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06.12.2012
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Polit-Querelen nach dem ESC

Wie demokratisch ist die Eurovision?

Von Stefan Niggemeier
REUTERS

Unser Wertekatalog für Baku: Nach dem ESC in Aserbaidschan sind nicht alle Vorwürfe gegen das Land ausgeräumt. Auf ihrer Generalversammlung in Genf ringt die zuständige Europäische Rundfunkunion jetzt um eine Haltung im Umgang mit autoritär regierten Mitgliedsländern.

Eigentlich hätte ein Vertreter des aserbaidschanischen Fernsehensenders Ictimai noch zwei Jahre in der Reference Group sitzen sollen, jenem Gremium der Europäischen Rundfunkunion (EBU), das die wichtigen Entscheidungen über den Eurovision Song Contest (ESC) trifft. Und der Ausrichter des vergangenen Wettbewerbs in Baku war den Verantwortlichen der Eurovision durchaus noch ein paar Antworten schuldig. Aber es kam einfach keiner mehr zu den regelmäßigen Treffen.

Auch deshalb gibt es über ein halbes Jahr nach dem ESC in Baku keine Stellungnahme der Eurovision über den beunruhigenden Zwischenfall bei der Ausreise eines norwegischen Reporters. Der iranischstämmige Komiker Amir Asgharnejad, der im Vorfeld des ESC in Baku provozierende Filme gedreht hatte, soll im Mai am Flughafen festgehalten, misshandelt und gedemütigt worden sein. Es gibt drastisch unterschiedliche Darstellungen, was wirklich passierte. Und die Aserbaidschaner sehen offenbar keine Veranlassung, an der Aufklärung mitzuwirken.

Ein Videoband mit Aufnahmen der strittigen Situation existiert, doch die Behörden wollen es nicht herausrücken. Die Eurovision hat inzwischen den norwegischen Botschafter gebeten, in ihrem Auftrag in Baku nachzufragen und zu vermitteln.

Die Verbindungen der Fernsehleute zu ihren Kollegen in Baku sind weitgehend abgerissen. "Die Kontaktpersonen, die wir hatten, einschließlich des verantwortlichen Produzenten haben den Sender verlassen", sagt Frank-Dieter Freiling, der beim ZDF für internationale Angelegenheiten zuständig ist und die Reference Group leitet. Nur der Ictimai-Intendant ist noch da, spricht aber kein Englisch. Zur Generalversammlung der Vereinigung, die am Donnerstag und Freitag in Genf stattfindet, wird er erwartet. Die EBU hat ihm vor kurzem einen Fragenkatalog geschickt.

"Märtyrer der EBU"

Inwieweit die anderen Verantwortlichen des Senders gehen wollten oder mussten, ist unbekannt. Es gibt ohnehin die Spekulation, dass Ictimai als öffentlich-rechtlicher Sender 2005 eigentlich nur gegründet wurde, damit das Land am Eurovision Song Contest teilnehmen konnte. Das Hinarbeiten auf einen Sieg war eine wichtige nationale Aufgabe; sie gelang bereits bei der vierten Teilnahme. Die Ausrichtung des schillernden Showevents war für die Regierung Teil eines Plans, internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen.

Jetzt, hinterher, muss man sich bei der Zusammenarbeit offenbar nicht mehr unnötig verausgaben.

Die EBU, die den Grand Prix veranstaltet, hatte sich im Vorfeld vom autoritär regierenden Regime in Aserbaidschan Garantien geben lassen. Der Premierminister versicherte damals, dass für Teilnehmer, Berichterstatter und Fans der Show Meinungs- und Versammlungsfreiheit gelten würden. Der Fall des norwegischen Komikers zeigt allerdings, wie hilflos die Organisation in derartigen Fällen ist.

ZDF-Mann Freiling hat die Hoffnung, dass sich der Vorfall noch aufklären lässt, noch nicht ganz aufgegeben - er setzt auf die zwischenstaatliche Ebene. Allzu große Erwartungen knüpft er daran nicht. Auch warnt er davor, den Norweger zu einem "Märtyrer der EBU" zu stilisieren. Es gebe Anzeichen dafür, dass dieser durch sein Verhalten rund um die Ein- und Ausreise den aserbaidschanischen Behörden in der angespannten Sicherheitslage berechtigten Anlass zur Sorge gegeben haben könnte.

"Mitglieder erster und zweiter Klasse"

Angesichts der politischen Kontroversen um das Spektakel im Frühjahr 2012 und die Verweigerungshaltung Aserbaidschans im Nachhinein stellt sich die Frage, was eigentlich passiert, wenn ein autoritär regiertes Land wie Weißrussland den Wettbewerb gewinnen würde und damit das Recht erhielte, den folgenden ESC zu veranstalten. Der deutsche Grand-Prix-Chef Thomas Schreiber gehört zu denjenigen, die fordern, das zu verhindern und darüber nachzudenken, ob Länder, in denen die demokratischen Grundrechte nicht gewahrt werden, vom Wettbewerb ausgeschlossen werden sollten.

Dafür gibt es in der EBU offenbar keine Mehrheit. "Wir wollen nicht Mitglieder erster und zweiter Klasse haben", sagt deren Generalsekretärin Ingrid Deltenre. Das bedeutet: Wenn überhaupt, wäre die Diskussion zu führen, ob ein Sender wie das staatliche Fernsehen Weißrusslands überhaupt Mitglied der EBU sein kann. Aber auch da plädiert sie dafür, im Zweifel niemanden auszuschließen.

Im Sommer 2012 hat die EBU einen gemeinsamen Wertekatalog öffentlich-rechtlicher Medien verabschiedet. Dessen Ziele sind unter anderem Unabhängigkeit, Vielfalt und die Schaffung eines öffentlichen Raumes, in dem alle Bürger sich ihre eigene Meinung bilden können. 2013 soll darüber geredet werden, welche Sanktionen gegen Mitgliedssender verhängt werden können, die gegen diese Werte verstoßen. Doch Deltenre plädiert dafür, den Dialog innerhalb der EBU zu führen und darüber zu reden, wie etwa Richtlinien für die redaktionelle Arbeit in der Praxis umgesetzt werden können. Bei der Aufnahme neuer Mitglieder in die EBU - ein potentieller Kandidat ist Kosovo - könnte der Wertekatalog eine größere Bedeutung als bisher bekommen.

"Auf der Positivliste"

Thomas Schreiber warnt: "Die EBU muss darauf achten, dass die Werte, für die sie einsteht, auch in den Mitgliedsländern gelebte Realität sind und während des Eurovision Song Contest nicht nur für die auswärtigen Besucher gelten." Die Länder nutzten den Wettbewerb gerne, sich der Welt zu präsentieren. Es müsse klar sein, dass das mit dem Bekenntnis zu bestimmten Werten verbunden ist.

Frank-Dieter Freiling sagt trotz der anhaltenden Wirren: "Baku ist alles in allem auf der Positivliste. Wir hatten sichere, technisch perfekte, gut organisierte Tage." Auch Ingrid Deltenre zieht insgesamt eine positive Bilanz des Abenteuers Aserbaidschan: "Es war gut, dass wir da waren. Wir haben die politische Aufmerksamkeit auf das Land gelenkt."

Geholfen hat es wenig. Internationale Menschenrechtsgruppen kritisieren, dass sich die Menschenrechtslage verschlechtert habe. Der Bürgerrechtler Rasul Jafarov aus Baku sagt, es habe sich nicht viel geändert. Ein paar politische Gefangene wurden freigelassen, dafür sei ein anderer Journalist verhaftet worden, nachdem er kritisiert hatte, dass die Regierung so viel Geld für den ESC ausgegeben habe. Jafarov war einer der Aktivisten, die unter dem Namen "Sing For Democracy" versuchten, den Grand Prix für sich zu nutzen. Daraus soll nun "Art For Democracy" werden, eine Kampagne, die durch verschiedene Kunstformen die Bürgergesellschaft stärken will.

Am vergangenen Wochenende fand in Amsterdam übrigens der Junior Eurovision Song Contest statt, eine bizarre Kinderversion der Hauptveranstaltung. Für Aserbaidschan nahm der Enkel des Senderintendanten teil.

Forum

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insgesamt 4 Beiträge
1. Danke!
jjpreston 06.12.2012
Danke, Stefan, dass Du da auch am Ball bleibst - anders als gewisse offizielle Jubelperser, die mit Despotismus offenbar kein Problem haben, solange andere als sie selbst im Knast verrotten. Dieses Thema ist doch viel bedeutender, [...]
Danke, Stefan, dass Du da auch am Ball bleibst - anders als gewisse offizielle Jubelperser, die mit Despotismus offenbar kein Problem haben, solange andere als sie selbst im Knast verrotten. Dieses Thema ist doch viel bedeutender, als die waaaahnsinnig wichtige Frage nach der Startreihenfolge... oder wo die Traumziele des ESC liegen... oder dass San Marino eine Enklave des "reichen" (sic!) Italien ist...
2. Danke!
nebukatneza1 06.12.2012
Ich kann mich jjpreston nur anschließen! Stefan Niggemeier scheint der einzige deutsche Journalist zu sein, welcher die Eier hat hier wirklich langfristig die deutsche Öffentlichkeit zu informieren! Sowohl beim [...]
Ich kann mich jjpreston nur anschließen! Stefan Niggemeier scheint der einzige deutsche Journalist zu sein, welcher die Eier hat hier wirklich langfristig die deutsche Öffentlichkeit zu informieren! Sowohl beim Leistungschutzrecht als auch bei der katastophalen Menschenrechtslage in Aserbaidschan beweist er Durchhaltevermögen und eine spitze Feder, wie es sich für einen guten Journalisten gehören sollte. Mach weiter so!
3. Wie macht man es richtig?
martineden 07.12.2012
Es bietet sich geradezu an, den Songcontest, ohne großen Widerspruch zu erwarten, auf Demokratiefreundlichkeit seiner Mitgliedsländer zu hinterfragen, weil dessen Klientel wohl weniger Gewicht hat, als die Milliarden Sportfans. [...]
Es bietet sich geradezu an, den Songcontest, ohne großen Widerspruch zu erwarten, auf Demokratiefreundlichkeit seiner Mitgliedsländer zu hinterfragen, weil dessen Klientel wohl weniger Gewicht hat, als die Milliarden Sportfans. Sonst würde man schon längst monieren, warum Olympiaden, Weltmeisterschaften etc. in entsprechenden Staaten stattfinden. Beim ESC oder, früher schöner gesagt, Grand Prix Eurovision stellte man sich diese Frage spätestens seit 1969, seit der Wettbewerb im Franco-Spanien stattfindet. Eine ultimative Lösung gab und gibt es nicht und jetzt ein negatives Beispiel anhand des letztjährigen Gastgebers festzumachen, hinterlässt einen schalen Geschmack. Schließlich fand die Endausscheidung auch schon einmal in Moskau statt, das Pussy Riot in Straflager schickte, im gleichen Jahr aber schiefsingende Babushki schickte und somit einen Herzigkeitsfaktor für sich einnehmen konnte. Die Frage ist, ob eine solche Veranstaltung mit dem Anspruch antreten soll und kann, die Menschenrechtslage in einem Land zu verbessern. Eine solche Heilsbotschaft könnte man den eingangs erwähnten Sportlern auch nicht mit auf den Weg geben bei dem nächsten internationalen Wettbewerb in einem "undemokratischen" Land. Immerhin macht sich die offiziele ESC-Seite des NDR "eurovision.de" auf seinem Blog die Sorge, ob wohl Zypern ein geeigneter Austragungsort wäre - da wäre es, trotz aller Probleme auf der Insel, noch ein weiter Weg nach Minsk.
4. soll das Ironie sein?
nixda 07.12.2012
Ich hoffe Sie meinen das nicht ernst? Was hat die Menschenrechtslage von "Moskau" mit der Inhaftierung von ein paar weiblichen Punks? Also ich finde, die sitzen zu recht. Vielleicht etwas zu lang aber ich weiss ja [...]
Zitat von martinedenEs bietet sich geradezu an, den Songcontest, ohne großen Widerspruch zu erwarten, auf Demokratiefreundlichkeit seiner Mitgliedsländer zu hinterfragen, weil dessen Klientel wohl weniger Gewicht hat, als die Milliarden Sportfans. Sonst würde man schon längst monieren, warum Olympiaden, Weltmeisterschaften etc. in entsprechenden Staaten stattfinden. Beim ESC oder, früher schöner gesagt, Grand Prix Eurovision stellte man sich diese Frage spätestens seit 1969, seit der Wettbewerb im Franco-Spanien stattfindet. Eine ultimative Lösung gab und gibt es nicht und jetzt ein negatives Beispiel anhand des letztjährigen Gastgebers festzumachen, hinterlässt einen schalen Geschmack. Schließlich fand die Endausscheidung auch schon einmal in Moskau statt, das Pussy Riot in Straflager schickte, im gleichen Jahr aber schiefsingende Babushki schickte und somit einen Herzigkeitsfaktor für sich einnehmen konnte. Die Frage ist, ob eine solche Veranstaltung mit dem Anspruch antreten soll und kann, die Menschenrechtslage in einem Land zu verbessern. Eine solche Heilsbotschaft könnte man den eingangs erwähnten Sportlern auch nicht mit auf den Weg geben bei dem nächsten internationalen Wettbewerb in einem "undemokratischen" Land. Immerhin macht sich die offiziele ESC-Seite des NDR "eurovision.de" auf seinem Blog die Sorge, ob wohl Zypern ein geeigneter Austragungsort wäre - da wäre es, trotz aller Probleme auf der Insel, noch ein weiter Weg nach Minsk.
Ich hoffe Sie meinen das nicht ernst? Was hat die Menschenrechtslage von "Moskau" mit der Inhaftierung von ein paar weiblichen Punks? Also ich finde, die sitzen zu recht. Vielleicht etwas zu lang aber ich weiss ja nicht was die sonst noch so drauf hatten. Öhm und wenn Sie schon mit Sport kommen; da erinnere ich mich doch an ein Land, das eine Sportlerin nach Hause geschickt hat weil deren Freund scheinbar Kontakt zu einer rechten Partei hatte. Wow, Sippenhaft in dem ach so demokratische Deutschland. Wer den ESC ernst nimmt hat doch eh nicht mehr alle Tassen im Schrank. Selbst Zuschauer auf RTL Niveau haben gemerkt wie und was da läuft. Stefan Raap hat in der Sendung TV Total übrigens eine hübsche Geschichte dazu erzählt.

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