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02.12.2012
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Cezary Bodzianowski

Poet im Bademantel

Von Karin Schulze

Mit absurden, zutiefst poetischen Ein-Mann-Performances gehört Cezary Bodzianowski zu den eigenwilligsten und anrührendsten zeitgenössischen Künstlern - jetzt zeigt das Museum Abteiberg eine Retrospektive seiner Arbeit.

Eine kaputte Neonwerbung sieht trist aus. Erst recht, wenn sie Sektschalen darstellt - gefüllt mit Schaumwein. Das muss nicht sein, dachte sich Cezary Bodzianowski und beschloss, den schalen Schalen aufzuhelfen.

Der polnische Künstler kletterte auf das Dach des Etablissements, stellte sich unter die Leuchtröhren und warf einen Hula-Hoop-Reifen so in die Luft, dass es für einen Moment aussah, als löse sich eine Sektperle und steige befreit in den Himmel auf.

Mit solch absurden, doch zutiefst poetischen Auftritten gehört Bodzianowski zu den eigenwilligsten und anrührendsten zeitgenössischen Künstlern. An die 1000 dieser minimalen Interventionen in Lebensweise, Architektur oder Stadtlandschaft hat er schon vorgenommen. Meist begegnet ihm der Anlass dazu im Alltag. Gewöhnlich lässt er sich dann ohne große Vorbereitung und ohne Publikum auf sie ein.

Oft ist nur seine Frau in der Nähe, um die Ereignisse mit Foto- oder Filmkamera zu dokumentieren. Etwa wenn er sich in Schlafanzug und Bademantel in die Absperrung einer kleinen Baustelle hineinstellt und, an das Gitter gelehnt, auf die Straße sieht, als stünde er morgens traumverloren auf dem eigenen Balkon.

Meist verwandelt Bodzianowski die vorgefundene Situation nicht. Vielmehr verwandelt er sich ihr an. Er fügt sich ein in die Lücken, besetzt die Leerstellen der Städte und Häuser, setzt um, was sie als Möglichkeit in sich tragen.

Umgestürzte Säule

Sieht er eine umgestürzte Säule, legt er sich so an sie, dass sie ihn - aufgerichtet - trüge wie der Sockel eines Denkmals. In eine enge Abseite unter einer Treppe klemmt er sich kopfüber hinein, als würde er die Unterseite der Stiege hinaufgehen. Und wenn er mit gestreckten Armen in die verbogenen Streben einer gelben Absperrung greift, lässt er sie aussehen wie die Saiten einer güldenen Harfe.

Gewöhnlich würde man dies sonderlingshafte Tun als Performance bezeichnen. Bodzianowski aber zieht "Ereignis" vor. Das Spektakuläre, das der Performance gewöhnlich anhaftet, ist nicht sein Ding. Er gibt nicht den Avantgardisten, den Tabubrecher oder Rebellen. Seine Eingriffe sind minimalinvasiv. Harmlos. Fast einfältig.

Subversiv ist er trotzdem. Er verweigert vorstrukturierte Handlungsabläufe und folgt Absichten jenseits einer Ökonomie der Zwecke: Nie geht es in seinen Aktionen um irgendeinen Nutzen oder Gewinn. Nicht einmal - sein stets gleichgültiger Gesichtsausdruck belegt es - um Lustgewinn. Eher vielleicht um Verschwendung: von Zeit, Aufwand, Zuwendung.

Obwohl seine Ereignisse, passend zu seiner leicht rundlichen Erscheinung, seiner Brille und seinem chaplinesken Oberlippenbärtchen, der Logik des Slapsticks folgen, sind sie nicht vordergründig komisch. Fast nie zielen sie auf eine optische Pointe wie etwa die "One-Minute-Sculptures" von Erwin Wurm.

Eher verpuffen sie: traurig, melancholisch, absurd. Und wenn man lächeln muss, dann vielleicht, weil da ein Don Quijote unserer Tage den utopischen Restposten für sich reklamiert, dass die Welt nicht so sein müsste, wie sie ist.

Flackerndes Licht

Zu seiner Arbeitweise ist Bodzianowski durch eine eher traditionelle Ausbildung gekommen. Er hat erst Malerei in Warschau und dann Anfang der neunziger Jahre Bildhauerei in Antwerpen studiert. Im Geiste Duchamps oder der belgischen Künstler René Magritte und Marcel Broodthaers verwandelte er damals mit kleinen Eingriffen Alltagsdinge in absurde Objekte. Dann aber vernichtete ein Schelde-Hochwasser in seinem Atelier die meisten Werke.

Vielleicht hat er sich danach gesagt: Wenn schon die Dinge nicht bleiben, warum nicht gleich auf flüchtige Ereignisse setzen? Mit ihnen agiert er heute meist abseits des Kunstbetriebs. Mitunter aber lässt er sich - wie bei der am Sonntag startenden "musealen Retrospektive" im Mönchengladbacher Museum Abteiberg - auch auf Institutionen ein. Dann aber deutet er auch deren Regeln häufig im Sinnes des Ephemeren um.

Als er 1996 in der Galeria Manhattan in seiner heutigen Heimatstadt Lodz ausstellen sollte, brachte er nicht seine Werke in die Galerie, sondern begab sich selbst für einen Tag in ein darüberliegendes Apartment: "Ich betrat die Wohnung und blieb. Das dauerte circa 16 Stunden. Ich versuchte, in den Charakter und den Rhythmus des Familienlebens einzutauchen. Es gab gemeinsame Mahlzeiten und kollektives Fernsehen. Ich schrieb auch einen Brief an einen Freund im Ausland."

Jahre später inszenierte er im Kölnischen Kunstverein einen wundersam poetischen Architektur-Flirt: Immer wenn im Wohnblock vis-à-vis das Treppenhauslicht anging, flackerten auch im Kunstverein die Lampen auf. Und 2003, nominiert für einen Kunstpreis der Deutschen Bank, präsentierte er in der Ausstellung das Tonband "A Corruption Proposal": Auf ihm war zu hören, wie er der Direktorin der Nationalen Kunstgalerie Zachta in Warschau anbot, das Preisgeld mit ihr zu teilen - wenn sie ihm denn zum Gewinn verhülfe.

Zwei polnische Kunstpreise hat Bodzianowski inzwischen gewonnen. Den der Deutschen Bank damals aber nicht. Es gehört zu der absurden Logik seiner Interventionen, dass man nicht recht weiß, ob man das bedauern soll.


Cezary Bodzianowski: This place is called the Hole. bis 3. März 2013 im Museum Abteiberg, Mönchengladbach. www.museum-abteiberg.de

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