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18.08.2012
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Scharf, die Alte!

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Der männliche Blick verfolgt uns Frauen bis ins hohe Alter - und sogar darüber hinaus. Bislang durften wir hoffen, wenigstens jenseits der 80 unsere Ruhe zu haben. Damit ist es vorbei. Denn selbst als Klappergestelle sollen wir jetzt stromlinienförmig und sexy sein.

"Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren", sagte Herr Bukowski und verstarb jählings. Nach dieser Vorlage für interessante Kommentare treibe ich meine Integration voran, in der Hoffnung, zügig in ein Alter zu geraten, von dem ich mir unendliche Freiheit und Unantastbarkeit verspreche: die Zeit über 80.

In den Mode- und Gesellschaftsseiten der Medien wird gerade das Buch "Advanced Style" des Bloggers Herr Cohen besprochen, was mir die Illusion eines friedlichen Alters nimmt. Denn was wie eine Wiedersichtbarmachung der Dame über 70 erscheint, ist Ausdruck des kommenden Stylefaschismus.

Im Buch finden wir Fotos meist vornehmer Millionärinnen und Modeindustriemitarbeiterinnen, ohne Zweifel sehr schön und stilsicher in der Wahl ihrer Trikotagen (ich kam bei den meisten Outfits auf eine Gesamtsumme von mindestens zehntausend Euro). Und die Berichte jubilieren: Endlich zeigt einer mal den alten Schrauben, wie sie auszusehen haben. Auch auf den letzten Metern, wenn man über- oder untergewichtig in Kittelschürzen über Veranden kullert, dürfen wir das nicht mit wohligem Grunzen. Sondern haben den Forderungen nach eleganter Stromlinienförmigkeit, Gefälligkeit und Sexyness zu genügen.

Konsumieren, fit und wach bleiben ist das Gesetz, und ein Entkommen ist in keiner Phase des Lebens drin. Für Frauen, wohlgemerkt. Erneut scheint eine Nische, die des Alters, in der eine Frau ihre Ruhe haben könnte, durch den Kapitalismus und die ihn begleitende Medienwelt bedroht. Na gut, dann sterbe ich halt, denkt man sich, dann hab ich meine Ruhe.

Falls man berühmt war, gilt es allerdings dann noch, die Qual des Nachrufes zu überstehen. Denn eine berühmte tote Frau lädt viele Nachruf- und Biografieautoren, auch manche Autorinnen ein, endlich einmal zu sagen, was man der Außerordentlichen zu Lebzeiten nicht zu sagen gewagt hätte. Anders als bei verstorbenen prominenten Männern scheinen Bemerkungen über das Aussehen/ die Sexualität/ die Schwäche der Toten unabdingbar.

In einem auf SPIEGEL ONLINE veröffentlichten Nachruf von Matthias Matussek auf Susanne Lothar stand zwischen all der Aufzählung ihrer Leistungen, zwischen Lob- und Trauerworten der Halbsatz: "Sie war nicht schön, ihre Brüste hingen", den Männer vermutlich überlesen, der Frauen aber eine Ohrfeige ist. Hat man nicht einmal als Leiche eine Ruhe vor euren Bewertungen, denkt man, aber vielleicht war es eine Ausnahme, ein kleiner Ausrutscher, passiert schon mal.

Nein, war es nicht. Liest man wahllos Artikel über verstorbene prominente Frauen, finden sich innerhalb von Minuten Sätze wie: "In diesen Tagen wäre Romy Schneider siebzig geworden. Kaum vorstellbar, wie das ausgesehen hätte" ("Welt"), "Amy Winehouse hatte viele Männer. Flüchtige Küsse, schnelle Nummern, Sex im Drogenrausch" ("Bild"), und "Die psychisch kranke Mutter wurde ebenso verschwiegen wie Marilyns chronisches Frauenleiden Endometriose (Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut)" (dpa).

Gut, dass wir darüber reden konnten. Das postmortale Persönlichkeitsrecht ist nicht klar umrissen, die Welt keine blühende Wiese, und nächste Woche fällt mir bestimmt etwas Positives an dieser Stelle ein. Literatur zum Beispiel. "Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt" - schrieb Edgar Allan Poe, und verstarb jählings.

Ob wir schön sind, oder uns jemand für hässlich befindet, die tröstliche Nachricht lautet: Irgendwann haben Frauen wirklich ihre Ruhe.

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insgesamt 127 Beiträge
1. Opfer zugleich Täter
jan07 18.08.2012
Die hier beklagten Opfer spielen ihre Rolle oft allzugerne und sind daher nicht nur Opfer, sondern Täter zugleich. Ich dachte, der Steinzeitfeminismus, in dem grundsätzlich die Männer die Wurzel allen Übel und die Frau das [...]
Die hier beklagten Opfer spielen ihre Rolle oft allzugerne und sind daher nicht nur Opfer, sondern Täter zugleich. Ich dachte, der Steinzeitfeminismus, in dem grundsätzlich die Männer die Wurzel allen Übel und die Frau das bessere Wesen ist, sei längst überwunden. So kann man sich irren.
2. ....
jujo 18.08.2012
Die Abwertende Beschreibung von (älteren) Frauen stört mich als Mann auch! Die Realität ist doch, das kein (jüngerer) Mann auf Hängebrüste abfährt, aber jüngere Frauen auf unästethische Hängebäuche schon, das ist mein [...]
Zitat von sysopDer männliche Blick verfolgt uns Frauen bis ins hohe Alter - und sogar darüber hinaus. Bislang durften wir hoffen, wenigstens jenseits der 80 unsere Ruhe zu haben. Damit ist es vorbei. Denn selbst als Klappergestelle sollen wir jetzt stromlinienförmig und sexy sein. Sibylle Berg über Sexismus in Nachrufen: Scharf, die Alte! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,847632,00.html)
Die Abwertende Beschreibung von (älteren) Frauen stört mich als Mann auch! Die Realität ist doch, das kein (jüngerer) Mann auf Hängebrüste abfährt, aber jüngere Frauen auf unästethische Hängebäuche schon, das ist mein Eindruck!
3. Paranoia
quark@mailinator.com 18.08.2012
Kommt halt immer darauf an, woraus man sein Selbstbewustsein bezieht, oder ? Aber was erwartet man eigentlich, wenn man sich schminkt, künstlich größer macht, sich endlos mit dysfunktionalen Klamotten behängt und ggf. noch viel [...]
Kommt halt immer darauf an, woraus man sein Selbstbewustsein bezieht, oder ? Aber was erwartet man eigentlich, wenn man sich schminkt, künstlich größer macht, sich endlos mit dysfunktionalen Klamotten behängt und ggf. noch viel Zeit und Geld in die Haare investiert ? Konnte noch nie verstehen, wieso ein ganzes Geschlecht sich darauf verlegt, auf Teufel komm raus anders aussehen zu wollen, als es die Natur geschaffen hat. Bevor ich freiwillig Schuhe anziehe, die mir weh tun, die Zehen deformieren und mich am Laufen hindern, müßte man mich schon schlagen. Warum entspannt sich die Autorin nicht einfach und läuft so rum, wie's ihre Natur halt ergibt ?
4. optional
Septic 18.08.2012
Bei Männern macht man sich über die Glatze lustig oder wenn er übergewicht hat. Reduktion auf Äusserlichkeiten ist heute leider kein Privileg oder Fluch nur für Frauen. In der Mediokratie in der wir leben, in der fast alles nur [...]
Bei Männern macht man sich über die Glatze lustig oder wenn er übergewicht hat. Reduktion auf Äusserlichkeiten ist heute leider kein Privileg oder Fluch nur für Frauen. In der Mediokratie in der wir leben, in der fast alles nur noch über visuelle Medien vermittelt wird, werden Männer und Frauen gleichermaßen oft auf ihre äusserlichen Attribute reduziert. Das erspart aufwändige Recherchen und Nachdenken. Wenn jemand extrem gut ausssieht oder übergewichtig ist wird ihm Dummheit unterstellt (Männlein und Weiblein), wenn er sonst von der Norm negativ abweicht wird darauf rumgeritten (große Nase, zu wenig, zu viel oder zu hängende Brüste, Halbglatze, Warze, Triefauge etc.). Selbst unsere Bundeskanzlerin brauchte Jahrzehnte um in den Medien ernst genommen zu werden und nicht konstant wegen ihres Äusseren negative Kommentare zu bekommen. Bundeskanzler Kohl ging es auch nicht anders als "der Dicke". Menschen in der Masse sind oberflächlich. Das war vielleicht im Überlebenskampf sinnvoll vor tausenden von Jahren. Heute ist es nur ein Zeichen von geistiger Faulheit.
5.
Sleeper_in_Metropolis 18.08.2012
Och, so schlimm wie Fr.Berg es beschreibt ist es ja zum Glück nicht, zumindest nicht für einigermaßen normalsterbliche Frauen. Wer sich mal in der normalen Welt, in Fußgängerzonnen oder im Falle von älteren Mitbürgerinnen von mir [...]
Och, so schlimm wie Fr.Berg es beschreibt ist es ja zum Glück nicht, zumindest nicht für einigermaßen normalsterbliche Frauen. Wer sich mal in der normalen Welt, in Fußgängerzonnen oder im Falle von älteren Mitbürgerinnen von mir aus auch in Seniorenwohnanlagen umschaut wird dort feststellen können, das dort kaum eine so ein Trara um die Optik macht, wie es der Artikel suggeriert. Die einzigen, die davon betroffen sein mögen sind Schauspielerinnnen, Modetanten und sonstige Promis, die aber schon ihr ganzes Leben lang hauptsächlich über die Optik definiert wurden. Diese Personen haben daran bisher meist sehr gut verdient, und hatten selten ein Problem damit auf den Titelseiten zu stehen, eher im Gegenteil, die Betroffenen drängten meist selbst dorthin. Und da hält sich mein Mitleid über einen angeblichen Zwang, bis zum Exitus blendend aussehen zu müssen in Grenzen.

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