17.11.2012
S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle
Nationalstolz ist albern
Eine Kolumne von Sibylle BergDie Zeit der Nazi-Herrschaft lag über 60 Jahre, Rostock-Lichtenhagen über zehn Jahre zurück, als sich während der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren im Jahr 2006 überraschend ein neues deutsches Nationalgefühl zeigte. So reizend waren die jungen, jubelnden Menschen mit Fahnen und schwarz-rot-goldener Gesichtsbemalung, so rührend vereint im Schmerz der Niederlage. Dass man ihnen, der neuen Generation, endlich ein Gefühl zu ihrer Heimat gönnte, das sich von dem der anderen jungen Europäer nicht unterschied.
Unbelastet von Zerrissenheit, Schuldgefühlen der Eltern, ohne das große Aber, das hinter jeder positiven Aussage über ihre Heimat stand. Die jungen Deutschen, die beliebt sind im Ausland, haben eine Hauptstadt, in die Menschen aus aller Welt ziehen und internationale Freunde. Sie machen gute Kunst, sie haben Geschmack, sprechen Fremdsprachen, sehen gut aus. Und sie leben in einer funktionierenden Demokratie.
Nationalstolz ist ein etwas albernes Gefühl: "Ich bin stolz auf mein Land" ist ein ebenso sonderbarer Satz wie: "Ich bin stolz darauf, eine Frau zu sein". Ein wenig aus der Mode gekommen, unter Gartenzwerg-Generalverdacht, ein Satz, den man bis dahin nicht sagen mochte, wenn man kein Jung-NPD-Wähler war.
Kennzeichnende Frage
Doch dann schien sich ein neues deutsches Selbstverständnis zu entwickeln, fernab vom dumpfen Dröhnen der Vergangenheit. Endlich konnte man sein Auto mit kleinen Deutschland-Wimpeln schmücken, deutsche Musik hören. Rammstein, eine der wenigen international wahrgenommenen Bands, musste sich nicht mehr Nazi-Vorwürfen stellen, und der Weg schien frei. Für einen neuen, unbefangenen Umgang der Deutschen mit ihrem Land, ihren Gefühlen und ihrem Wald.
Eigentlich wäre alles gut gewesen, wären nicht die Erwachsenen gekommen und hätten die lustige Jugendbewegung gekapert. Auf einmal saßen sie da wieder, die Alten, und bröselten die schwere Krume. Irgendetwas deutschtümelt seit dem Befreiungsschlag der Jugend so merkwürdig in der deutschen Kulturlandschaft. Unfassbar und kaum zu benennen.
Friedrich Nietzsche schrieb: "Das Kennzeichnende der Deutschen ist, dass die Frage 'Was ist deutsch?' bei ihnen niemals ausstirbt". Thea Dorn und Richard Wagner untersuchten in ihrem Sachbuch "Die deutsche Seele" die? Richtig - die deutsche Seele. Und langsam schien sich die Begeisterung der jungen Menschen an ihrer Identität wieder zu etwas seltsam Monokel-tragendem zu verformen.
Kulturschaffende, Medienmitarbeiter, Schriftsteller, Philosophen umgehen die jüngere deutsche Geschichte mit elegantem Bogen, entwerfen nichts Neues und landen geradewegs wieder in der Zeit des adeligen Gestütsbesitzers. 2009 wurde Karl-Theodor zu Guttenberg Bundesminister. Herr von Eden heißt, vermutlich ironisch, das Modelabel der Stunde. Autoren entdecken den Sound der alten Sprache. Man trägt wieder Anzug und siezt sich, man hört Max Raabe und ist ein Herr. Als wäre nichts passiert.
Die Zeit zurückdrehen, noch mal auf null, nicht neue Geschichte werden lassen, sondern sehnsuchtsvoll rückwärtsgewandt schwadronieren. Der Adel, die Elite, mit feinen Kuchen auf Kreidefelsen stehen und sich im Takt deutscher Klassik wiegen, den Kanon murmelnd. Geht nicht alles? Sich der Geschichte bewusst sein und Neues entstehen lassen?
Befreit Euch, möchte ich den Jungen sagen, schafft euch euer eigenes Deutschland, macht eure eigene Geschichte, eure eigene Kunst und Musik, macht es laut, macht es schnell. Hängt Wimpel an eure Autos, und lasst euch nicht den Spaß verderben an einem neuen Deutschland, in das Menschen aus aller Welt gerne ziehen.