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24.11.2012
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G+J-Vorstand Jäkel

"Das Ende der 'FTD' berührt mich besonders"

dapd/ Gruner + Jahr

Gruner + Jahr-Vorstandsmitglied Jäkel: "Keine echten Chancen gesehen"

"Keine echten Chancen": Julia Jäkel, Vorstandsmitglied von Gruner + Jahr, hat das Aus für die "Financial Times Deutschland" im Interview als "unvermeidbar" bezeichnet. Kritik kommt jedoch vom Gründungschefredakteur. Der Verlag habe es versäumt, rechtzeitig eine Digitalstrategie zu entwickeln.

Hamburg - Als "unvermeidbar" hat Vorstandsmitglied Julia Jäkel die Entscheidung des Verlags Gruner + Jahr bezeichnet, die defizitäre Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" einzustellen. "Wir haben immerhin zwölf Jahre lang an einem hochambitionierten Objekt festgehalten und darum mit großem Durchhaltevermögen gekämpft", sagte Jäkel dem "Hamburger Abendblatt". "Ich habe dort fünf Jahre gearbeitet. Deshalb berührt mich das Schicksal der 'FTD' ganz besonders."

Die "FTD" erscheint am 7. Dezember zum letzten Mal. Der Verlag hatte am Freitag nach langem Hin und Her das Aus der defizitären Wirtschaftszeitung offiziell verkündet. Das Interview mit dem "Hamburger Abendblatt" hatte Jäkel bereits am Donnerstag gegeben, es aber mit einer Sperrfrist bis Samstag versehen. Trotzdem waren Details über die Einstellung der "FTD" vorab bekannt geworden, weshalb im Verlag Unmut über die Kommunikationspolitik des Vorstands entstanden war.

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Die Auflagenentwicklung der "Financial Times Deutschland" seit Ende 2010

Im "Abendblatt", das selbst vor einer großen Umstrukturierung steht, betonte Jäkel nun, die "FTD" sei "schneller, humorvoller und investigativer als andere. Deshalb haben wir so lange an ihr festgehalten". Im Verlagsvorstand sei abgewogen worden, "ob wir echte Chancen für die nächsten Jahre sehen. Und diese Frage haben wir am Ende mit Nein beantwortet", sagte Jäkel, die seit Anfang September zum obersten Führungsteam des Hamburger Verlagshauses gehört und im Vorstand für das Zeitschriften- und Digitalgeschäft in Deutschland zuständig ist.

"Ich will da keine falschen Hoffnungen wecken"

Die "FTD" habe den Verlag mehr als 250 Millionen Euro gekostet. "Wir werden allein dieses Jahr mit unseren Wirtschaftsmedien 15 Millionen Euro Verlust machen", fügte Jäkel hinzu. Für das Anlegermagazin "Börse Online" sowie das Monatsmagazin "Impulse" prüft G+J nach eigenen Angaben die Möglichkeit eines Verkaufs. Das Magazin "Capital" sowie die Neugründung "Business Punk" sollen dagegen erhalten und nach Berlin verlegt werden. Dem Verlag zufolge sind in der Gemeinschaftsredaktion der G+J-Wirtschaftsmedien 364 Mitarbeiter betroffen. Es werde versucht, ihnen andere Arbeitsplätze im Verlag anzubieten: "Aber im großen Stil ist das nicht möglich. Ich will da keine falschen Hoffnungen wecken."

Auf die Frage, wie stark der Medienstandort Hamburg sei, antwortete Jäkel: "Wir haben jetzt eine schwere Zeit, die uns sehr berührt und für alle Mitarbeiter am Standort hart ist. Aber wir sind ein starkes Haus auf einem guten Weg." Über die Zukunft von Gruner + Jahr äußerte sich Jäkel verhalten positiv: "Es gibt ein paar Dinge, die uns Sorgen machen. Aber wir haben auch jede Menge erfolgreiche Titel, die mich in meiner Überzeugung bestärken, dass wir noch viele Jahre Freude an Print haben werden."

Der Verlag hatte nach Angaben Jäkels Alternativen zu einer Einstellung der "FTD" intensiv geprüft. Sowohl das Modell einer verschlankten und um eine digitale Bezahlversion ergänzte Tageszeitung als auch das Konzept einer ausschließlich digitalen Ausgabe seien aber wieder verworfen worden. "Unabhängig von der Vergangenheit würden diese Modelle noch einmal immense Investitionen bedeuten, die mit ungeheuren Risiken verbunden wären", stellte Jäkel klar. Daneben habe es bis zum Schluss einen seriösen Interessenten für das Blatt gegeben.

Auch Gründungschefredakteur Andrew Gowers bedauerte das Aus der "FTD". "Es war eine sehr gute Zeitung mit exzellenten Journalisten", sagte er der Zeitung "Die Welt". Der Verlag G + J habe es versäumt, ein Konzept für eine Online-Zeitung zu entwickeln: "Man kann das nicht von einem auf den anderen Tag machen."

hpi/dapd

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insgesamt 27 Beiträge
1. Falsches Geschäftsmodell
dunnhaupt 24.11.2012
Investoren wollen Fakten und Informationen, keine Meinungen. Deutsche Redaktionen haben offenbar vergessen, dass das Wort Zeitung ursprünglich "Nachricht" bedeutet, und nicht Meinungsmache.
Investoren wollen Fakten und Informationen, keine Meinungen. Deutsche Redaktionen haben offenbar vergessen, dass das Wort Zeitung ursprünglich "Nachricht" bedeutet, und nicht Meinungsmache.
2. Heult doch!
kantundco 24.11.2012
Sicherlich bedauerlich für die Journalisten und deren Familien, die an die Sicherheit dieser Arbeitsplätze geglaubt haben. Allein am fehlenden Geschäftsmodell im Internet hat es jedoch wohl kaum gelegen. Man muss schon auch [...]
Sicherlich bedauerlich für die Journalisten und deren Familien, die an die Sicherheit dieser Arbeitsplätze geglaubt haben. Allein am fehlenden Geschäftsmodell im Internet hat es jedoch wohl kaum gelegen. Man muss schon auch Inhalte und eine Qualität anbieten, für die die Leser zu zahlen bereit sind. Tja Leute, das nennt sich Marktwirtschaft. Und bitter, wenn man da auf die Fresse fällt. Noch bitterer, wenn man andere darüber journalistisch belehrt, wie man erfolgreich wirtschaftet und wie nicht. Ein bisschen mehr Tiefe, konträre Ansichten und neue Perspektiven hat man im rosa Blatt aber nicht gefunden. Vielleicht hätte ein Blick über den Gartenzaun in Richtung Brand Eins ganz gut getan. Nicht, um das Konzept zu kupfern. Aber um zu sehen, wie spannend man Wirtschaft heute erzählen kann und was die Leser wirklich interessiert. Erst dann kann man sich Gedanken zum Business Modell machen. Die Verlagsleitung dürfte nach meiner Einschätzung wenig Schuld treffen. Die versuchen jedes Jahr mit guten Produkten und innovativen Konzepten den Leser zu gewinnen. Um mit ein bisschen Häme abzuschließen: im neuen FTD-Businessplan-Wettbewerb sind sicher ein paar hübsche Vorlagen für die (ehemaligen) FTD-Mitarbeiter dabei. Macht Euch doch selbstständig! Aber heult nicht rum.
3.
Micael54 24.11.2012
Jetzt plötzlich wird über die Positionierung der FTD im Markt gesprochen. In den vergangenen Jahren habe ich davon nichts mitbekommen. Mir ist auch keine FTD-Werbekampagne aufgefallen. Ich bekam auch nie eine E-Mail, die mir [...]
Jetzt plötzlich wird über die Positionierung der FTD im Markt gesprochen. In den vergangenen Jahren habe ich davon nichts mitbekommen. Mir ist auch keine FTD-Werbekampagne aufgefallen. Ich bekam auch nie eine E-Mail, die mir vorgeschlagen hätte, die FTD mal für einige Tage zu testen. Bei den meisten Verlagen haben heute Betriebswirte das Sagen. Das sind ausgezeichnete Mathematiker, aber keine Journalisten und Werber...
4. Gruner hat keine Strategie..
Ex-Kölner 24.11.2012
...weder fürs bedruckte Papier noch fürs Internet. Nach meinem Eindruck hat man am Baumwall mindestens zehn Jahre geschlafen. Das einstige Flaggschiff des Hauses, der Stern, dümpelt vor sich hin, dessen Netzableger liegt weit [...]
...weder fürs bedruckte Papier noch fürs Internet. Nach meinem Eindruck hat man am Baumwall mindestens zehn Jahre geschlafen. Das einstige Flaggschiff des Hauses, der Stern, dümpelt vor sich hin, dessen Netzableger liegt weit abgeschlagen hinter Spiegel Online. Man sehe sich nur mal die letzten vier Stern-Titel an: Seitensprünge, Miezekatzen, Obama und Diättips - bis auf Obama hätte das auch auf der Brigitte oder der Männer-Bravo ("Men's Health") stehen können. Bei den Wirtschafts- und Finanztiteln ähnliches: Als "Capital" noch in Köln saß, lebte die Redaktion - nach den Erzählungen ehemaliger Redakteure zu urteilen - in Saus und Braus. Jahrzehntelang verdiente man sich ja dumm und dämlich leistete sich den entsprechenden Wasserkopf. Als es dann bei der FTD brannte (und das Geld in Kölle nicht mehr so sprudelte), wurde die Redaktion nach Hamburg verlegt und mit der der FTD fusioniert. Vorausschauende Planung sieht anders aus... Den Online-Analphabetismus von Gruner belegen auch Episoden aus der Stuttgarter Tochter "Motorpresse" bestens. Bis 2008 gehörten zum Haus Elektroniktitel wie Audio, Colorfoto, Connect, Stereoplay und Video. Nachdem man das Internet auch dort jahrelang verschlafen hatte (Audio.de und Video.de hatten sich andere geschnappt), packte man alle Blätter unter ein gemeinsames Netz-Dach. Dessen logischer wie naheliegender Name: "Netedition.de"... Nachdem die Stuttgarter dann alle Elektroblätter und damit die Testkompetenz im Haus verkauft hatten, kamen sie (wie schon Dutzende vor ihnen) auf die glorreiche Idee, ein Portal mit aus dem Web zusammengesuchten Tests von (hauptsächlich) Unterhaltungselektronik zu eröffnen. Selbstverständlich rangiert megatest.de unter ferner liefen...
5. Sehr enttäuschend
derfreiebuerger 24.11.2012
G J hat hier offensichtlich keine Ideen mehr oder auch in der Vergangenheit viel zu wenige Ideen gehabt. Aber die Frau Jäkel hat ein schönes Foto dem Interview mitgegeben.
G J hat hier offensichtlich keine Ideen mehr oder auch in der Vergangenheit viel zu wenige Ideen gehabt. Aber die Frau Jäkel hat ein schönes Foto dem Interview mitgegeben.

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