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18.05.2012
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S.P.O.N. - Der Kritiker

Angela Merkel und ihre Halbwahrheiten

Eine Kolumne von Georg Diez

Der moralische Besserwisser-Kapitalismus der Kanzlerin stößt an seine Grenzen: Bloße Sparsamkeit dürfte verschuldeten Staaten wie Griechenland wohl kaum zu neuem Wohlstand verhelfen. Und auch Deutschland selbst muss mehr tun, als sich nur als Exportweltmeister feiern zu lassen.

Ideologen sind Menschen, die sich die Wirklichkeit nach ihren Ideen formen. In diesem Sinn ist Angela Merkel, die gern als Pragmatikerin bezeichnet worden ist, Europas führende Ideologin.

"Half-truth", so nennt der "Economist" das, was Merkel sich und Europa erzählt, Halbwahrheiten, die dann auch halbe Lügen sind und viel damit zu tun haben, wie Merkel die Dinge sehen will, und wenig damit, wie die Dinge sind. "Die deutsche Halbwahrheit ist", so analysiert der "Economist" die anhaltende Verblendung Merkels, "dass die Probleme der Euro-Zone gelöst werden, indem die verschuldeten Staaten durch Sparen zurück zu Wohlstand finden."

Sparen also, die Ideologie dieses protestantisch-moralischen Besserwisser-Kapitalismus, wie ihn Merkel praktiziert, gegen den Rat des pragmatisch-liberalen "Economist", gegen den Rat so gut wie aller amerikanischen und auch sonstigen Ökonomen, gegen fast alle anderen europäischen Staaten und auch gegen den 77-jährigen Rentner, der sich auf dem Syntagma-Platz erschießt, weil er nicht ohne Würde leben will.

Waren das die "dramatischen Ereignisse in Athen", von denen die "Tagesschau" in dieser Woche berichtete, die dabei aber auch nur die Argumente der Macht reproduziert? "Alternativlos" würde Angela Merkel dann dazu sagen.

Mischung aus Hybris und Selbsthass

Nein, was die "Tagesschau" aus Athen brachte, das waren die Meldungen von ein paar mehr oder weniger übergewichtigen Männern, die mit Stolz und Trotz die Reste ihrer Demokratie zusammenkehren. In den Bildern aus Athen lag eine Mischung aus Hybris und Selbsthass, denn auch die Griechen erzählen sich gern Geschichten von sich selbst, die sie glauben wollen, "hin- und hergerissen zwischen der glorreichen Vergangenheit und der kümmerlichen Gegenwart", wie der Essayist Nikos Dimou das nennt: "Das Land ist so schön, dass seine Schönheit auf der Seele lastet wie der Schatten der Ahnen. Tief in uns glauben wir, dass wir es nicht wert sind, in einem so schönen Land zu leben. Deshalb verbauen wir es mit Zement und Müll."

Es geht, im tieferen Kern dieser Krise, um diese Geschichten, die wir uns erzählen, weil wir an sie glauben wollen. Europa ist so eine Geschichte, und wie Tausende Jahre später immer noch daran appelliert wird, dass Griechenland doch die "Wiege Europas" sei und schon deshalb zum Euro gehört. Das ist schon nicht mehr lächerlich, sondern tragisch - wenn es nicht nur politisch kalkuliert ist.

Auch der Kapitalismus ist so eine Geschichte, die davon handelt, dass Wohlstand alles ist, wonach der Mensch strebt - in letzter Zeit, so ist die gängige Form der Geschichte, ist das nicht mehr auf der Ebene der Staaten möglich, man nennt das Globalisierung. Aber wenn Leute kommen wie der französische Historiker Emmanuel Todd oder der amerikanische Anarchist David Graeber, die das in zwei eindrucksvollen Interviews im SPIEGEL bestreiten und eine Renaissance des Staates fordern, nach außen und nach innen - ja, welche Geschichte stimmt denn dann nun?

Wolkenkuckucksheim

Es sind die kulturellen Wurzeln des Euro-Debakels, die in diesen Geschichten deutlich werden - und es gibt natürlich noch ein paar andere Halbwahrheiten in dieser Krise, in diesem Kontinent, der vor allem erst einmal als Geschichte bestand, nicht als Realität: die vom französischen Laisser-faire, von der deutschen Sparsamkeit, vom italienischen Schlawinertum. Aber diese Geschichten bringen nichts. Deutschland etwa, da sind sich die meisten Ökonomen einig, kann so nicht weitermachen, sich als Exportweltmeister zu feiern: Es muss mehr Inflation wagen, mehr Konsum wagen, weniger Sparen wagen. "Like some dreadful joke", schreibt der "Economist", "the Euro needs French reform, German extravagance and Italian political maturity."

Es gibt übrigens, wo wir schon dabei sind, ein antikes Theaterstück, das das heutige Drama vorweg nahm. Es heißt "Die Vögel" und stammt von Aristophanes und ist aus dem Jahr 405 vor Christus. Zwei Figuren fliehen darin aus Athen, der siegessicheren Übermacht, aus Geldgründen: "Du warst ein Mensch einst, so wie wir", sagt der eine, "und hattest wohl auch Schulden, so wie wir, und zahltest sie nicht gern, so wie wir."

Und weil eben die Dinge so sind, wie sie sind, entscheiden sich die beiden, mit den Vögeln zusammen eine andere, eine neue Stadt zu gründen, gegen die Schulden, gegen das Geld: Schon wahr, der Name dieser Stadt ist tatsächlich "Wolkenkuckucksheim" - aber im Drama siegen die Vögel gegen die Götter und gegen die Menschen, sie beherrschen den Himmel, man könnte auch sagen: die Imagination.

Das Europa jedenfalls, von dem wir sprechen, hat sich von einem ideellen Projekt, falls es das auf politischer Ebene wirklich jemals war, in ein ökonomisches Projekt verwandelt, das Reden über Europa wird dadurch bestimmt, das Denken, das Handeln. Und vielleicht ist das ja gar nicht so schlecht, vielleicht ist das sogar ein Anfang.

Was kräht der Chor der Vögel bei Aristophanes? "Wofern ihr als Götter uns ehrt", kräht er, "so werdet ihr schwimmen im Reichtum."

Forum

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insgesamt 72 Beiträge
1. Interessant
raven_wolf 18.05.2012
Die Überschrift weicht von der Geschichte ab. Der obere Teil stimmt, Der Teil wo die Griechen fliegen um das fürchten zu lernen ist eine gewagte interessante These.
Zitat von sysopDer moralische Besserwisser-Kapitalismus der Kanzlerin stößt an seine Grenzen: Bloße Sparsamkeit dürfte verschuldeten Staaten wie Griechenland wohl kaum zu neuem Wohlstand verhelfen. Und auch Deutschland selbst muss mehr tun, als sich nur als Exportweltmeister feiern zu lassen. Georg Diez über Angela Merkel und ihre Halbwahrheiten zur Euro-Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,833781,00.html)
Die Überschrift weicht von der Geschichte ab. Der obere Teil stimmt, Der Teil wo die Griechen fliegen um das fürchten zu lernen ist eine gewagte interessante These.
2. Ach ja, die Halbwahrheiten...
Mentar 18.05.2012
...genau wie die Halbwahrheit, die der Autor verzapft, nämlich dass das Sparen an der aktuellen Misere Schuld ist. Mir geht die aktuelle Berichterstattung massiv auf die Nerven. NATÜRLICH führen Sparprogramme zunächst zu [...]
...genau wie die Halbwahrheit, die der Autor verzapft, nämlich dass das Sparen an der aktuellen Misere Schuld ist. Mir geht die aktuelle Berichterstattung massiv auf die Nerven. NATÜRLICH führen Sparprogramme zunächst zu weiteren Wirtschaftseinbrüchen, das lässt sich doch gar nicht vermeiden, und das sollte jedem ansatzweise vernunftbegabtem objektivem Beobachter klar sein. Aber die aktuell so beliebte Halbwahrheit (ich würde sie eher als "Halblüge" bezeichnen), dass das Sparen falsch sei, und dass stattdessen im Gegensatz erst recht mit Konjunkturprogrammen geprasst werden sollte, halte ich für fatal falsch. Bei denen beliebt, die gerade unter dem Sparen leiden, aber falsch in der grossen Sicht der Dinge. Denn da hat Merkel nämlich recht: Staaten müssen lernen, mit dem auszukommen, was sie haben. Auch wir als Deutsche. Egal, welch alberne Allegorien von Vögeln verbreitet werden - es gibt KEIN LAND auf der Welt, das sich durch Investitionsprogramme aus einer Verschuldungssituation befreit hätte. Aber diese traurige Wahrheit ist halt unbequemer als die Halblüge von den schädlichen Sparprogrammen. Schade.
3. Interessante Definition
phoinix 18.05.2012
---Zitat--- Ideologen sind Menschen, die sich die Wirklichkeit nach ihren Ideen formen. ---Zitatende--- Spielen wir das doch mal durch. Wenn ich mir also eine Tasse Kaffe einschenken möchte, so stelle ich mir erst vor, wie sich [...]
---Zitat--- Ideologen sind Menschen, die sich die Wirklichkeit nach ihren Ideen formen. ---Zitatende--- Spielen wir das doch mal durch. Wenn ich mir also eine Tasse Kaffe einschenken möchte, so stelle ich mir erst vor, wie sich die Handlung des Kaffekannenausgießens abspielt. Danach setze ich diese Vorstellung in die Realität um - aus der bloßen Idee wird also die Wirklichkeit des Kaffees in der Tasse. Nach der Diez'schen Definition bin damit schon ein Ideologe. Folgende weitergehende Schlußfolgerung erscheint da als nicht allzu gewagt: Die Diez'sche Definition des Begriffes "Ideologe" ist ziemlicher Blödsinn.
4. Halbe und ganze Lügen!
liebergast 18.05.2012
Mir gefällt der Artikel genau so wie der Autor es auf den Punkt bringt. Auch denke ich zusätzlich, wir wurden zum € massiv belogen, arglistig getäuscht und kriminell abgezockt. Hier wurde für Lobbyinteressen das Eigentum des [...]
Mir gefällt der Artikel genau so wie der Autor es auf den Punkt bringt. Auch denke ich zusätzlich, wir wurden zum € massiv belogen, arglistig getäuscht und kriminell abgezockt. Hier wurde für Lobbyinteressen das Eigentum des kleinen Mannes angetastet (Wertminderungen) und seine Arbeit massiv entwertet. Der deutsche Sparkurs bezieht sich zumeist auf den kleinen Mann. Für die Politiker selber ist ihnen kein Mittel unrecht um ihren Selbstnutzen und Interessen auf kosten des kleinen Mannes durchzusetzen. Pensionen müssen stehen, Rentner werden belogen das es kracht. Seit mehr als 15 Jahren keine oder selten keine nennenswerten dynamischen Anpassungen. Aber Politiker hatten sich jetzt ja über 5 % genehmigt. Die Rentner bekommen wenn überhaupt, vielleicht etwas über 2 %. Als deutscher Politiker darf man eins nicht tun, in irgend einer Form Gewissen oder Moral zeigen. Für den Rest können Gesetze gemacht werden. Für die eigenen und Lobbyinteressen werden auch Staatsverschuldungen und Kredite aufgenommen. Viele haben im Moment mit Geldmangel zu kämpfen. Die Politiker haben die Misere der neuen deutsche Armut vorsätzlich herbeigeführt. Das Vorzeigeland des Mittelstands haben sie mit falschen Sparkurs beerdigt. Hauptsache ihnen selber geht es gut.
5. Halbe und ganze Lügen!
liebergast 18.05.2012
Mir gefällt der Artikel genau so wie der Autor es auf den Punkt bringt. Auch denke ich zusätzlich, wir wurden zum € massiv belogen, arglistig getäuscht und kriminell abgezockt. Hier wurde für Lobbyinteressen das Eigentum des [...]
Mir gefällt der Artikel genau so wie der Autor es auf den Punkt bringt. Auch denke ich zusätzlich, wir wurden zum € massiv belogen, arglistig getäuscht und kriminell abgezockt. Hier wurde für Lobbyinteressen das Eigentum des kleinen Mannes angetastet (Wertminderungen) und seine Arbeit massiv entwertet. Der deutsche Sparkurs bezieht sich zumeist auf den kleinen Mann. Für die Politiker selber ist ihnen kein Mittel unrecht um ihren Selbstnutzen und Interessen auf kosten des kleinen Mannes durchzusetzen. Pensionen müssen stehen, Rentner werden belogen das es kracht. Seit mehr als 15 Jahren keine oder selten keine nennenswerten dynamischen Anpassungen. Aber Politiker hatten sich jetzt ja über 5 % genehmigt. Die Rentner bekommen wenn überhaupt, vielleicht etwas über 2 %. Als deutscher Politiker darf man eins nicht tun, in irgend einer Form Gewissen oder Moral zeigen. Für den Rest können Gesetze gemacht werden. Für die eigenen und Lobbyinteressen werden auch Staatsverschuldungen und Kredite aufgenommen. Viele haben im Moment mit Geldmangel zu kämpfen. Die Politiker haben die Misere der neuen deutsche Armut vorsätzlich herbeigeführt. Das Vorzeigeland des Mittelstands haben sie mit falschen Sparkurs beerdigt. Hauptsache ihnen selber geht es gut.

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