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15.11.2012
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US-Moral und die Deutschen

Wir Fremdglotzer

Von
REUTERS

Ex-General David Petraeus und Ehefrau Holly: Makellos und moralisch überlegen

Ein Ehemann schläft mit einer anderen Frau, ein US-General erweist sich als fehlbar - was geht's uns an? Wenig. Und dennoch starren wir Deutschen hin. Denn die Affäre Petraeus wirft ein Schlaglicht darauf, wie fremd uns die Moralvorstellungen in den USA sind.

Wir wissen nicht, was den US-amerikanischen Ex-General und ehemaligen CIA-Chef David Petraeus geritten hat, als er sich auf eine Affäre mit seiner Biografin Paula Broadwell einließ. Wir wissen nicht, was seine Geliebte dazu gebracht hat, Droh-Mails an Petraeus' Bekannte Jill Kelley zu verschicken. Wir haben keine Ahnung, was einen FBI-Agenten dazu trieb, Kelley Fotos von sich selbst mit nacktem Oberkörper zu schicken.

Wir wissen nicht, warum der US-General John Allen Mails an Jill Kelley geschrieben hat, in denen er sie, wie es aus offiziellen Quellen heißt, "flirtend" ansprach und sie "Sweetheart", also übersetzt etwa "Schätzchen" nannte. Wir haben keine Ahnung, wie der Feldherr und die Partyqueen es geschafft haben sollen, innerhalb von zwei Jahren die kolportierte Menge von 30.000 Seiten Text produziert zu haben, also etwa 40 Seiten pro Tag.

Wir wissen das alles nicht. Und es ist auch nicht besonders relevant.

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David Petraeus: Der Vorzeige-General und die Elite-Soldatin

Nach allem, was bisher bekannt ist, sind beim Beischlaf von Broadwell und Petraeus keine militärischen Geheimnisse verraten worden. Auch der schriftliche Verkehr zwischen Kelley und Allen enthielt offenbar keine staatsgefährdenden Details. Wären die Protagonisten der Affäre nicht real existierende Spitzenleute des US-Sicherheitsapparats, man würde meinen, sie seien einer Soap-Opera entsprungen.

Ferne, seltsame, fremde USA

Das Bedürfnis nach voyeuristischer Zerstreuung mag einen Teil der Faszination erklären - bei einem Teil des Publikums. Doch was geht uns das Gewese wirklich an, das um die beiden Spitzenmilitärs gemacht wird? Wenig. Und doch, oder gerade deswegen, starren wir verwundert auf die Geschichte des gefallenen Top-Kommandeurs, der vielleicht sogar einmal Präsident hätte werden können - aber jetzt ein Ausgestoßener ist. Denn seine Geschichte erinnert uns Deutsche daran, wie fern uns die vermeintlich so vertrauten USA in Wahrheit doch sind - was die einen gern verdrängen und die anderen gar nicht oft genug hören können.

Die Affäre Petraeus wird befeuert von zwei US-amerikanischen Obsessionen, die hiesige Beobachter nur mit Staunen zur Kenntnis nehmen können, weil sie in Deutschland längst überwunden scheinen: Die Institution der Ehe zwischen Mann und Frau sowie der soldatische Heldenstatus.

Zuletzt in der Nacht der Wiederwahl des US-Präsidenten Barack Obama konnte man beobachten, wie mächtig das Bild der heilen, heterosexuellen Familie in den Vereinigten Staaten ist. Kaum stand das Wahlergebnis fest, twitterte Obama ein Foto von sich in inniger Umarmung mit seiner Frau Michelle. Und beim ersten öffentlichen Auftritt nach dem Sieg standen selbstverständlich auch seine beiden Töchter mit auf der Bühne.

Undenkbar ist in den Staaten ein US-Präsident, der nicht einen intakten Familienhintergrund aufweisen kann. Affären sind unverzeihliche Karrierekiller für Politiker, eine geschiedene Frau als Regierungschefin wäre hier unvorstellbar - von einem schwul verheirateten Außenminister ganz zu schweigen-, in einem Land, das sich noch 1996 ein "Gesetz zur Verteidigung der Ehe" gegeben hat. Wohlgemerkt zur Verteidigung der heterosexuellen Ehe vor der Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften - als sei ein Mann-Frau-Paar in irgendeiner Form bedroht, wenn sich gleichgeschlechtliche Liebende zusammenschließen.

Ehebruch als schwere Straftat

In 24 US-Bundesstaaten kann Ehebruch strafrechtlich verfolgt werden; theoretisch kann beispielsweise in Michigan eine lebenslange Haftstrafe für Fremdgeher fällig werden. Der aufgeflogene Ehebruch, anderswo von nicht direkt Betroffenen längst lakonisch zur Kenntnis genommen als alltäglicher Beleg menschlicher Schwäche, hat in den USA noch die Wucht eines gesellschaftlichen Skandals. Und wenn ein verehrter Militärstratege daran beteiligt ist, potenziert sich der Skandal.

Denn ein Soldat gilt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung per se als - zumindest zukünftiger - Held. Und sein Anführer als weise und integer. Selbst in einer getrost links zu nennenden Satiresendung wie Jon Stewarts höchst erfolgreicher "Daily Show" werden Soldaten ausschließlich mit höchstem Respekt erwähnt - anders als hierzulande, wo man sie, Tucholsky zitierend, gerichtlich sanktioniert sogar "Mörder" nennen darf.

Die Verehrung der US-Militärführer hat einen wichtigen psychologischen Grund: Makellos müssen sie sein, moralisch über jeden Zweifel erhaben, weil sonst vielleicht auch Zweifel aufkommen könnten an der moralischen Überlegenheit und Integrität der US-Außenpolitik, die zu einem zumindest nicht unwesentlichen Anteil auch aus Kriegsführung besteht.

Man mag beklagen, dass der Anschein einer heilen Ehe in Deutschland längst nicht mehr den Stellenwert hat wie noch vor wenigen Jahren. Man mag bedauern, dass die deutsche Politik wenig Glamour verströmt, dass das hiesige militärische Personal wenig Charisma aufzubieten hat im Vergleich zu den Kollegen in den USA.

Man kann das alles auch sehr beruhigend finden.

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insgesamt 229 Beiträge
1. Der echte Skandal
dliblegeips 15.11.2012
Ein Geheimdienstchef der es nicht mal schafft seine Affären unter dem Deckel zu halten hat ganz einfach versagt. Wie soll er komplexe Geheimdienstoperationen führen und analysieren wenn ihn schon zwei herumzickende Mätressen [...]
Ein Geheimdienstchef der es nicht mal schafft seine Affären unter dem Deckel zu halten hat ganz einfach versagt. Wie soll er komplexe Geheimdienstoperationen führen und analysieren wenn ihn schon zwei herumzickende Mätressen aus der Bahn werfen. Die Affäre ist doch nur ein Vorwand diesen Versager loszuwerden und die Medien stürzen sich natürlich gerne auf irgendwelche Bettgeschichten. Die wirklichen Schweinereien werden wie üblich nicht aufgedeckt.Eine Beleidigung für alle Menschen die als Kollateralschaden von US Geheimdienstoperationen endeten.
2. optional
Pvanderloewen 15.11.2012
"Undenkbar ist in den Staaten ein US-Präsident, der nicht einen intakten Familienhintergrund aufweisen kann. Affären sind unverzeihliche Karrierekiller für Politiker (...)" Äh, ja. Gab's da nicht mal einen Bill [...]
"Undenkbar ist in den Staaten ein US-Präsident, der nicht einen intakten Familienhintergrund aufweisen kann. Affären sind unverzeihliche Karrierekiller für Politiker (...)" Äh, ja. Gab's da nicht mal einen Bill Clinton?
3. Christlich fundamental
osterbuckel 15.11.2012
...scheinen viele Amerikaner zu sein. Ich lese gerade das 2.Buch Mose. Dort steht: wer Ehebruch begeht, ist des Todes. Dieselbe Strafe ist auch für Homosexualität vorgesehen. Wer nun die Bibel einschließlich Altem Testament zu [...]
...scheinen viele Amerikaner zu sein. Ich lese gerade das 2.Buch Mose. Dort steht: wer Ehebruch begeht, ist des Todes. Dieselbe Strafe ist auch für Homosexualität vorgesehen. Wer nun die Bibel einschließlich Altem Testament zu Gottes Wort erklärt und wer sein Land als "Gods own land" empfindet, der kommt halt zu denen uns fremden Wertungen.
4.
golgol 15.11.2012
Es tut mir Leid das zu sagen, aber die Frage was uns das angeht sollten sie selbst sich fragen, denn der Spon hat hier jeden Tag 1-2 News zu diesem Thema gebracht und sozusagen das ganze erst angefangen.
Es tut mir Leid das zu sagen, aber die Frage was uns das angeht sollten sie selbst sich fragen, denn der Spon hat hier jeden Tag 1-2 News zu diesem Thema gebracht und sozusagen das ganze erst angefangen.
5. Informationshülse
absolutes vakuum 15.11.2012
Wer starrt wo hin? Würden die Leitmedien sich nicht darauf stürzen und unseren Blick mit Gewalt auf solch Informationshülsen versuchen zu lenken, ich wüste es nicht und mir wär es egal. Ist es immer noch.
Wer starrt wo hin? Würden die Leitmedien sich nicht darauf stürzen und unseren Blick mit Gewalt auf solch Informationshülsen versuchen zu lenken, ich wüste es nicht und mir wär es egal. Ist es immer noch.

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