mit dem Verstand die Welt zu erfassen. Sein Buch ist voller schönem Zweifel, voller Geschichten, die unsere Wahrnehmung in Frage stellen, es ist ein begeisternd pragmatisches Buch, das dennoch gewisse, dann auch ideologische Konsequenzen hat: Wie Kahneman, von Haus aus Psychologe, aber auch Nobelpreisträger für Wirtschaft, etwa die Rationalität der Märkte demontiert, das führt einem vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise die Lachhaftigkeit von vielem vor, was sich stolz Wirtschaftswissenschaften nennt.
Bei all dem Reden und Ringen um Geld kann es jedenfalls nicht schaden, mal wieder darauf hinzuweisen, dass das Gehirn der Ort ist, an dem die Gegenwart verhandelt wird. Die Geschichte von Reto übrigens, die Rolf Dobelli in seinem Buch erzählt, handelt auch von Geld und läuft auf die Erkenntnis heraus, dass wir alle mehr Friedhöfe besuchen sollten.