Lade Daten...
16.11.2012
Schrift:
-
+

Kunstmarkt-Experte Hunt

Fotos, mit denen man tanzen möchte

Von Gunda Schwantje
Getty Images

Der Markt für Fotografie boomt - und doch gibt es noch immer Nischen für private Sammler. Der New Yorker Kunstmarkt-Experte William Hunt kauft seit vier Jahrzehnten Bilder. Er erklärt, was es braucht, um die Talente von morgen zu entdecken.

Der britische Magnum-Fotograf Martin Parr hat Gegenstände zusammengetragen, die mit Fotografien bedruckt sind. Der niederländische Werber, Art-Direktor und Kurator Erik Kessels stöbert auf Flohmärkten nach alten Fotoalben. Menschen jagen und sammeln mit Leidenschaft, und Fotografien scheinen eine ganz besondere Anziehungskraft auszuüben.

Fotos zu sammeln wird stetig populärer. Fotografie hat die Museen erobert. Sie ist Bestandteil und Motor des Kunstmarkts; einige Bilder sind schon Teil von Investment-Portfolios. Finanzkräftige Investoren kaufen Fotos, um sie irgendwann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die Preise haben so angezogen, dass sich Stiftungen und kulturelle Institutionen relevante Werke zum Teil gar nicht mehr leisten können.

Doch der Ankauf von Bildern unbekannter Fotografen und junger Talente ist noch erschwinglich. Im gehobenen Segment hingegen steigen die Preise dabei rapide. Der Fotokünstler Andreas Gursky hält derzeit den Weltrekord, 4,3 Millionen Dollar brachte die monumentale Fotografie "Rhein II" bei einer Versteigerung ein. 433.000 Euro zahlte ein Käufer für das bislang teuerste Foto von Henri Cartier-Bresson.

Aber wie fängt man mit dem Sammeln an? Wo finden Interessierte Fotografien, die selbst nach langer Zeit noch faszinieren? Und wann kann der Kauf einer Fotografie zugleich eine vielversprechende Investition sein?

Singendes Herz

William Hunt hat Antworten auf diese Fragen. Der New Yorker kauft seit vier Jahrzehnten Prints. Er gilt als Autorität im Fotografie-Universum: Sammler, Kurator, Autor, Berater, Jurymitglied des World Press Photo Award. "Gute Fotografie gibt es im Überfluss", sagt Hunt. "Wahrhaft herausragende Fotografien jedoch sind Raritäten, sind Schätze. Wenn man so eine Fotografie sieht, singt das Herz."

Das Geheimnis herausragender Bilder sei oft erstaunlich simpel: Ein Bild, bei dem die Elemente perfekt austariert seien. "Oft zeigen diese Fotografien etwas, das man noch nie zuvor gesehen hat, etwas Überraschendes, Geheimnisvolles, Magisches. Die amerikanische Malerin Georgia O'Keeffe nannte es das Unfassbare", sagt Hunt.

Wer seinen Blick für gute Bilder schulen will, sollte sich in Galerien und Museen sowie auf Fotofestivals und Messen umsehen. Paris Photo ist eine der wichtigsten Fotomessen, bis zum Sonntag lockt die Veranstaltung Sammler und Interessierte in die französische Hauptstadt. Allerdings bedarf es schon eines gut gefüllten Bankkontos, um von dort ein Foto mit nach Hause zu nehmen. Wer noch wenig Erfahrung beim Kauf von Fotografien hat, kann beispielsweise die internationale Messe Unseen besuchen, die künftig ein Mal im Jahr in Amsterdam zu sehen sein wird. Dort werden auch Bilder für weniger als 1000 Euro angeboten.

Woran erkennt man, welches Bild zu einem passt - und welches womöglich an Wert gewinnt? "Fotografien findet man auf zwei Wegen", erklärt Experte Hunt. "Zum einen - das hat der Fotograf Walker Evans gesagt - durch schauen, schauen, schauen. Und wer empfänglich ist, wird gelegentlich auch von Fotografien gefunden." Beim Kauf vertraue jeder Sammler letztendlich dem eigenen Instinkt, sagt Hunt: "Ein Bild zu finden, das man kaufen möchte, ist berauschend. Mit einem solchen Bild will man im Raum herumtanzen."

Zugleich sind die Preisspannen auf dem Fotografie-Markt so groß, dass er auch für Einsteiger interessant bleibt. Wer selbst verhandeln will, sollte sich vorher gut informieren, rät Hunt. Der Wert einer Fotografie sei relativ für jeden Sammler, sagt Hunt. Dennoch gebe es einige zentrale Bewertungsmaßstäbe: Wie hoch ist die Auflage? Auf welcher Stufe befindet sich die Karriere des Fotografen? Wie wird sich der Fotograf entwickeln? Wie ambitioniert ist ein junges Talent, welches Entwicklungspotential deutet sich an? Wo und bei welchen Personen war ein Fotograf in der Ausbildung? Und nicht zuletzt: Möchte man das Bild tatsächlich besitzen?

Über den Beginn seiner eigenen Sammelleidenschaft erzählt Hunt: "Ich habe ein Foto gekauft, es war eine aufregende Erfahrung. Ich kaufte ein zweites Bild, und dann noch eins. Eines Tages schaute ich mich in meiner Wohnung um und dachte: 'Um Himmels Willen, was ist hier denn los'." Das Hobby verselbständigte sich, bald suchte Hunt auch nach spezifischen Motiven, die ihn faszinierten. Die Sammlung mit dem Titel "The Unseen Eye. Photographs from the Unconsciousness" ist über 35 Jahre gewachsen - begonnen hatte alles mit einem Foto, das Hunt bei einer Auktion erstand. Inzwischen sind seine Bilder als Buch publiziert.

Die Ausstellung ist um die halbe Welt gereist - in diesem Jahr war sie unter anderem auf dem Fotofestival in Perpignan zu sehen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
1. Einstieg als Fotosammler
lawlord 16.11.2012
Das ist gut beschrieben. Nur bekommt man erschwingliche gute Fotografien um 1.000 € auch in einschlägigen Galerien, manchmal selbst Vintage
Das ist gut beschrieben. Nur bekommt man erschwingliche gute Fotografien um 1.000 € auch in einschlägigen Galerien, manchmal selbst Vintage

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter RSS
alles zum Thema Fotografie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten