10.08.2012
S.P.O.N. - Der Kritiker
Nazis? Da mach ich schnell die Augen zu!
Eine Kolumne von Georg DiezWas ist rechts? Wer ist rechts? Wie viele sind rechts? Was macht man mit rechts? Kann man rechts nicht doch verbieten, vergessen, übermalen, ignorieren, wäre das nicht viel bequemer? Und wenn man rechts nicht verbieten kann, vergessen, übermalen oder ignorieren, kann man es dann bitte wenigstens heimschicken?
Und was ist rechtsextrem? Wer ist rechtsextrem? Kriegt man das so leicht aus seinem Kopf raus, wie es rein geht? Schauen die Männer alle gefährlich aus? Oder ist es gefährlicher, wenn sie harmlos aussehen und eine Brille auf der Nase haben? Und tragen die Frauen tatsächlich alle extrem blond gefärbte Haare, so blond, dass man schon fast geblendet wird, wenn man hinschaut?
Denn dieses Bild auf jeden Fall bleibt, ganz egal, wie die Sache ausgeht, was dran war, wer sich richtig und wer sich falsch verhalten hat, was eh, so scheint es, kaum mehr geklärt werden wird - das alles spielt keine Rolle, so ist das in der Mediengesellschaft: Das Bild der blonden Nadja Drygalla gehört nun zur Ikonografie der bürgerlichen Angst.
Die Diskussion um Drygalla war dabei ähnlich bizarr wie die um das Hakenkreuz-Tattoo des russischen Opernsängers Evgeny Nikitin, der sein Bayreuth-Debüt absagen und abreisen musste, weil man im Hause Wagner natürlich keine Nazi-Symbole duldet - es waren Schrumpfformen einer ewigen deutschen Debatte: In beiden Fällen wurde schnell entschieden, in beiden Fällen musste die unangenehme Person verschwinden, in beiden Fällen waren es eher technische und taktische als inhaltliche Diskussionen, ganz so, als könne man Ideologie mit dem Reisebüro bekämpfen.
Aber ist denn etwa wirklich die "fundamentale Frage der ganzen Debatte", so beschrieb es die "Süddeutschen Zeitung": "Warum wurde das Verhältnis der Ruderin zu einem früheren Neonazi erst nach ihrem Auftritt bekannt?" Ist nicht die viel interessantere Frage, warum wir so überrascht sind, dass Nazis, Schläger oder NPD-Funktionäre eben auch Frauen haben oder Freundinnen, die in unserem wohlsortierten Leben auftauchen und plötzlich durchs Fernsehbild rudern - ganz einfach, weil es längst normal geworden ist, dass es diese Nazis, Schläger, NPD-Funktionäre gibt.
Weg mit euch! Aus den Augen, aus dem Sinn
Die Gesellschaft ist, mit anderen Worten, an einem anderen Punkt als das Reden über die Gesellschaft: Es gibt Popper und Türken und Islamisten und Nazis, da hilft es auch nichts, eine Ruderin nach Hause zu schicken. Die Ursachen wird man damit nicht zu fassen kriegen. Das aber suggerieren diese hektischen Placebo-Diskussionen: Weg mit euch! Aus den Augen, aus dem Sinn, damit wir uns nicht mit der Normalität und der Alltäglichkeit rechten Denkens auseinandersetzen müssen.
Im Fall von Nikitin wird dabei besonders deutlich, was passiert, wenn man nicht fassen oder nicht wahrhaben will, dass ein wütender junger Mann in Russland sich vielleicht ein Hakenkreuz auf die Brust tätowieren lässt - weil er rechts ist oder dumm oder einfach nur wütend: Die Diskussion wird dann so infantilisiert, dass man sich allen Ernstes mit der Frage auseinander setzen muss, ob das Hakenkreuz auf seinem Oberarm nur eine Vorstufe zu einem anderen Tattoo war, einem achtzackigen Stern.
Aha, so so, das ist aber wirklich mal wichtig.
Wichtig ist doch viel eher die Gedankenlosigkeit, mit der das Wort von der "Sippenhaft" gegen Nadja Drygalla die Runde machte - ein Wort, das die Nationalsozialisten '33 bis '45 für ihre Zwecke prägten. Wichtig ist die Frage, was es bedeutet, dass in Deutschland zehn Prozent oder mehr der Bevölkerung eine rechte oder rechtsextreme Weltsicht haben - wie in praktisch jedem Land der Welt. Wichtig ist die Frage, ob es einen rechten Status quo gibt und ob wir daran etwas ändern können. Sicher nicht, wenn wir damit zufrieden sind zu diskutieren, welcher Funktionär wen wann hätte warnen müssen.
Eine gute Nachricht zum Schluss: Das Wort löst sich übrigens auf, je länger man hinschaut:
rechts
r chts
r cht
cht
c t
c