04.05.2012
S.P.O.N. - Der Kritiker
Die Zöpfe der Julija Timoschenko
Eine Kolumne von Georg DiezSind es doch die Zöpfe? Es war immer eine merkwürdige, ambivalente Magie, die von dieser Frisur ausging, die die Frau zum Mädchen machte, die eine Unschuld versprach, die auch Unsicherheit, Pubertät, Strenge und eine gewisse Form der Verspanntheit bedeuten konnte - eine Frisur also, die in ein bambihaftes Gewirr der Bedeutungen führt: folkloristisch, fast romantisch, seltsam märchenhaft, unwirklich auch und sexualisiert. Das Bild der Julija Timoschenko war jedenfalls schon immer größer und stärker als die Person dahinter.
Und so ist es vielleicht mal wieder an der Zeit, ein altes, fast vergessenes Wort hervorzuholen, um den symbolischen, tragischen, verlogenen Nachrichtenkrieg zu verstehen, der um die inhaftierte ukrainische Oppositionspolitikerin und Unternehmerin tobt: Pop. Ein Wort, das die Aufgeregtheit und auch die teilweise Hohlheit der Debatte erklärt, weil die Schrumpfform von Pop die Pose ist.
Politiker, die reden, weil eine Kamera an ist. Sätze, die eine eigene, artifizielle Wirklichkeit schaffen. Offizielle Reisen absagen, die Fußball-EM nach Dortmund holen, Parolen, für die sich niemand rechtfertigen muss. Forderungen, Mutmaßungen, Verdächtigungen, vor allem eine Gewissheit, dass man selbst schon weiß, wie die Welt zu funktionieren hat.
Pop - ohne den Optimismus
Aber Pop, was war das noch mal? Es war die herrschende Kultur des Westens, als der Westen noch herrschte. Pop war Haltung, die zum Inhalt wurde, war Oberfläche, die das Wesentliche darstellte, war ein universelles Glücksversprechen, das sich deuten ließ als Grundlage einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Pop war Teilhabe, war Aufmerksamkeit, die kapitalistisch strukturiert war, Pop war eine Strategie der Schwachen, weil ein Junge, der nichts konnte, als eine Gitarre zu halten und gut auszusehen, plötzlich von der Welt vergöttert wurde.
All das gilt immer noch - allerdings ohne die demokratische Emphase, ohne den Optimismus, der das Ganze antrieb. Denn Pop war Aufstieg, war ein Motor, der die Gesellschaft mit Neuem versorgte, neuer Musik, neuen Bildern, neuen Helden. Pop war die Geschichte, die wir von uns selbst erzählten, die vom Triumph und von Tragik handelte: Und so ist das Bild von Julija Timoschenko ohne Zopfkranz in der Zelle ein Pop-Moment, wie Marilyn ohne Maske, wie Che Guevara auf der Bahre, wie Lana del Rey im T-Shirt.
Es war eine Geste von großer symbolischer Wirkung, als Julia Timoschenko sich damals neu erfand, vor vielen Jahren, als sie sich die Haare weißblond färbte und diesen Zopf um den Kopf flocht, der ja auch ein Versprechen von Ordnung und Wohlstand ist, eine Art ästhetisiertes, permanentes Erntedankfest, halb Barbie, halb Bauersfrau, halb Westen, halb Ukraine, halb Stolz, halb Schwarzerde. Was wäre, wenn Julija Timoschenko keine Frau wäre?
Wir wissen am Ende nur wenig
Es gibt noch eine andere Figur, die zurzeit die Vorstellungswelten und die Schlagzeilen beherrscht, es gibt eine andere Geschichte, die von Machtpolitik, Menschenrechten und dem Malmen der Weltgeschichte erzählt, und das ist Chen Guangcheng, "der blinde Dissident". Es ist schon dieser Titel, damit sich die Story im Kopf selbst weiter schreibt, es reicht allein das Bild von Chen mit seiner dunklen Sonnenbrille, um ihn zum Helden zu machen in diesem Kampf zwischen Gut und Böse.
Was wäre, wenn Chen nicht blind wäre? Es ist die Kraft seiner Geschichte, die ihn in die Schlagzeilen gebracht hat. Es ist das Gesetz des Pop, das ihn herausgehoben hat aus all den anderen Geschichten in seinem Land. Pop war das Prinzip der postmodernen Welt. Pop bietet auch die Narrative für die postpostmoderne Welt, in der wir heute leben. Und gerade in der Ungerechtigkeit, die dem Pop wesentlich ist, das ist die Dialektik des Pop, liegt die Möglichkeit von Gerechtigkeit.
Pop erzählt Märchen, die wir gern mit der Wirklichkeit verwechseln dürfen. Es ist natürlich viel komplizierter, sich zu überlegen, wie Julija Timoschenko ihr Milliardenvermögen gemacht hat, warum sie sich entschlossen hat, in die Politik zu gehen, wie glaubhaft so eine Wende ist, von der Profiteurin eines Systems zu deren Kritikerin. Am Ende - das ist die Schönheit, das ist auch das Scheitern des Pop - können wir nur wenig wissen. Deshalb halten wir uns an die Zöpfe.