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04.08.2012
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Der Tod hat doch was Gutes

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Was wird aus unseren Ausreden und Ausflüchten, wenn es kein Später mehr gibt? Rund vier Monate bleiben noch bis zum Weltuntergang: Die Menschen begreifen endlich ihre Sterblichkeit und verhalten sich friedlich und rührend. Ein Traum.

Und ich in den Hügeln, in dem Haus, in dem ich immer sein wollte. Kein Lautenspieler, kein König, kein Schindelmacher. Nur ein Glashaus mit einem Garten und einem Rasen, unten liegt Los Angeles. Die Stadt, die mir am meisten entspricht, in aller Bescheidenheit. Für die letzten Monate wollte ich so leben, wie ich es ohne die Maya nie gewagt hätte. Zu weit weg, der Umzug, die Ärzte, die Einwanderungsbehörde.

Diese unglaubliche Trägheit, die uns davon abhält zu tun, was wir uns erträumen. Der Rasen war nötig. Dazu später. Was wird aus unseren Ausreden, wenn es kein Später mehr gibt? Ich habe die Menschen mitgebracht, die mir nah sind, es sind zwei. Und ich habe sie nicht bezahlen müssen. Vielleicht mögen sie mich. Die Sonne steigt höher. Wie oft noch mal? Ohne ein festes Datum träumte ich mich gerne in die Unsterblichkeit.

Vielleicht fänden sie, die da oben, die mit den weißen Kitteln, während meiner kurzen Weltaufenthaltszeit ein Gegenmittel. Gegen den Tod. Dessen Unausweichlichkeit alles lächerlich machte. Jedes ernste Gesicht, jede Demonstration, jeden Politiker, Manager, jede Liebe.

Nein, die nicht. Die dauert an. Die übersteht den Tod, die Sau.

Freundlich verabschiedet sich das Hirn

Zwei Menschen leben noch, zwei sind mir gestorben, ohne zu verschwimmen in meiner Erinnerung. Liebe bleibt also wirklich. Auch wenn die Erde sich in einen Feuerball verwandelt haben wird. Feuerball? Wie komme ich darauf? Vielleicht wird sie sich einfach aus der Umlaufbahn lösen und im freien Fall ins All stürzen, wie weit wird sie eigentlich fallen?

Ich könnte noch mal im Cern anrufen, bevor die Sache zu Ende ist. Doch warum? Warum irgendetwas machen, außer am perfekten Ort zu liegen, mit den zwei für mich perfekten Menschen, ein wenig Rauschgift einzunehmen, um den Schmerz erträglicher zu machen, der am Morgen und am Abend besonders traurig macht in diesen unklaren blassblauen Stunden. Es gibt für mich nichts mehr zu tun. Ich bin nicht geeignet zur Weltrettung. Es liegt mir nicht, meine Ideen durchzusetzen, ich misstraue ihnen zu stark.

Wasser aus dem Rasensprenkler, das wollte ich unbedingt, es gehört zu meinem Traum, das leise Zischen des Geräts und der Geruch von Wasser auf Gras in der Hitze. Das war ein schönes Leben. Freundlich verabschiedet sich das Hirn von allem Negativen, es speichert angenehme Orte, Bücher, Tiere, Kinder, schöne Kunst, und jetzt ist es schon wieder Abend geworden.

Im Fernsehen wird jeden Abend heruntergezählt. Noch vier Monate und 13 Tage. Man sieht Menschen an Lagerfeuern sitzen, sie tanzen, haben ihre Freunde und Familien um sich versammelt. Sie überziehen ihre Bankkonten, die Banker sind am Meer. Es ist der Idealzustand einer friedlichen, feiernden Weltbevölkerung. Ein Umarmen Verfeindeter, ein Sich-aneinander-Schmiegen, der Wegfall aller sozialen und sexuellen Schranken, wozu waren die eigentlich noch mal gut?

Ein Lachen Sterbender.

Keiner ruiniert die Umwelt in seinen letzten Monaten, mordet, prügelt sich, selbst die schwer Drogenabhängigen halten inne, um ein paar wache Momente zu erleben. Sie alle starren in die Sonne, fühlen sich so klein, wie sie es immer waren. Die Menschen begreifen endlich ihre Sterblichkeit und verhalten sich entsprechend friedlich und rührend. Die kleinen Menschen, auf dem kleinen Planeten, der vielleicht bald im freien Fall ins Universum gleitet.

Vielleicht aber auch nicht.

Forum

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insgesamt 75 Beiträge
1. :-)
snuffwuff 04.08.2012
hat fast ein wenig "air" von mozarts requiem. sehr schön.
Zitat von sysopWas wird aus unseren Ausreden und Ausflüchten, wenn es kein Später mehr gibt? Rund vier Monate bleiben noch bis zum Weltuntergang: Die Menschen begreifen endlich ihre Sterblichkeit und verhalten sich friedlich und rührend. Ein Traum. Sibylle Berg über den Weltuntergang - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,845079,00.html)
hat fast ein wenig "air" von mozarts requiem. sehr schön.
2. sehr schön
elSteako 04.08.2012
wie sie den Sonnenuntergang genießen :) Der soll in Los Angeles ja auch besonders schön sein. Bei so einem schönen Abendrot kann man selbst seine größten Sorgen und den schlimmsten Kummer genießen :)
wie sie den Sonnenuntergang genießen :) Der soll in Los Angeles ja auch besonders schön sein. Bei so einem schönen Abendrot kann man selbst seine größten Sorgen und den schlimmsten Kummer genießen :)
3. sofort
tinosaurus 04.08.2012
Ich will jetzt meinen Kommentar nicht auf später verschieben und deshalb schreibe ich auch: Tja, schön geschrieben, aber das kann sie ja. Natürlich wäre es schön, wenn die Menschen einen Augenblick mal inne halten und sich der [...]
Ich will jetzt meinen Kommentar nicht auf später verschieben und deshalb schreibe ich auch: Tja, schön geschrieben, aber das kann sie ja. Natürlich wäre es schön, wenn die Menschen einen Augenblick mal inne halten und sich der Sterblichkeit, der Vergänglichkeit bewusst werden. Und daraus etwas Positives entsteht.
4. Andere Vision
Die Exklusivmeldung 04.08.2012
Wenn es kein Später mehr gibt, wird das Jetzt zum blanken Horror! Wenn Jeder das tut, was er immer schon ungestraft tun wollte, bricht die Hölle los. Der böse Nachbar? Wieso ihm nicht das Haus anzünden! Einfach, weil man [...]
Zitat von sysopWas wird aus unseren Ausreden und Ausflüchten, wenn es kein Später mehr gibt?
Wenn es kein Später mehr gibt, wird das Jetzt zum blanken Horror! Wenn Jeder das tut, was er immer schon ungestraft tun wollte, bricht die Hölle los. Der böse Nachbar? Wieso ihm nicht das Haus anzünden! Einfach, weil man es möchte! Feuerwehr? Gibt's nicht mehr. Polizei? Auch nicht. Also her mit dem Benzinkanister! Oder dieser Typ zwei Strassen weiter mit dem Lamborghini in der Garage. Den wollte ich doch immer mal fahren. Her' mit dem Schlüssel, Junge. Du willst nicht? Mal sehen, ob Dich mein Jagdgewehr nicht überzeugt! Und dann mit dem Lamborghini nach München! Ins Hilton einchecken? Nicht nötig. Die Türen stehen offen, die Zimmertüren auch, allerdings ist die Minibar längst geplündert. Frische Brötchen zum Frühstück? Null. Die Bäcker haben samt und sonders ihren Job quittiert. Eine Rückreise? Schwerlich möglich. Den Lambo auftanken geht nicht. Die Benzinversorgung ist längst zusammengebrochen. SO sähen die letzten Tage aus!
5. Vielleicht aber nicht
maliperica 04.08.2012
Es war so romantisch aufregend dieses Prosagedicht über bald kommenden kollektiven Menschenuntergang zu lesen, dass unbedingt noch kurz einen passenden Song hören müsste: Dieser Traum geht nie vorbei, komm und tanz mit [...]
Zitat von SibylleDie Menschen begreifen endlich ihre Sterblichkeit und verhalten sich entsprechend friedlich und rührend. Die kleinen Menschen, auf dem kleinen Planeten, der vielleicht bald im freien Fall ins Universum gleitet. Vielleicht aber auch nicht Sibylle Berg über den Weltuntergang - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,845079,00.html)
Es war so romantisch aufregend dieses Prosagedicht über bald kommenden kollektiven Menschenuntergang zu lesen, dass unbedingt noch kurz einen passenden Song hören müsste: Dieser Traum geht nie vorbei, komm und tanz mit mir... und dann fatale. erschreckende Wirklichkeit - "auch nicht" am Textende. Bin gespannt was die Frau Berg nach misslungenem Weltuntergang schreiben wird. Man freut sich schon jetzt... mfg mp

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