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25.11.2012
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"Sommernachtstraum" am Thalia

Ganz in Schwarz mit einem Blumenstrauß

Von
dapd

Regisseur Stefan Pucher ist ein Entertainer. Seine Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" in Hamburg rauscht bildermächtig durch den Paarungsreigen. Neben hübsch düsterer Musik gibt es auch ein Gastspiel der "Fraktus"-Macher Studio Braun. Das wäre nicht nötig gewesen.

Film ab, Schnelldurchlauf am Anfang: Wer war da nochmal mit wem in diesem "Sommernachtstraum"? Paare, Passanten, Wald, Park, Mythen, Athen, Alte und Junge, Prolls und Edle, Schöne und Blöde, alles drin. Regisseur Stefan Pucher - Service regiert - trailert zu Beginn seiner neuen Shakespeare-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater das Publikum durch das Liebes- und Intrigenpersonal der verwirrenden Komödie. Wie im ganz großen Kino - die Bühnenfläche wird zur monströsen Leinwand - reißt er mal schnell die Konstellationen an, die kurz darauf in den mythischen Gefilden ums antike Athen sich finden sollen. Man ist buchstäblich schnell im Bilde.

Wenige Stücke des klassischen Repertoires sind so ausinszeniert wie der "Sommernachtstraum", und bei einem so munteren Regisseur wie Stefan Pucher (er putzte jüngst in Hamburg den Don "Quijote" bunt heraus) hätte da durchaus eine hochprofessionelle Pop-Revue der edlen Langeweile herauskommen können. Doch weit gefehlt. Es fängt damit an, dass gar nichts bunt ist.

Das Liebes-, Eifersuchts- und Heiratskarussell aus Athener Gesellschaft (Theseus und Hippolyta, Hermis und Demetrius) und Elfenreich (Oberon und Titania) lädt gewöhnlich die Spielleitung zur Inszenierung fröhlich-freier Rammelei und Sex-Akrobatik ein. Stefan Pucher setzt diese Rezeption voraus, denn er wandelt die wohlfeile Lust ins Sinistre, indem er sie kalt ironisiert. Sex ist da, aber darum geht es nicht. Es geht um Einsamkeit. Puchers Puck - trotz seiner Fehler hier der einzige wahre Held - trägt Schwarz und zwar einen maßgeschneiderten doppelreihigen, hochmodischen Smoking, anfangs noch mit Zirkus-Zylinder, später ganz melancholischer Gentleman. Die perfekten Kostüme dieser Show erdachte Marysol des Castillo.

Thalia-Stars in Bestform

Auch Pucks Meister, der Elfenkönig Oberon, kommt schwarz gewandet daher, allerding in einem schwülen, bodenlangen Mantel und geschlechtsbetonender, geckenhafter Lederhose, die ihn eher wie einen Vampir-König statt Elfen-Regent aussehen lassen. Ein Blumenstrauß für die Frau, in Oberons Hand wirkt der wie ein Irrtum. Gut, dass Pucher diesen Düsterling von Bruno Cathomas so nuancenreich komisch und burlesk spielen lässt. Muss er aber auch, denn den Über-Puck gibt Thalia-Star Jens Harzer. Der formt sich seine Figur zielgenau als traurig-klugen Shakespeare-Narr, wie er vielleicht vom Autor hier nicht gemeint war, er aber blendend in diese schwarze Welt der Irrtümer passt.

Denn alle irren durch eine düstere, enge Welt aus Humus und dichtem Laubwerk, in der manchmal das grelle Bühnenlicht der Erkenntnis blendet, aber meistens die Melancholie regiert. Sebastian Rudolph, derzeit auch als "Faust" erfolgreich, spielt als Doppelrolle sowohl die Hippolyta des Theseus, wie auch die Oberon-Gattin Titania. Und das mit einer ironischen Lust, die alles Transenhafte in eine würdevolle Diva wendet.

Singen kann Rudolph obendrein: Eine der besseren Songeinlagen ist seine Version "Keep Your Dreams" des genialen Elektro-Punk-Duos Suicide. Sie gehört zu den genial-traurigen Höhepunkten der Shakespeare-Show. Überhaupt setzt Stefan Pucher gern Akzente und Aktschlüsse musikalisch um, wie auch Gemütsbewegungen gern mit großflächigen Videoprojektionen illustriert werden. Diese doppelte Verbildlichung erscheint mitunter etwas aufdringlich, doch für die Umwandlung dieser vermeintlich leichtgewichtigen Sommerkomödie in von buchstäblicher Ent-Täuschung geprägter Dunkelheitsposse passt es dann schon wieder.

Ein überzeugender Esel

Aber keine Angst, der Zettel-Esel darf alle Komik des bekannten Liebesspiels zwischen dem schlichten Zettel und der vom Zaubersaft verblendeten Königin Titania verströmen. Jörg Pohl als hinreißend agierender Laien-Schauspieler darf seine Partnerin nach allen Regeln der Komödienkunst rammeln, nachdem er mit Ohren, Maul und eseliger Körperlichkeit das Urviech ausspielen durfte - auch lautmalerisch ein Höhepunkt dieser Inszenierung und ein Blitzlicht inmitten der Dunkelheit.

Seine Mithandwerker, die ja das Hochzeitstück für ihren Herzog Theseus einüben sollen, werden neben Gabriela Maria Schmeide (wie immer urkomisch) vom Comedy-bewährten Hamburger Trio Studio Braun gespielt, das hier allerdings eher blass bleibt. Heinz Strunk ("Fleisch ist mein Gemüse") ist halt Heinz Strunk, wie auch Rocko Schamoni ganz er selbst bleibt. Zusammen mit Jacques Palminger krönen sie ein ganz amüsantes Video, das Film-und Theaterebene trickreich verknüpft. Eine hübsche Nummer, aber nicht unbedingt nötig.

Die eigentliche Aufführung der Handwerker-Produktion für die Athener Gesellschaft ganz am Schluss ist dann zwar auch irgendwie komisch, verlässt aber das Niveau der übrigen Szenerie und bremst den Spannungsbogen zur großen allseitigen Versöhnung aus. Gewiss soll dies bewusst die Scheinidylle des Happy-Ends konterkarieren, dennoch schmeckt Puchers Essenz dieses Weltenspiels schal. Was bleibt, ist der einsame Puck auf düsterem Feld. Ein eigenwilliger "Sommernachtstraum", der sich nicht in falsche Illusionen flüchtet.

Großer Jubel für das gesamte Ensemble und - oh Wunder - keine Buhs für die Regie. Diesen Traum wird das Thalia noch lange Zeit träumen dürfen.

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