Lade Daten...
01.04.2012
Schrift:
-
+

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Partei für die Anschlussverwendung!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Toll, dass die FDP im Falle Schlecker gezeigt hat, wie flott sie Dinge abzuwickeln versteht. Das kann ihr für die Zukunft nur nützlich sein: Das, was die Liberalen jetzt für die Frauen der Drogeriekette angedacht haben, können sie demnächst ja auch wunderbar für sich selbst umsetzen.

Liebe FDP,

ich hoffe, Du siehst mir den vertrauten Ton nach, aber ich fühle mich Dir im Moment sehr nah und möchte mit Dir sprechen, wie man mit jemandem spricht, dem man ganz direkt und voller Respekt sagen kann: Hut ab!

Denn das, was Du hier hinlegst - sich gegen den überwältigend breiten politischen Konsens zu stellen und eine Transfergesellschaft für die Schlecker-Frauen zu verhindern - das muss man sich erst mal trauen! Vor allem, wenn man selbst nur noch so ein kleines Licht ist! Und noch dazu, wenn das Verhalten bei anderen Erinnerungen an jene armen Säue wachruft, die bei ihrem Selbstmord "möglichst viele mitnehmen" wollen.

Dass Dich das nicht schert! Dass es Dir egal ist, welches Bild Du abgibst, Hauptsache, Du bleibst Deinen vielbeschworenen "liberalen" Grundsätzen treu, das finde ich bewundernswert. All die Umfaller, all die Wendehälse, die Weicheier, die Fähnchen-in-den-Wind-Hänger in der Politik - diejenigen, die populäre Entscheidungen treffen, um Wählerstimmen abzugreifen - die gehen Dir an Deiner gelben Schale vorbei.

Mit Niedriglöhnerinnen gewinnt man keinen Blumentopf

Wie leicht wäre es gewesen, im Angesicht zweier bevorstehender Landtagswahlen und mehr als 11.000 zu entlassenden Frauen - viele älter, viele alleinerziehend -, die einen mit großen Augen angucken, den Retter zu spielen! Mitgefühl oder Solidarität zu heucheln und sich als Kämpfer für die Opfer eines realitätsfernen Drogerie-Regenten zu geben und die Sympathien und Wählerstimmen des Volkes abzugreifen. Aber nein! Du bist die Partei der Besserverdienenden, und das bleibst Du auch. Wen interessieren 11.000 Frauen und deren Familien?! Dich nicht.

Leistung muss sich wieder lohnen, so Dein Credo, und was ist von diesen Frauen schon zu erwarten? Dass sie schneller kassieren, wenn man sie anschreit? Dass eine 400-Euro-Kraft Karriere macht, weil sie das Klopapier schneller ins Regal sortiert als die Kollegin? Nö, mit diesen Niedriglöhnerinnen ist kein Blumentopf zu gewinnen für eine Partei wie Dich. Diese Leute haben Dich die letzten 20 Jahre nicht gewählt, warum solltest Du Politik für sie machen?

Ein Staat ist für Dich keine Hängematte. Ein Staat ist für Dich der Stachel des Antriebs. Hilfe zur Selbstverwirklichung. Du weißt, was Dir jetzt als Härte ausgelegt wird, dafür werden Dir die Schlecker-Mitarbeiterinnen am Ende dankbar sein. Im Entwurf Deines Grundsatzpapiers aus dem Februar 2012 machst Du das deutlich. Unter der Überschrift: "Unser Deutschland soll ein Land der Freiheit und der Chancen sein" schreibst Du: "Wir schützen Freiräume gesellschaftlicher Entwicklungen und schaffen immer wieder neue Chancen zur individuellen Entfaltung."

Dein Vorsitzender Philipp Rösler hat die Chance der individuellen Entfaltung, die Du den Schlecker-Frauen jetzt ermöglichst, noch einmal aufgegriffen. Für die Frauen gelte es, sagte er, "schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden".

Eine "Anschlussverwendung" zu finden, selber! versteht sich, - das, liebe FDP, ist wohl auch eine Aufgabe, vor der Du bald stehst. Hat Dein Weißbrotpersonal Dich doch als Partei in den letzten Jahren in die Sphäre der politischen Bedeutungslosigkeit geführt, hat Dein Vorsitzender Dich in puncto Menschlichkeit, Miteinander und Anteilnahme oder schlicht Würde und Anstand mit diesem einfachen Satz ins Aus katapultiert.

Einen Verdienst hat er mit seiner "Anschlussverwendung" allerdings erworben: beste Chancen auf das Unwort des Jahres 2012.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 228 Beiträge
1. Schlecker Nachruf
d.decas 01.04.2012
jeden Tag werden Arbeitnehmer lautlos wegrationalisiert und niemand schert`s. Sie sind lediglich noch Prozentpunkte in der Arbeitslosenstatistik. Aber bei Schlecker ist plötzlich alles anders- diese Frauen sollen plötzlich [...]
Zitat von sysopToll, dass die FDP im Falle Schlecker gezeigt hat, wie flott sie Dinge abzuwickeln versteht. Das kann ihr für die Zukunft nur nützlich sein: Das, was die Liberalen jetzt für die Frauen der Drogerie-Kette angedacht haben, können sie demnächst ja auch wunderbar für sich selbst umsetzen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824900,00.html
jeden Tag werden Arbeitnehmer lautlos wegrationalisiert und niemand schert`s. Sie sind lediglich noch Prozentpunkte in der Arbeitslosenstatistik. Aber bei Schlecker ist plötzlich alles anders- diese Frauen sollen plötzlich mit Steuergeldern aufgefangen werden, obwohl viele von ihnen einen gut verdienenden Ehemann zu Hause haben. Der Schleckerlohn war doch eher ein Taschengeld als ein Lebensunterhalt! S.h. entweder alle Arbeitslosen provitieren von einer Auffanggesellschaft oder niemand- da gebe ich der FDP mehr als recht!!!
2. ich versteh den Beitrag nicht!
gruenbonz 01.04.2012
war das jetzt gut von der FDP? Immerhin hat sie die Bevorzugung einer beschäftigtengruppe vermieden. Und einen misen Betrieb nicht noch mit mehr Steuergel ausgesattet. Dafür verliert sie die Liebe der Frau Burmeister, ein [...]
Zitat von sysopToll, dass die FDP im Falle Schlecker gezeigt hat, wie flott sie Dinge abzuwickeln versteht. Das kann ihr für die Zukunft nur nützlich sein: Das, was die Liberalen jetzt für die Frauen der Drogerie-Kette angedacht haben, können sie demnächst ja auch wunderbar für sich selbst umsetzen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824900,00.html
war das jetzt gut von der FDP? Immerhin hat sie die Bevorzugung einer beschäftigtengruppe vermieden. Und einen misen Betrieb nicht noch mit mehr Steuergel ausgesattet. Dafür verliert sie die Liebe der Frau Burmeister, ein schweres Handicap für folgende Wahlen. Kann man das so sehen?
3. SPON treibt den Sozialabbau voran!
hienstorfer 01.04.2012
momentan retten die Spiegel-Journalisten mit hoher Priorität Schlecker. Dabei gibt es in Oberhausen, Gelsenkirchen und anderswo das Problem, das viele öffentliche und soziale Einrichtungen (Kindergärten, Schwimmbäder, etc) [...]
momentan retten die Spiegel-Journalisten mit hoher Priorität Schlecker. Dabei gibt es in Oberhausen, Gelsenkirchen und anderswo das Problem, das viele öffentliche und soziale Einrichtungen (Kindergärten, Schwimmbäder, etc) wegen Geldmangels geschlossen werden - und das Land NRW springt zur Rettung dieser Arbeitsplätze eben nicht ein! Sind diese Arbeitsplätze wurscht? Geld lässt sich nur einmal ausgeben. Der Wähler muss doch befürchten, das durch die Schlecker Rettung noch weniger Geld für öffentliche soziale Einrichtungen zur Verfügung steht. Frage an die Journalisten: Wodurch soll die Schleckerrettung gegenfinanziert werden? Die recht einseitige Berichterstattung lässt doch vermuten, dass es sich um Bezahl-Schreibe handelt: das Großkapital möchte sich mal wieder vom Staat retten lassen, und dann später für ein Apple und Ei, das Unternehmen zurückkaufen. Die Schlecker Familie hat es doch bereits angekündigt!
4. Wären es Männer ...
speckbretzel 01.04.2012
... würden Sie jetzt nicht über die FDP herfallen. Warum sind die Schleckermitarbeiter etwas besseres als alle anderen Lohnempfänger, dass man sie jetzt mit großen Bürgschaften auffangen muss? Es gibt bereits einen [...]
... würden Sie jetzt nicht über die FDP herfallen. Warum sind die Schleckermitarbeiter etwas besseres als alle anderen Lohnempfänger, dass man sie jetzt mit großen Bürgschaften auffangen muss? Es gibt bereits einen Auffangmechanismus vom Staat --> Arbeitslosenversicherung mit ALG 1. Für alle anderen Arbeitnehmer muss dies reichen? Gefragt sind jetzt die Unternehmer im Einzelhandel ihre freien Stellen bevorzugt mit den erfahrenen Ex-Mitarbeitern von Schlecker zu füllen.
5. Sinnbefreite Zone
joschitura 01.04.2012
"Liebe FDP...ich hoffe, Du siehst mir den vertrauten Ton nach..." Wer schon im ersten Satz seiner Kolumne nicht zwischen "vertraut" und "vertraulich" unterscheiden kann, wird wohl auch in der [...]
"Liebe FDP...ich hoffe, Du siehst mir den vertrauten Ton nach..." Wer schon im ersten Satz seiner Kolumne nicht zwischen "vertraut" und "vertraulich" unterscheiden kann, wird wohl auch in der restlichen Beweisführung unpräzise und verschwiemelt argumentieren. Niemandem, der bei klarem Verstand ist, erschließt sich, weshalb ausgerechnet Schlecker gerettet werden sollte. Die FDP - ganz bestimmt nicht meine Partei! - hat ausnahmsweise mal das richtige getan.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Silke Burmester

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Helden der Gegenwart
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten