24.06.2012
S.P.O.N. - Helden der Gegenwart
Trampelpfad der Suchenden
Eine Kolumne von Silke BurmesterO Jakobsweg,
ich frage mich, wie Du das machst. Sie auszuhalten, meine ich, diese Horden, diese Massen sogenannter Pilger, die Dich in großer Menge heimsuchen, um auf Dir irgendeine Erkenntnis zu finden.
Tausend Jahre hast Du meist still vor Dich hin liegen dürfen, zwischen Frankreich und dem spanischen Galicien, mit den Pyrenäen am Anfang und dem Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela am Ende. Ab und zu ist ein Gläubiger gekommen, in ledrigen Sandalen und einem Kanten Brot im Beutel und ist Deinen Windungen gefolgt. Gottes Wort im Kopf und einen Psalm auf den Lippen. Mal mit dem Esel, mal zu Fuß, immer aber in dem Bemühen, Gott ein wenig näher zu kommen. Und, von seiner Erkenntnis und dem eigenen Ich getroffen, ein besserer Mensch zu werden.
Heute bist Du eine Massenroute, eine A 100 der Gottes-Touristen und Ich-Seeker. Aus aller Welt strömen die Menschen herbei, um Dich abzulaufen und ein Häkchen in ihrem Pilger-Routen-Planer zu machen. Mehr als 180.000 waren es im letzten Jahr. Mit GPS oder Google Maps ausgerüstet rasen sie Dich in schrittoptimierenden High-Tech-Schuhen entlang, die nach dem Lauf auf dem Sondermüll entsorgt werden müssen.
Die Globetrotter Gottes
Einem Sonntagsausflug zum Minigolf gleich, schieben sie sich von Stopp zu Stopp, von Raststätte zu Raststätte und bevölkern die Schlafsäle der Herbergen, die immer mehr an 24-Stunden-Hostels erinnern. Einst geruhsame, kleine Dörfer sind zu Zentren des Kitsches und des Kommerzes geworden, in denen man bemalte Jakobsmuscheln, Keramikfliesen oder Kondome mit Jakobsweg-Aufdruck ersteht oder sein Gepäck beim Taxiunternehmer aufgibt. Wer sich langweilt, twittert "I am at Villares de Órbigo" - man kann ja nie wissen. Schattenlose Strecken und Deine unbequemen Passagen haben sich zu sportlichen Herausforderungen gewandelt, die Dank isotonischer Drinks locker gemeistert werden.
Bald schon wird man an den schmalen Stellen ein Schrankensystem einführen müssen, damit einer nach dem anderen passieren kann. Zivilisationsmüll säumt Deine Wege, die sich unter ihrem Getrampel ausdehnen, wie ein Fluss, der über die Ufer tritt. Gern gehen diese Globetrotter Gottes zu zweit oder in Gruppen und plappern und plaudern, dass man sich fragt, wie des Herren Stimme da eine Chance haben soll. Geschweige, wie sie gegen den Soundteppich des iPhones ankommen soll, der lautstark in den Ohren vieler Pilger schwappt.
Und doch, Jakobsweg, gibst Du nicht auf! Zeigst Dich steinig und holprig und vermittelst oft genug die Gedankenqual, dass Du nie zu Ende gehen wirst. Du glaubst an das Gute in diesen Menschen, und Du bist entschlossen, es herauszukitzeln. Durch Deine Höhenmeter und Deine steil abfallenden Wege, durch die Hitze im Sommer und die Schönheit Deiner Landschaft. Und oft genug behältst Du recht. Oft genug erreichst Du, dass die Plaudertaschen ihre Klappe halten - und sei es, weil ihnen beim Anstieg die Luft ausgeht. Dass sie ihr Leben und ihr Handeln überdenken in der Monotonie, die das Laufen mit sich bringt. Dass sie Dankbarkeit und Ehrfurcht entwickeln und Respekt vor den einfachen Dingen. Dass sie die Schönheit des Verzichts entdecken und die Kraft, die sich entfaltet, wenn man die eigenen Grenzen überwindet.
Du, verehrter Jakobweg, bist heldenhaft geduldig. Im Vertrauen auf Deine Wirkung liegst Du da und gibst Dich selbstlos hin für einen Haufen Suchender, die es schaffen, Dich und die Orte durch die Du führst, als eine Art Disneyland der Geistes-Folklore zu begreifen. Aber auch das scheinst Du auszuhalten. Wahrscheinlich im Vertrauen darauf, dass jedem Trend ein Gegentrend folgt. Momentan ist das Pilgern in. Aber, wer weiß, in zehn Jahren kräht vielleicht kein Hahn mehr danach. Dann kannst Du Dich erholen und Deine Wege wieder zuwachsen lassen.
Zumindest dann, wenn die Pilger Dich bis dahin nicht totgetrampelt haben.