02.08.2012
Innovatives Zelt-Design
Erst blasen, dann pennen
Von Anne HaemingWas wäre ein Sommer ohne Musikfestivals? Ohne Wacken, Hurricane, Dockville oder Fusion? Bier und Dosenravioli ab in den Kofferraum, Gummistiefel überziehen. Sich dann in den Regen stellen und von den Bands trockenpusten lassen, ein ganzes Wochenende lang. Es gibt ein paar Sachen im Sommer, die sind so gut, dass man sie nicht neu erfinden muss. So ein Festival zum Beispiel. Oder das Zelt, das man dafür braucht.
So ungefähr sah das auch der Produktdesigner André Poulheim. Dann bekamen er und sein Kompagnon vom Hamburger Start-up Heimplanet den Auftrag, ein aufblasbares Zelt zu entwerfen. Doch genau wie beim (vermeintlich) perfekten Sonnenbrillen-Design stellte sich die Frage: Was soll man da überhaupt neu erfinden?
"Haben wir uns auch gefragt", sagt Poulheim. Da das klassische Design schon so schlicht ist, könnte ein neuer Entwurf nur komplexer werden, fürchtete das Team von "Frackenpohl Poulheim". Doch am Ende stand "The Cave", ein neues Dach über dem Kopf, das die Design-Gemeinde so begeisterte, dass sie dafür den IF Product Design Award vergab.
Vor dem Preis stand aber erst mal die wichtige Frage:
Was ist doof am Klassiker?
Das Aufbauen, klar. Schon mal bei Regen oder mitten in der Nacht auf dem Campingplatz angekommen, und dann versucht, Unterzelt, Überzelt und Gestänge sinnvoll zu verbinden? Und dann die Heringe! Fehlen entweder komplett. Oder scheitern am Untergrund. Denn der ist natürlich butterweich oder knochenhart.
Die Lösung dafür war...
...ein Zelt, das leicht ist - und ohne Heringe steht. Problemlos zu handhaben, unabhängig von Wetter und Tageszeit, aufblasbar mit einer Pumpe - und zwar innerhalb von 30 Sekunden. Dennoch sollte es den Grundprinzipien des Klassikers folgen: mit Innen- und Außenzelt. "Der Outdoormarkt ist skeptisch und traditionsbewusst", sagt Designer Poulheim. "Wenn jemand unser Zelt doof findet, dann soll er wenigstens nicht sagen können, unser Zelt ist schlecht gebaut." Kann man nicht sagen, stabil ist das Teil: Es hält Windstärke 9 aus.
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Wie lief der Designprozess?
Die Arbeit der Designer startete mit Analogien. Was wird sonst mit Luft gefüllt? Hüpfburgen. Schlauchboote. Und Kitesurf-Segel! Die stabile Wabenproduktion dieser Segel stellte sich als ideale Grundlage für den Zeltbau heraus. Genau dafür gab's dann übrigens auch den Design-Preis.
Was war sonst besonders wichtig?
Das Luftkammernkonstrukt musste dichthalten. Und das Raumgefühl sollte stimmen: So viel Platz wie möglich auf so wenig Grundfläche wie nötig. Daraus ergab sich eine Kuppelform, so dass man auch am Rand aufrecht sitzen kann.
Hm. Die Form erinnert mich an was.
Architektonisch geschulte Beobachter erkennen die Ähnlichkeit sofort: Die Kuppelbauten des US-amerikanischen Architekten und Design-Visionärs Richard Buckminster Fuller standen Pate für "The Cave". Am bekanntesten ist sein filigraner Pavillon für die Expo 1967, der inzwischen als Biosphärenkuppel in Montreal wiederaufgebaut wurde. Die Kuppelform kennt man auch von den arktistauglichen Zelten von Ferrino, für die sogar Reinhold Messner mal entworfen hat. Und der weiß ja, was man braucht.
"The Cave" - die Höhle. Klingt gemütlich. Und unheimlich.
Wenn Surfer "The Cave" hören, gibt's Geraune. So heißt einer der gefährlichsten Surfspots in Europa, genauer gesagt: vor dem portugiesischen Atlantik-Ort Ericeira.
Als die Heimplanet-Gründer 2003 dort zum Surfen waren, kam ihnen die Idee fürs aufblasbare Zelt. Und auch das nächste Zelt, das im Herbst auf den Markt kommt, ist nach einem Surfspot benannt: "The Wedge" in Kalifornien.
Was war noch mal der Klassiker?
Das zentrale Merkmal eines Zelts ist: es ist temporär, eine Schlafstätte für zwischendurch. Keine Immobilie, sondern mobil, gemacht für Nomaden. Daher gilt, egal in welcher Kultur: ein paar Pfosten, Schnüre, etwas Stoff und fertig. Egal, ob auf dem Oktoberfest, beim Zirkus oder als Tipi oder Jurte. Kein Wunder, dass Outdoor-Hersteller mit ihren Namen Respekt zollen: Tatonka ist das Wort für Büffel bei den Sioux, die Schweden sagen Fjällräven zum Polarfuchs. Tiere, denen man als Zweitnamen "klirrende Kälte" und "draußen umherstreunen" geben möchte.
Mehr Fakten!
Na gut. Schlafplatz für zwei bis drei Surfer oder Festivalbesucher. Rumsitzen können bis zu sechs, auf fünf Quadratmetern Grundfläche. Innenzelthöhe: 102 cm, Packmaß: 50x30x20 cm, Gewicht: 5,2 Kilogramm. Kostet so viel wie drei Tickets für "Rock am Ring", also 490 Euro.
Schön und gut, aber taugt das Stück für den Sommer?
"Das Zelt ist nicht für den Performer, der sagt, er möchte es auf den Viertausender rauftragen", sagt Poulheim. Aber genau richtig für Festival-Poser und Surfer: "Die, die das Zelt wollen, nehmen die Pumpe als Zusatzballast in Kauf. Neben der Palette Bierdosen fällt die ja kaum ins Gewicht." Prost und gute Nacht.

