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16.11.2012
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S.P.O.N. - Der Kritiker

Bitte aufhören!

Eine Kolumne von Georg Diez

Philip Roth will keine Romane mehr verfassen. Es gibt noch mehr Literaten und andere Künstler, von denen man sich einen derartigen Entschluss wünschen würde. Ein Blick auf elf Kreative, die besser aufhören sollten - gerade weil der Trend zum Weitermachen geht.

Philip Roth hat also gesagt, dass er keine Romane mehr schreiben wird, er hat das noch vor dem ganzen Petraeus-Broadwell-Kelley-Allen-FBI-Mann-mit-blankem-Oberkörper-Irrsinn gesagt, das wäre ja immerhin ein Grund gewesen, als Schriftsteller vor den wild gewordenen Fiktionen zu kapitulieren, die wir unsere Wirklichkeit nennen.

Philip Roth ist es aber egal, dass sich die Welt langsam in eine Serie von HBO verwandelt - in dem Interview mit der französischen Zeitschrift "Les Inrocktibles", in dem er erklärte: "To tell you the truth, I am done", nannte der 78-jährige Roth ein paar ganz pragmatische Gründe für seinen Rückzug: Zum Beispiel versteht er sein Amerika nicht mehr. Zum Beispiel hat er seine Helden Dostojewski, Conrad, Turgenjew und Hemingway mal wieder gelesen und auch seine eigenen Romane hat er nochmal gelesen, von "Nemesis" zurück bis zu "Goodbye, Columbus", und hat, ganz biblisch, gesehen, dass es gut war.

Roth hat gesehen, dass er sein Leben nicht verschwendet hat; Roth hat aber auch gesagt, dass er eigentlich nie wusste, wie das geht, das Leben. David Remnick vom "New Yorker" hat er vor ein paar Jahren mal erzählt, wie er eine "alternative Lebensweise" versuchte, andere nennen das Alltag. Er ging also ins Metropolitan Museum in New York, dort gab es eine große Ausstellung, "wunderbare Gemälde", sagte Roth. Am nächsten Tag ging er gleich nochmal hin. "Aber was sollte ich denn am dritten Tag machen", sagte er. "Zum dritten Mal ins Museum gehen? Also fing ich wieder an zu schreiben."

Lange Tage verbrachte er so, in "mönchischer Abgeschiedenheit", so heißt es dann oft - und womöglich stimmte diese Mythologisierung sogar, die aber natürlich auch die bildungsbürgerliche Angst vor Lärm und Ablenkung bediente. Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang auch die Anekdote mit der Katze: Ein Freund hatte Roth gebeten, sie für eine Weile zu nehmen. Er hatte sie bei sich in der Wohnung, er spielte mit ihr, wie man das so macht - und fand es unerträglich, wie dadurch seine Konzentration gestört wurde. Nach zwei Tagen holte der Freund seine Katze wieder ab. Das war der Preis, den Roth bezahlte für sein Werk: "It's not magic, boys", sagte Roth einmal, "and it is no picnic either".

Was ja nicht nur fürs Romanschreiben gilt, sondern fürs Leben allgemein. Die eigentliche Nachricht bei der ganzen Sache ist aber doch eh eine andere. Die eigentliche Nachricht ist, wer alles nicht den Roth'schen Ernst aufbringt. Die eigentliche Nachricht ist, wer alles nicht aufhört. Obwohl es besser wäre.

Die Liste, Sie merken es, wird lang.

Peter Nadás immerhin hat gesagt, dass er wohl aufhören wird, ich habe "Parallelgeschichten" noch nicht gelesen, aber die Leute sagen, es sei das Beste, was er je geschrieben hat.

Allgemein kann man aber sagen: Immer weniger Künstler hören auf. Der Trend geht zum Weitermachen.

Philip Roth wird übrigens jetzt, da er aufgehört hat zu schreiben, endlich den Nobelpreis bekommen.

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insgesamt 10 Beiträge
1. Done
elpatron 16.11.2012
Everyman, Exit Ghost, Nemesis. Schlanker wurden seine letzten drei Bücher nicht nur im Umfang. Alles Überfüssige weg. Entkernt, bis auf einen leuchtenden Kern. Während des letzten Jahres fiebrig in NYRB & Feuilletons [...]
Everyman, Exit Ghost, Nemesis. Schlanker wurden seine letzten drei Bücher nicht nur im Umfang. Alles Überfüssige weg. Entkernt, bis auf einen leuchtenden Kern. Während des letzten Jahres fiebrig in NYRB & Feuilletons nach einem neuen PR blätternd. Dann vor einer Woche das. I'm done.
2. Aufhören
Pfaffenwinkel 16.11.2012
sollten auch Leute wie Dieter Bohlen, die Gattin von Wulff und andere Promis. Auf diese Art von Büchern kann die Welt gut verzichten.
sollten auch Leute wie Dieter Bohlen, die Gattin von Wulff und andere Promis. Auf diese Art von Büchern kann die Welt gut verzichten.
3. Die Erzählebenen haben sich verschoben
yast2000 16.11.2012
Daran kann man nichts ändern, die Griechische Tragödie wirkt ja heute auch antik. Man könnte sich mit wirklich guten Autoren allerdings mal treffen und einen neuen Erzählansatz finden; nur wer sollte das in Deutschland sein?
Daran kann man nichts ändern, die Griechische Tragödie wirkt ja heute auch antik. Man könnte sich mit wirklich guten Autoren allerdings mal treffen und einen neuen Erzählansatz finden; nur wer sollte das in Deutschland sein?
4. optional
johntale 16.11.2012
ich kann in diesem kontext auf ulrich horstmanns großartiges werk "die aufgabe der literatur" verweisen. danke PR, es war immer ein großes lesevergnügen mit ihnen. es war literatur.
ich kann in diesem kontext auf ulrich horstmanns großartiges werk "die aufgabe der literatur" verweisen. danke PR, es war immer ein großes lesevergnügen mit ihnen. es war literatur.
5. Ich wage es kaum zu sagen,
TheGossip 16.11.2012
aber Zeitungen mit grossen Buchstaben oder rosa Papier oder solche Periodika, die das Liebesleben in Krankenhäusern beschreiben, genauso wie der Rezeptvorschlag auf der Raviolidose oder...
aber Zeitungen mit grossen Buchstaben oder rosa Papier oder solche Periodika, die das Liebesleben in Krankenhäusern beschreiben, genauso wie der Rezeptvorschlag auf der Raviolidose oder...

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Georg Diez


Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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