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15.11.2012
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Stammheim-Ausstellung

Fotorecherche im Todestrakt

Von
Andreas Magdanz

Beunruhigende Aufnahmen aus dem Dunkel der kollektiven Erinnerung: Das Gefängnis Stuttgart-Stammheim wurde weltbekannt als Sterbestätte der RAF-Gefangenen. Der Fotograf Andreas Magdanz hat das Gebäude nun über Monate im Bild festgehalten - zu sehen in einer großen Ausstellung.

Ein böses Wort: Stammheim. Ein Wort, das zumindest bei allen Westdeutschen, die die siebziger Jahre bewusst erlebt haben, ungute Erinnerungen wachruft. Stammheim befördert beunruhigende Bilder aus dem Dunkel der kollektiven Erinnerung: Mit Stacheldraht gekrönte Betonmauern, hartes Scheinwerferlicht, Scharfschützen auf den Dächern. Ein düsteres Deutschland.

Rote Arme Fraktion (RAF) gegen Bundesrepublik Deutschland. Der nicht erklärte Bürgerkrieg kulminierte in dem Gefängnis und dem Gerichtsgebäude am nördlichen Stadtrand Stuttgarts. Im siebten Stock des großen Hafthauses waren die führenden Figuren der RAF gefangen, hier wurden sie tot in ihren Zellen gefunden.

Fotos der Justizvollzugsanstalt Stuttgart, wie Stammheim offiziell heißt, zeigt jetzt das Kunstmuseum Stuttgart; Fotos von Andreas Magdanz, der sich mit dem Fotografieren von historisch bedeutsamen Gebäuden einen Namen gemacht hat. Als Magdanz vor gut drei Jahren in der "taz" las, das berüchtigte große Hafthaus in Stammheim solle abgerissen werden, stand sein Entschluss sofort fest. Diesen Mythos aus Beton wollte er unbedingt dokumentieren, bevor er den Baggern zum Opfer fallen würde.

Das Justizministerium von Baden-Württemberg und die Anstaltsleiterin zeigten sich sehr kooperativ. Fünf Monate lang lebte Magdanz unmittelbar neben dem Gefängnis in einem Haus, in dem ansonsten Anstaltsbedienstete mit ihren Familien wohnen. Nacht für Nacht, wenn die Gefangenen in ihren Zellen eingeschlossen waren, nahm er großformatige Bilder auf.

Symbol der bleiernen Zeit

Der Mythos war es, der Magdanz zu dem aufwendigen Projekt motivierte; der Mythos, dessen Beginn sich auf den 28. April 1974 datieren lässt, als die ersten beiden RAF-Gefangenen nach Stammheim verlegt wurden, Ulrike Meinhof und Grudun Ensslin. Andreas Baader, Jan Carl Raspe und andere RAF-Mitglieder folgten den beiden. Sie drückten dem Gefängnis für immer einen Stempel auf, sie machten es zum Symbol der "bleiernen Zeit" in der westdeutschen Republik, zum Sinnbild für den Krieg der RAF gegen die BRD.

In Stammheim wuchsen Gefängnis und Gericht zu einer baulichen Einheit zusammen. Eigens für den Prozess gegen die Spitze der RAF, den das Oberlandesgericht Stuttgart im Mai 1975 eröffnete, wurde am Rande des Gefängnisareals ein Mehrzweckgebäude genannter Gerichtsbunker aufbetoniert.

Ulrike Meinhof setzte in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1976 ihrem Leben in ihrer Stammheimer Zelle ein Ende. Ihre Genossin Gudrun Ensslin wurde am Morgen des 18. Oktobers 1977 erhängt in ihrer Zelle gefunden, Andreas Baader und Jan Carl Raspe lagen erschossen in ihren Zellen, Irmgard Möller war durch Messerstiche verletzt und überlebte die sogenannte Stammheimer Todesnacht.

Etliche Indizien sprechen für einen Suizid der RAF-Gründer, unmittelbar nachdem ihre Freipressung durch die Entführer des Lufthansa-Jets "Landshut" gescheitert war. Dennoch sind auch 35 Jahre danach noch entscheidende Fragen offen: Wurden die drei Schusswaffen und Sprengstoff wirklich von Anwälten in das angeblich sicherste Gefängnis Europas eingeschmuggelt? Wie konnten die drei Gefangenen zu Tode kommen, ohne dass ihre Bewacher das sofort bemerkten? Wurden die RAF-Kader auch in der Todesnacht über die illegalen Abhöranlagen belauscht?

Fragliche Tatumstände

Diese und andere Fragen sind bis heute nicht befriedigend beantwortet. Vieles ist rätselhaft geblieben. Andreas Magdanz kam beim nächtlichen Fotografieren zu der Überzeugung, dass das angeblich unbemerkte Abfeuern von vier Schüssen "sehr unwahrscheinlich" sei.

Der Aachener Fotograf ist für seine Monografien über geschichtsträchtige Gebäudekomplexe bekannt. Magdanz hat den Atombunker der Bundesregierung fotografisch dokumentiert, den Sitz des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, das einstige Vernichtungslager in Auschwitz/Birkenau und andere signifikante Bauten, in denen sich deutsche Geschichte verdichtet hat. Er sagt: "Wenn ich interessante Menschen treffe, dann fotografiere ich sie nicht, sondern unterhalte mich mit ihnen."

Seine Schwarzweißfotos sind unaufgeregt und kühl, nur Bilder der Zelle 719, in der Ulrike Meinhof und später Andreas Baader starben, hat Magdanz in Farbe aufgenommen. Um die Strukturen, die Architektur und die bedrückende Brutalität des berühmten Gefängnisses herauszuarbeiten, hat er erheblichen Aufwand betrieben. Mit Hilfe eines Hubschraubers beispielsweise machte er aus 300 Meter Höhe Luftbilder der Gefängnisanlage.

30 seiner Stammheim-Fotos sind ab Freitag im Stuttgarter Kunstmuseum ausgestellt, dazu erscheint ein Katalog und ein erweitertes E-Book.

Gruselig fand Magdanz seine Stammheimer Nächte nie. Gleichwohl spricht er von der "Beseeltheit leerer Räume", auch wenn deren bekannte Bewohner schon seit 35 Jahren tot sind. Noch steht das deutsche Monument vor den Toren Stuttgarts. Für das große Hafthaus muss erst ein Ersatz gebaut werden. Wann es tatsächlich abgerissen wird, ist noch unklar. Stammheim ist ein Gespenst, aber es ist hartlebig.


Andreas Magdanz, Stuttgart Stammheim, Kunstmuseum Stuttgart, 17. November 2012 - 3. März 2013

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