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25.02.2012
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"Kirschgarten"-Premiere im Deutschen Theater Berlin

Ab ins Ungefähre

Von Christine Wahl
DPA

Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja: Unverkrampft und ohne Allüren

Ein verschuldetes Gut und eine Gesellschaft, die weit über ihre Verhältnisse gelebt hat: "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow bietet erstaunliche Parallelen zu unserer Schuldenkrisen-Gegenwart. Trotzdem tun sich die Regisseure erstaunlich schwer mit dem Stoff - auch am Deutschen Theater Berlin.

Ein verschuldetes Gut und eine Gesellschaft, die weit über ihre Verhältnisse gelebt hat: Kein Wunder, dass "Der Kirschgarten" als Theaterstück der Stunde gilt. Völlig tatenlos trudeln die realitätsfremde Gutsherrin Ljubow Ranjewskaja und ihr Bruder Gajew darin der Versteigerung ihrer Obstplantage entgegen. Als die Pracht tatsächlich unter den Hammer kommt, tanzt sich die Noch-Hausherrin auf einer Party gerade die Seele aus dem Leib. Sie hofft auf irgendeinen Rettungsschirm.

Stattdessen taucht aber nur der Sozialaufsteiger Lopachin auf, ein Unternehmer nüchternen neuen Typs, der seine Anzughose stilistisch grob fahrlässig mit Arbeitsstiefeln kombiniert. Lopachin, der noch als Sohn eines leibeigenen Bauern auf dem Gut geboren wurde und die Elite im Grunde gar nicht vertreiben, sondern eher dazugehören will, hatte der Ranjewskaja zuvor tatsächlich ein Rettungspaket angeboten. Das sah vor, die Kirschbäume zu roden und das Land parzelliert für Datschengrundstücke zu verpachten. Die Gutsherrin fand das allerdings trivial. Und so hat Lopachin das Gut schließlich selbst gekauft.

Anton Tschechows Stück über blinde, selbstgewisse Eliten, untergehende Kulturgüter, aufsteigende Pragmatiker - kurz: über die Zwangsläufigkeit und Ambivalenz gesellschaftlicher Veränderungen - scheint zurzeit überdurchschnittlich viele Nerven zu treffen. In der laufenden Spielzeit kam "Der Kirschgarten" allein in Berlin schon zum dritten Mal unter den Hammer. Nach dem Berliner Ensemble und der freien Spielstätte Sophiensaele zog jetzt das Deutsche Theater nach. In der Hauptrolle: Bühnen- und Filmstar Nina Hoss, die gerade bei der Berlinale in Christian Petzolds DDR-Drama "Barbara" brillierte.

Doch trotz derartiger Ausnahme-Schauspielerin - und trotz aller Parallelen zu unserer Banken- und Schuldenkrisen-Gegenwart - tun sich die Regisseure erstaunlich schwer mit Tschechows Stoff. Soll man deutliche Griechenland-Bezüge einstreuen oder den Text lieber aktualisierungsfrei für sich selbst sprechen lassen? Hat er eher das Zeug zur Tragödie oder - wie vom Autor ausdrücklich gewünscht - zur Komödie?

Stephan Kimmig ist nicht der erste Regisseur, der sich da offenbar genauso wenig zu einem klaren Zugriff durchringen mag wie die Ranjewskaja zur Verpachtung ihres Gartens. Gut: Wenn die Gutsherrin nebst Entourage zu Beginn aus Paris ins Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, stehen die schicken schwarzen Rollkoffer lange wie Fremdkörper auf Katja Haß' Bühne. Und man versteht: Die Truppe, die hier wie in Zeitlupe die Schwelle zu einer vermeintlich heilen Vergangenheit überschreitet, will sich mit aller Macht vor den Zumutungen der modernen Existenz verkriechen. Die Vorhänge vor den Salon-Fenstern schotten die Außenwelt blickdicht ab; durch das zarte Lochmuster in den metallenen Flügeltüren fällt nur wenig Licht.

Die reine Ökonomie dominiert Beziehungen und Schicksale

Dass auch hier, an diesem infantilen Rückzugsort, die reine Ökonomie alle Beziehungen und Schicksale dominiert, will zumindest die Ranjewskaja nicht wahrhaben. Nina Hoss spielt sie als eine Frau, die nach Geld und Nerven aufzehrenden Fehlgriffen bei der Partnerwahl und nach dem tragischen Unfalltod ihres kleinen Sohnes einfach nur zur Ruhe kommen, ihre eigene Mitte wieder finden will. Damit schafft sie etwas, was bei weitem nicht allen Kirschgärtnerinnen gelingt: Sie macht die Handlungsunfähigkeit ihrer Figur völlig unverkrampft und ohne zickige Allüren plausibel.

Doch das bleibt leider die Ausnahme. Stephan Kimmig, der eigentlich als Meister differenzierter Figurenzeichnungen gilt, scheint hier merkwürdigerweise seinen eigenen Mitteln zu misstrauen. Kaum beginnt sich mal ein nuancenreiches Spiel zwischen den Akteuren anzubahnen, bricht er die Szene mit harten Antirealismus-Maßnahmen. Felix Goeser muss als Lopachin Kunstblutpatronen zermatschen, als wolle er völlig unmotiviert Frank Castorfs Berliner Volksbühne kopieren. Der theatrale Ertrag solcher Aktionen bleibt total schleierhaft.

Andere verheißungsvolle Ansätze verschwimmen zusehends im Ungefähren. Kimmig interpretiert zum Beispiel sowohl Ranjewskajas Tochter Anja (Natalia Belitski), die in anderen Inszenierungen gern enervierend liebreizend übers Szenario hopst, und ihre duldsam-beschränkte Stieftochter Warja (Meike Droste) zunächst viel versprechend aggressiv. Doch die interessanten Spuren laufen schnell ins Leere, weil sie entweder plötzlich an irgend einen Slapstick verraten werden müssen oder aber jedes Ensemblemitglied sich derart in seine eigene Darstellungsweise rettet, dass schlichtweg die Anspielpartner dafür fehlen.

Zwischen Helmut Mooshammers naturtreu tatterigem Diener Firs, der mit seiner Pelzmütze zur ausgebeulten Trainingshose direkt einem russischen Folklorebuch entstiegen zu sein scheint, und Meike Drostes gern auch mal ironisch heulender Warja liegen nicht nur altersmäßig Welten.

Kurz: Es geht wenig zusammen - oder wenigstens auf fruchtbare Art auseinander - bei diesem jüngsten Berliner "Kirschgarten". Doch sei's drum: Am Hamburger Thalia Theater steht der Regisseur Luk Perceval schon mit dem nächsten Versuch in den Startlöchern.

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