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24.11.2012
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Und ich dachte, jetzt kann ich endlich sterben

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Warum bekommt man einen Literaturpreis? Es hat mit Glück, der Jury und mit dem Wetter zu tun - und verursacht ein Gefühl der Abhängigkeit: Statt Künstler grundsätzlich zu unterstützen, füttert man sie lieber. Wird man tatsächlich nominiert, ist das ein befremdliches Erlebnis.

Haben Sie schon einmal einen Buchpreis nicht erhalten? Wollen Sie wissen, wie das ist? Egal ob den deutschen oder den Schweizer Buchpreis, völlig egal. Es ist dieser neu erfundene Buchabverkaufspreis, der so stark auf den Verkauf wirkt, dass unterdessen Verlage ihre Bücher extra zum Herbst herausbringen, um eine Chance auf diesen wundervollen Abverkauf zu erhalten.

Es ist folgendermaßen. Als ich erfuhr, dass ich unter den fünf preiswürdigen Preisträgeranwärtern des Schweizer Buchpreises bin, dachte ich als Erstes: Kriegst du nie. Du kriegst keine Preise, das ist die Verabredung. Es gibt so etwas wie einen Preisvergabemechanismus - wer einen hat, hat sie alle, egal ob sich die Bücher verkaufen. Statt Schriftsteller oder generell Künstler in einer vernünftigen Form zu unterstützen (die meisten leben unterhalb der Armutsgrenze und könnten, so wie in Irland, von der Steuer befreit werden), füttert man sie lieber. Das macht so ein gutes Gefühl von Abhängigkeit.

Der Literaturbetrieb, also Kritiker, Goethe-Instituts-Mitarbeiter, Stipendienvergabe-Kommissionen, haben so eine gute Macht und werden nicht in Frage gestellt. Die Vergabe hat immer mit Glück, der Zusammensetzung der Jury, dem Wetter und den persönlichen Verpflichtungen und Vernetzungen von Jurymitglied, Verlag, Preisträger und nochmals - dem Wetter - zu tun. Aber natürlich denkt man bei einer Nominierung an all das nicht, da hat schon der Verlag angerufen - Nominierung, Jubel - und der eigene Verstand ausgesetzt.

Ich bin eine brillante Verliererin

Nach der Rührung die kleine Ernüchterung, denn als Preisträgeranwärterin wird so einiges von einem erwartet. Neben der Buchvermarktungstour, die jeder ohnehin zum Erscheinen eines neuen Buches absolviert, kommen extra Lesetermine, Gesprächstermine, fast noch medizinische Untersuchungen. Irgendwann hatte ich beim Verlassen meiner Wohnung das Gefühl, ich stecke in Dürrenmatts Tunnel fest: Immer sah ich mich mit meinem Rollkoffer voller Staubsauger auf Tour, so ist das eben heute.

Es hat mich ja keiner gezwungen, einen für den Kapitalismus und das Wachstum irrelevanten Job zu ergreifen. Ich sagte mir immer wieder: Ich werde den Preis nicht bekommen, die anderen sind auch gut, genauso gut, und außerdem ist Peter von Matt dabei. Wie kann man Matt nominieren, ohne ihm einen Preis zu geben. Peter von Matt ist in der Schweiz so etwas wie Enzensberger in Deutschland, ikonografisch betrachtet.

Und doch machte ich weiter, die Ehre, Sie wissen schon, und vielleicht auch das eine Prozent Hoffnung, Sie ahnen es. Als es dann zur Preisverleihung kam, schien es mir, als hätte ich mich zu den Oscars verirrt. Und endlich konnte ich auch die begreifen. Und damit alle Wettbewerbssituationen unserer wunderbaren Zeit. Fernsehkameras platzierten sich vor den Gesichtern meiner KollegInnen, um den Moment der Enttäuschung oder des Jubels direkt einzufangen. Blumen, Streichorchester, und nach 16 Stunden stand endlich der Gewinner fest.

Es war, total überraschend: Peter von Matt. Und ich dachte nur: Jetzt kann ich endlich sterben, nein, schlafen. Im Moment tiefster Erschöpfung stand auch schon wieder eine Kamera bereit, um zu fragen, ob ich enttäuscht bin. Heute ist das alles längst vergessen. Eine prächtige Erfahrung liegt hinter mir, ich bin eine brillante Verliererin, Enzensberger und Matt haben alle Preise der Welt verdient. Ich frage mich nur, ob so ein Buchpreiswettrennen wirklich sehr würdevoll für alle Beteiligten ist und ob es den SchriftstellerInnen, also den 99 Prozent, die nicht gewinnen, irgendwie weiterhilft.

Forum

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insgesamt 59 Beiträge
1. Würden Sie kommen?
ghardimaou 24.11.2012
Liebe Frau Berg, erst machen Sie mich süchtig nach Ihren Büchern, dann nach den Kommentaren und nun frage ich mich nur noch: Würden Sie zu mir zum Essen kommen, wenn ich ein ansehnliches, mehrgängiges Menü zaubere? Sie sind [...]
Liebe Frau Berg, erst machen Sie mich süchtig nach Ihren Büchern, dann nach den Kommentaren und nun frage ich mich nur noch: Würden Sie zu mir zum Essen kommen, wenn ich ein ansehnliches, mehrgängiges Menü zaubere? Sie sind eine excellente Autorin - ganz am Rande!
2.
BlakesWort 24.11.2012
Eine nette kleine Kolumne zum Thema Literaturbetrieb, die sich auf so ziemlich alle Preise runterbrechen lässt. Wer mal in so einer Situation war, der weiß, wovon Frau Berg da schreibt. Danke, hat mich Schmunzeln lassen.
Eine nette kleine Kolumne zum Thema Literaturbetrieb, die sich auf so ziemlich alle Preise runterbrechen lässt. Wer mal in so einer Situation war, der weiß, wovon Frau Berg da schreibt. Danke, hat mich Schmunzeln lassen.
3. Es geht durchaus noch schlimmer
nimue11 24.11.2012
Schließlich kommt kaum jemand erst in Ihre Situation. Der Standartsatz, mit dem Manuskripte zurückkommen, und der richtig nervt, lautet: 'Passt nicht ins Verlagsprogramm'. Das der Schreiberling natürlich vorher eifrig [...]
Zitat von sysopWarum bekommt man einen Literaturpreis? Es hat mit Glück, der Jury und mit dem Wetter zu tun - und verursacht ein Gefühl der Abhängigkeit: Statt Künstler grundsätzlich zu unterstützen, füttert man sie lieber. Wird man tatsächlich nominiert, ist das ein befremdliches Erlebnis. S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-fragen-sie-frau-sibylle-a-868672.html)
Schließlich kommt kaum jemand erst in Ihre Situation. Der Standartsatz, mit dem Manuskripte zurückkommen, und der richtig nervt, lautet: 'Passt nicht ins Verlagsprogramm'. Das der Schreiberling natürlich vorher eifrig studiert hat. Und der lediglich aussagt, dass eine mehr oder weniger höfliche Sekretärin das persönliche Objekt der Liebe gerade ungeöffnet zurückschickt. (Falls überhaupt, und natürlich nur mit beigelegtem Rückporto). Und deshalb haben sich dann solche Schönheiten des Literaturbetriebs etabliert, die der Spiegel so trefflich aufs Korn nahm: Bezahl-Verlage: Die schönsten Seiten des Schwachsinns - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/bezahl-verlage-die-schoensten-seiten-des-schwachsinns-a-645279.html)
4. Wettbewerbe
agua 24.11.2012
bei denen der Gewinner schon festliegt.Aber ohne diese Scheinwettbewerbe waere es ja kein Spektakel.Sich trotzdem geehrt fuehlen,dass Sie unter den ersten 5 waren.Der damit verbundene Stress hat bestimmt einen Nutzen.
bei denen der Gewinner schon festliegt.Aber ohne diese Scheinwettbewerbe waere es ja kein Spektakel.Sich trotzdem geehrt fuehlen,dass Sie unter den ersten 5 waren.Der damit verbundene Stress hat bestimmt einen Nutzen.
5. heldentod
klausi9 24.11.2012
jawohl, frau berg hat mal wieder recht (wie immer), ich habe auch schon bei verschiedenen gelegenheiten und mehr aus versehen zwei, drei (unwichtigere) preise bekommen, weil halt außer mir keiner da war, um sie abzuholen - und ich [...]
jawohl, frau berg hat mal wieder recht (wie immer), ich habe auch schon bei verschiedenen gelegenheiten und mehr aus versehen zwei, drei (unwichtigere) preise bekommen, weil halt außer mir keiner da war, um sie abzuholen - und ich muss ergänzen: viel schlimmer als sie nicht zu bekommen, ist plötzlich auf der bühne zu stehen, das mikrofon in der hand, mit fieberschüben vor lauter bühnenaufregung, und dann fällt einem nur noch "vielen dank" ein. das vor versammelter kritikerpresse. einmal habe ich ihn dann doch nicht bekommen, und ungelogen - ich war SO froh, keine spontan improvisiert wirkende rede über die wiederkehr des politischen theaters oder was halt sonst gerade so gepasst hätte, halten zu müssen. allein bei der vorstellung ich bin auf der stelle gestorben, wirklich. natürlich liegt der fiebertod sensibler naturen daran, dass dieser ganze preiszirkus letztlich ein demütigungszirkus ist. eine institution, ein verlag, eine literatursendung schmückt sich mit einem preis. und der autor, in vollstem missverstehen, glaubt, es ging um ihn. da kann er gar nicht angemessen reagieren außer sofort den peinlichkeitstod zu erleiden. er stirbt sozusagen in vorauseilendem fremdschämen mit sich selbst daran, dass er in dieser zwickmühlenrollendiffusion zwischen kreativem individuum und schmückendem literaturjurybeiwerk keinesfalls das richtige sagen kann, frau berg sei's geklagt. mal was anderes: literaturförderung reformieren, sofort! ich bin dabei.

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