27.04.2012
S.P.O.N. - Der Kritiker
Zwei Birken für den Holocaust
Eine Kolumne von Georg DiezEin wenig tragisch ist die Sache mit der Kunst gerade schon. Da reden alle davon, wie wichtig es jetzt wieder ist, dass die Kunst politisch wird, was ja auch richtig ist, weil die Welt so offensichtlich aus den Fugen ist und es nicht einzusehen ist, dass gerade die Kunst sich da raushalten sollte. Aber wenn sich dann mal ein paar Kuratoren zusammentun und das präsentieren, was sie für politisch halten, wie gerade auf der 7. Berlin Biennale, dann wird einem ganz traurig und kalt ums Herz.
Das ist ja gerade nicht die Euphorie, die Schönheit, die Energie, der Mut, all das, was bei Occupy Wall Street oder bei den Helden von Kairo oder den Moskauer Mädchen von Pussy Riot so begeistert hat. Das ist dann eher ein heilloses Wirrwarr aus schlechter Laune, Selbstgerechtigkeit, Unschärfe, Naivität, altem Israel-Ressentiment bis an die Grenze des Antisemitismus, das geht immer, und ein wenig Auschwitz-Kitsch, der zunehmend reaktionär wird.
Was will denn etwa der Chef-Kurator Artur Zmijewski mit dem Satz sagen, der erklären sollte, warum er in einer seiner Videoarbeiten ein paar Leute lustig und nackt in der Gaskammer eines deutschen Vernichtungslagers herumtollen ließ: "Die Ermordeten sind Opfer - doch wir, die Lebenden, sind ebenfalls Opfer."
Ach ja? Kann man das so sagen? Opfer genau von was? Und worin besteht dieses Opfer? Dass wir jetzt mit einem Staat Israel leben müssen, der den Palästinensern seit Jahren ihr Recht auf Heimat verweigert? Kommt das dabei raus, wenn Künstler politisch werden? Wirkt man so in die Wirklichkeit hinein? Wem nützt das denn, wenn Israel mal wieder der Lieblingsfeind ist und die Shoa eine Sache für Gärtner?
Die Gedankenachse dieser auf so überflüssige Art gescheiterten Biennale zeigt jedenfalls genau das: Im Hof der Kunst-Werke liegt ein riesiger rostiger Schlüssel, ungefähr fünf Meter lang, der "angeblich größte Schlüssel der Welt", was auch immer das bedeuten soll, ein "key of return", den die Bewohner des Flüchtlingslagers Aida gemacht haben und der ihnen das Schloss zu ihrem Land aufschließen soll. Und daneben stehen zwei Birken aus Auschwitz, die Lukasz Surowiec mitgebracht hat, insgesamt 320, die in ganz Berlin gepflanzt werden, natürlich "als symbolische Geste", so beschreiben es die Kuratoren, "die etwas nach Deutschland zurückbringt, was zum nationalen Erbe des Landes gehört".
Genau, der Holocaust gehört uns. Gut also, dass die "Birkensetzlinge" endlich auch ein "persönliches, auf Eigeninitiative beruhendes Mahnmal" schaffen, "dessen Erhalt von seinem Besitzer abhängt". Früher also eher Basilikum auf dem Balkon, heute Bäumegießen für das gute Gewissen, für eine bessere Welt, für einen Holocaust, der nun wirklich keine politische, das ist die Konsequenz dieses Denkens, sondern nur noch eine symbolische Bedeutung hat. Und in der Ecke ein Schild mit dem Porträt des deutschen Trotzkopfes und Israel-Freundes Günter Grass. Wo ist hier bitte der Ausweg aus dem Metaphern-Sumpf?
Natürlich sind die Kuratoren dieser Biennale nicht allein, wenn sie gerade mit der Geste von Gerechtigkeit und Menschenliebe mal eben genau das Gegenteil erreichen - einen sich aufgeklärt gebenden Zynismus, wie er etwa auch einen Text durchzieht, von dem ich mich immer noch wundere, dass ihn die "Süddeutsche Zeitung" am Mittwoch wirklich auf dem Aufmacherplatz gedruckt hat und in dem es um die beiden Opfervölker Israel und Iran geht: "Auf der einen Seite" sieht die Autorin "die Erfahrung des mörderischen Antisemitismus innerhalb der westlichen Gesellschaften, insbesondere der deutschen, die letztlich zur Gründung Israels führte. Auf der anderen Seite die Erfahrungen mit dem westlichen Imperialismus, der die Ölvorkommen Irans zu einem so grotesk niedrigen Gegenwert abrechnete, dass von Enteignung gesprochen werden kann, und der die Iraner durch die Engländer, Russen und Amerikaner auf ihrem eigenen Grund und Boden zu Menschen zweiter Klasse degradierte."
Der Relativismus von Grass ist dagegen wirklich harmlos. Alles Denken in Parallelen und Vergleichen führt letztlich dazu, die Dinge zu banalisieren. Die sind Opfer, aber wir sind auch Opfer? Birken hier, Birken dort? Schuld, Banken, Occupy?
Im Grunde haben die Kuratoren der Berlin Biennale genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten: Sie haben den Begriff des Politischen verramscht, sie haben den Langweilern, die immer von der Autonomie der Kunst erzählen, bewiesen, wie schlecht Kunst wird, wenn sie sich einmischt, sie haben die Schönheit und die Größe der weltweiten Proteste klein und niedlich gemacht. Und sie haben, aber damit passen sie sehr gut in diese Zeit, Israel zum bequemen Problem der bequem Politischen gemacht.
Ihr Scheitern ist damit exemplarisch: Sie sind gegen etwas und nicht für etwas. Sie sind gefangen im Gestern, im Negativen, in der alten Politik. Sie verfehlen die Gegenwart, je mehr sie auf sie zielen.