25.04.2012
Heidelberger Stückemarkt
Ein Ösi entdeckt das Meer
Von Judith LiereUm den Strand steht es nicht gut. Der einstige Sehnsuchtsort musste in letzter Zeit viel aushalten. Tsunamis, Ölkatastrophen, Betonbettenburgen und sogar Piraten spielen ihm übel mit. Und wenn das mit der Klimaerwärmung so weitergeht, dann ist er vielleicht bald sogar ganz verschwunden.
Ziemlich viel von dem, was in der Natur und vor allem in der Zivilisation schief läuft, muss er also ausbaden. Höchste Zeit, dass ihm mal jemand die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Der Dramatiker Stephan Lack hat dies nun getan, er hat ein Stück geschrieben mit dem Titel "Die Verfassung der Strände". Am Freitag eröffnet es den Heidelberger Stückemarkt. Lack war im letzten Jahr Teilnehmer des Nachwuchsdramatiker-Wettbewerbs, nun hat das Theater Heidelberg sein Stück für die Eröffnungsinszenierung des diesjährigen Festivals ausgewählt.
In fünf Bildern erzählt Lack, geboren 1981 in Wien, Geschichten vom Meer, die sich alle auf aktuelle Themen beziehen. In Bild eins, "Deep Black Sea", versuchen die Vorsitzenden eines Ölkonzerns eine Umweltkatastrophe schönzureden, in "Baywatch" sitzen Urlauber in einem abgeriegelten Ferienresort fast schon wie in Geiselhaft. Das dritte Bild, "2012" betitelt, hat Stephan Lack nach dem Fukushima-Unglück ergänzt. Ein Text wie aus einem Kaffeefahrten-Katalog, der für Urlaub in der Region wirbt: "Unser Motto lautet: Unbewohnbar ist nicht gleich unbereisbar". Dann folgt ein Piratenangriff aufs Traumschiff, mit Schnellbooten und Helikoptern wird die Fernsehserie aus den Achtzigern gekapert, bis im letzten Bild, "Waterworld", schließlich fast die ganze Erde abgesoffen ist und die Überlebenden sich auf dem letzten Stückchen Fels versammelt haben.
Deutliche Nähe zu Jelinek
All diese Katastrophen thematisiert das Stück mit absurdem Humor, der sich hauptsächlich aus Lacks Sprachspielereien ergibt. Von einem doppeldeutigen Wort assoziiert er sich zum nächsten: "Ein weiteres Leck wird das Wässerchen nicht trüben. (...) Lecken Sie mich ruhig, spricht das Meer." Lack schreibt Textflächen, die man mit beliebig vielen Schauspielern besetzen kann, in der Vorbemerkung heißt es: "mehrere Realitätsebenen, kein Realismus, keine überflüssigen Elemente".
Damit erinnert "Die Verfassung der Strände" stark an Elfriede Jelinek - und diese deutliche Nähe sei wohl auch der Grund gewesen, warum das Stück beim Dramatiker-Wettbewerb letztes Jahr mit keinem der hochdotierten Preise ausgezeichnet wurde, meint Regisseurin Marie Bues, die das Stück nun uraufführt. Sie selbst empfindet das in der Theaterpraxis aber nicht als Problem: "Ich sehe das eher von der Tradition inspiriert, in der Stephan Lack steht. Er ist auch österreichischer Autor, da waren Jelinek und Thomas Bernhard, diese Wutschreiber, eben sehr prägend." Ihr gefalle die Recherche, die in dem Stück stecke, "da ist total viel Hintergrundwissen und Kritik drin. Manchmal erinnert es an einen Film von Michael Moore, in dem die ganzen Zusammenhänge entlarvt werden - aber nicht anklagend, sondern humorvoll."
Nach der Premiere am Freitag geht es in Heidelberg bis zum 6. Mai mit Gastspielen, Partys, Podiumsdiskussionen und natürlich den Autorentagen weiter, bei denen die Stücke von sieben ausgewählten deutschsprachigen Nachwuchsdramatikern in Lesungen präsentiert werden und miteinander um den Autorenpreis konkurrieren. Als Gastland hat das Theater Heidelberg in diesem Jahr Ägypten ausgesucht. Die Stücktexte und Inszenierungen, die hier gezeigt werden, sind genauso nah dran am aktuellen Geschehen wie das Eröffnungsstück von Stephan Lack: Der Arabische Frühling und Flüchtlingsschicksale sind unter anderem ihre Themen.
Heidelberger Stückemarkt. Theater Heidelberg. 27.4.-6.5., Karten: Tel. 06221/582 00 00 und 06221/433 22 12.

