05.08.2012
S.P.O.N. - Helden der Gegenwart
Ihr seid echte Silbersäcke
Eine Kolumne von Silke BurmesterLiebe Hamburger Kaufleute, liebe Retter des Silbersack,
ich denke, ich spreche im Namen vieler Hamburger und Tausender Touristen, wenn ich Ihnen dafür danke, dass Sie den Silbersack gekauft haben. Jene nunmehr 63 Jahre alte Kneipe auf St. Pauli, in der schon Hänschen Albers seine Shantys sang.
Mit 88 Jahren war im Mai die Betreiberin, die legendäre Erna Thomsen gestorben, mit ihrem Tod die Konzession erloschen und der Laden dicht.
Das Hafenviertel St. Pauli, das Herz dieser sehr schönen Stadt, wurde schon vor Jahren den Organhändlern des Kapitalismus übergeben, seither kommen sie und weiden es aus. Für sie ist jede Straßenecke ein Filetstück. Sie zerlegen den Körper und verkaufen seine Einzelteile an jeden, der es sich leisten kann, hier Millionen zu investieren. Legendäre Orte wie die Heiße Ecke und die Esso-Häuser werden abgerissen, klinisch reine Apartments entstehen für Menschen, die die Arbeiterklasse nur aus dem Fernsehen kennen und sich beim Sex im Cabrio ein Handtuch unterlegen.
Die Seele von uns Fischköppen
Ein solches Schicksal drohte auch dem Silbersack. Und den Menschen, denen die schäbige alte Kneipe etwas bedeutet: Identität, Heimat, Echtheit. Das Grundstück ist sicher Millionen wert, die Erben wollten verkaufen.
Und dann, als man bereits die Abrissbirne vor dem geistigen Auge in die hellgelb geflieste Außenfassade rauschen sah, waren Sie, meine Helden, in Bierlaune und dachten sich, "Silbersack, fanden wir immer gut, kaufen wir!" Und kaufen heißt in dem Falle retten. Erhalten. St. Pauli ein Teil seines Gesichts zu bewahren. Aber auch zu helfen, das Pauli-Gesicht zu wahren, damit Touristen überhaupt noch irgendeinen Grund haben, dorthin zu reisen. Denn so, wie sich die Reeperbahn heute präsentiert, sieht sie kaum anders aus als irgendeine große Amüsiermeile in irgendeiner Großstadt, in irgendeinem Land dieser Welt.
Aber Sie meine Helden, haben Herz bewiesen! Haben uns etwas erhalten, das mit Seele zu tun hat. Auch mit der Seele von uns Fischköppen.
Und wissen Sie, was mir am besten gefällt? Etliche von Ihnen, 20 sind Sie insgesamt, von der Presse erst als "Hamburger Kaufleute" tituliert, sind "Immobilien-Größen", wie das "Hamburger Abendblatt" Sie mittlerweile nennt. Arbeiten in den großen Firmen, die die Gentrifizierung - die Umwandlung traditioneller Bezirke mit günstigen Mieten in Nobelquartiere - vorantreiben. Sie, die sie keine Skrupel haben, ganze Straßenzüge aufzukaufen, Mietshäuser in Eigentum umzuwandeln und für den wenigen Mietwohnraum Preise zu verlangen, die keiner aufbringen kann, der nicht so ist wie Sie, haben die Chuzpe, davon zu sprechen, dass das Herz von St. Pauli erhalten bleiben müsse. Dass der Silbersack hier hingehöre und St. Pauli nicht mehr St. Pauli wäre, gäbe es den ranzigen Schuppen nicht mehr. Weil der Laden mit seiner Jukebox und dem billigen Astra für Ihre Jugend steht, weil Sie eine emotionale Bindung haben, sind Sie aktiv geworden. Sie haben die "Freunde des Silbersack GmbH & Co. KG" gegründet - eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
Ich frage mich, wie das weitergehen soll. Der Silbersack bleibt also in dieser von Ihnen vorangetriebenen Umwandlung St. Paulis in ein Eldorado für Schicke erhalten. Eine Art Freilichtmuseum, an dem die Touristen ablesen können, wie es war, bevor Leute wie Sie alles kaputtgemacht haben.
Was, frage ich Sie, kommt als nächstes? Eine Art "City Wildlife Fund", in dem Bürger Teile ihrer Stadt aufkaufen, damit sie in ihrer menschenfreundlichen Form erhalten bleiben? So, wie man ein Stück Regenwald kauft, damit die großen Firmen nicht alles abholzen?
Wie gesagt, verehrte Immobilien-Größen, Sie sind für mich die Helden dieser gentrifizierten Gegenwart. So viel Bigotterie, so viel Zynismus zu zeigen - das muss man sich erst einmal trauen.