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07.12.2012
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Letzte Ausgabe der "FTD"

Im Zeichen des Eigenlobs

Von Christoph Twickel
dapd

Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland": Die Idee war gut, doch die Welt nicht bereit.

Ein wenig geknickt, um Originalität bemüht und verdammt kokett: Die Redaktion der "Financial Times Deutschland" klopft sich in der finalen Ausgabe auf die Schulter: Zwölf Jahre voller Innovationen, Scoops und Wagnisse! Wenigstens soll das Land wissen, was es für ein Kleinod verliert.

"Liebe 'FTD', ich helfe euch gerne beim Einpacken", sagt die Schlecker-Mitarbeiterin, in einer - natürlich fingierten - Anzeige in der letzten Ausgabe der Zeitung, die am Freitag erschienen ist. "Zum Abschied kondolieren wir uns mit Anzeigen anderer großer Pleitiers", kommentiert die Redaktion. Im Januar 2012 hatte die "FTD" die Schlecker-Insolvenz als "hausgemachtes Problem" bezeichnet - ihre eigene defizitäre Lage dagegen findet sie offensichtlich sehr ungerecht - und vergibt in der letzten Ausgabe nur Bestnoten an sich selbst. "Weil wir nach all den Jahren nicht einfach so aufhören können, zeigen wir in dieser Ausgabe noch einmal, was wir alles so drauf hatten und noch draufhätten", schreibt die Chefredaktion im Editorial. "Die Redaktion hat in den vergangenen Tagen eindrucksvoll bewiesen, wie viel Spirit, Kreativität und Haltung in ihr steckt."

Die letzte Ausgabe, die durch Buchstabenauslassung zur "Final Times" wird und einen schwarzen Titel hat, steht gänzlich im Zeichen des Eigenlobs. Unter der Überschrift "Wir haben's gewusst" blättert die Redaktion "eine Auswahl unserer aufregendsten Scoops" auf, sie zeigt die originellsten Illustrationen ("Bevor die FTD auf den Markt kam, waren deutsche Wirtschaftszeitungen bleigraue Blätter") und preist sich für das Wagnis, ihren Lesern Wahlempfehlungen zu geben: Ein "Tabubruch im deutschen Journalismus", den das Blatt im Juni 2012 auf nichtdeutsches Territorium ausweitete, als es den Hellenen in einem auf griechisch verfassten Leitartikel die Wahl der konservativen Nea Dimokratia empfahl. "Wer sich einmischt, bekommt auch Ärger" kommentiert die Redaktion rückblickend das empörte Medienecho aus Griechenland.

In einem finalen Leitartikel mit der Überschrift "Letzter Wille" bescheinigt sich die Dahinscheidende selbst: "Wir waren anders. Frisch, frech, oft vorlaut, manchmal zu laut" und vergibt ein letztes Mal Ratschläge an die Politik - natürlich nicht, "weil wir so wichtig sind - sondern weil wir diese Herausforderungen für so wichtig halten". Die Kurzfassung: Beherztes Eingreifen für den Euro ("Europa hat eine schwere Erkältung, nicht Tuberkulose"), Schulden machen, wenn nötig ("Der Staat muss intervenieren, wenn ein System abstürzt"), Finger weg von den Errungenschaften der Agenda 2010, dafür aber her mit dem Mindestlohn - und dem Energieminister.

Koketter Abschluss

Zum koketten Abschluss verneigt sich die gesamte Redaktion auf einem doppelseitigen Foto und bittet um Entschuldigung - etwa die "liebe(n) Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben", oder die "liebe(n) Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind" und die "liebe(n) Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben". Aber, Ehrensache: "Wenn wir noch einmal von vorne anfangen dürften - wir würden es jederzeit wieder genauso machen."

Die Botschaft: Leute, ihr wisst gar nicht, was ihr hier für ein Kleinod verloren habt! Oder um es mit einem ganz alten Song der Hamburger Band Tocotronic zu besingen: "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit". Mutmaßungen darüber, ob das wirtschaftliche Scheitern einer Wirtschaftszeitung auch publizistische Gründe hat, sucht man in der finalen Ausgabe vergebens. Ökonomie auch populär, bunt, meinungsstark und reporterhaft zu verkaufen: Womöglich war dieses Konzept für die Kernzielgruppe aus Wirtschaft- und Finanzwelt nicht relevant genug. Und die Hoffnung der Nullerjahre auf eine breite Leserschaft aus Kleinaktionären und Ich-AGs hat sich auch nicht erfüllt.

"Deine Mudda liest das Handelsblatt"

Laut "FTD"-Redaktion, so lässt sich zwischen den Zeilen lesen, lag der Misserfolg nicht am Blatt, sondern an den "deutschen Dogmen", die in den Köpfen der inländischen Wirtschaftssubjekte allzu fest verankert sind und damit für den "angelsächsischen Pragmatismus" der Innovationszeitung nicht empfänglich sind. Kurzum: Selber schuld, ihr Nichtleser! Oder wie es auf einem Protestplakat in den Verlagsfluren von Gruner + Jahr heißt: "Deine Mudda liest das Handesblatt."

Dass ausgerechnet "Interim-Management" das Thema der Sonderbeilage der allerletzten Ausgabe ist, ist wohl eine Ironie der Geschichte. "Unternehmen in Schieflage sind ein gut bezahltes Betätigungsfeld" heißt es dort. Die Redaktion der "FTD" hätte bestimmt nichts gegen einen schnittigen Interimsmanager gehabt, der beim Restrukturierungsprozess geholfen hätte. Aber das war ihr nicht vergönnt. Nach zwölf Jahren, in denen die Zeitung nie aus der Verlustzone herauskam - sie soll das Verlagshaus Gruner + Jahr angeblich 250 Millionen Euro gekostet haben - beschloss der Vorstand am 23. November das endgültige Aus.

Forum

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insgesamt 19 Beiträge
1. Interim Management
der_pirat 07.12.2012
Nehmen wir das als Beispiel: - Welche Unternehmen sind davon betroffen? - Welche Unterschiede gibt es je nach Branche? - Wieviele Unternehmen erholen sich und warum? - Wie erkennt man ein solches Unternehmen? usw. und [...]
Nehmen wir das als Beispiel: - Welche Unternehmen sind davon betroffen? - Welche Unterschiede gibt es je nach Branche? - Wieviele Unternehmen erholen sich und warum? - Wie erkennt man ein solches Unternehmen? usw. und sofort. Und? Welche Antworten bekomme ich? Dass nicht einmal die Fragen auf dem Zettel standen, wette ich. Dafür soll ich auch nur einen Cent bezahlen? Danke. Das kann auch ich mir in wenigen Sekunden aus dem Netz zusammenklemmen. Geld gebe ich nur für mehr aus.
2. Schade...
solaris_3001 07.12.2012
... bleibt die Frage, was kann ich denn jetzt täglich/wöchentlich lesen? Hat jemand einen (ernstgemeinten) Vorschlag? Vielleicht ein englisches/angelsächsisches Blatt?
... bleibt die Frage, was kann ich denn jetzt täglich/wöchentlich lesen? Hat jemand einen (ernstgemeinten) Vorschlag? Vielleicht ein englisches/angelsächsisches Blatt?
3. So viel Eigenlob in dem Blatt
meisterglanz 07.12.2012
ist ja eine noch größere olfaktorische Herausforderung als der morgen darin eingewickelte Fisch - wenn er danach drei Tage auf der Heizung liegengelassen wird ... Ich habe in den vergangenen Jahren zu keiner Zeit Anlass zu [...]
ist ja eine noch größere olfaktorische Herausforderung als der morgen darin eingewickelte Fisch - wenn er danach drei Tage auf der Heizung liegengelassen wird ... Ich habe in den vergangenen Jahren zu keiner Zeit Anlass zu distinktivem Lob dieses Blattes gehabt, sorry.
4. Tschüs...
meyer@savvy.de 07.12.2012
Liebe Redaktion der FTD, ich habe heute nach dem Öffnen meines Briefkastens ein tiefes Gefühl der Trauer empfunden. Ich bin mit Unterbrechungen seit Eurer ersten Ausgabe ein Leser Eurer Zeitung. Aus Euren Seiten habe ich [...]
Liebe Redaktion der FTD, ich habe heute nach dem Öffnen meines Briefkastens ein tiefes Gefühl der Trauer empfunden. Ich bin mit Unterbrechungen seit Eurer ersten Ausgabe ein Leser Eurer Zeitung. Aus Euren Seiten habe ich wichtige Infos für meinen Arbeitstag, wichtiges zu Dingen in aller Welt und auch viele interessante Hintergrundinformationen erhalten. Mindestens einmal die Woche habe ich einen Artikel ausgeschnitten und an Kollegen verteilt, oder den Link zum Artikel weitergeleitet. Mindestens! Ich lese bis zu drei Zeitungen am Tag - ich weiss nicht woran es liegt, aber soviel verteile ich von den anderen Zeitungen nicht. Ihr hinterlasst eine Lücke in zweierlei Hinsicht: ich werde Eure Art zu Schreiben und Berichten vermissen. Kurz, prägnant, immer mutig ein eigenes Urteil zu fällen - und auch bereit Irrtümer zuzugeben. Und nie darauf bedacht, alles zu drucken, was die Agenturen oder Pressebüros ausspülen, sondern immer auch eine Auswahl treffend. Dadurch habt Ihr mir auch Orientierung gegeben. Durch Eure Meinung, an der ich mich reiben konnte und Euren Fokus, durch den ich nicht verwirrt sondern eben auch konzentriert informiert wurde. Der zweite Punkt ist, dass es ein Medium zum Thema Digitale Medien/Internet auf täglicher Basis mit Eurem Ausfall nicht mehr gibt. Das Handelsblatt ist eine Wüste von Agenturmeldungen und auch Börsenkursen und mit viel zu schwerem Gewicht auf “Alles drucken was geht…”. In der Presselandschaft, wie ich sie aktuell wahrnehme, gibt es ein vergleichbares Medium nicht, dass diesen Themen entsprechend Raum gibt. Schließlich noch was zu Eurem weiteren Lebensweg: ich wünsche allen von Euch eine sichere Zukunft in einem neuen, aufregenden Projekt, einer neuen, aufregenden Zeitung oder wo auch immer es Euch hinzieht. Aber immer wünsche ich Euch Erfolg und Spass! Wenn Ihr noch wissen wollt, was beim nächsten Mal anders sein sollte: Eure Internetseite. Macht mehr aus der Kombination Zeitung und Website (SPON ist da schon eine Benchmark), schafft einen leichten Zugang für Abonnenten zu Euren Inhalten und stellt eine Paywall analog der NY Times auf, um allen nicht Abonnenten eine Chance zu geben, von Euch zu lernen. Bye, Frank Meyer,
5. Die waren wirklich gut!
tropfstein 07.12.2012
Ich habe FTD-Online täglich gelesen (neben SPON). Die Kommentare und Analysen waren hervorragend. Allerdings habe ich selbst nie einen Cent dafür gezahlt - die Premium-Artikel zu kaufen, dazu war ich zu geizig. Also bin ich mit [...]
Ich habe FTD-Online täglich gelesen (neben SPON). Die Kommentare und Analysen waren hervorragend. Allerdings habe ich selbst nie einen Cent dafür gezahlt - die Premium-Artikel zu kaufen, dazu war ich zu geizig. Also bin ich mit schuld, dass diese wirklich hervorragende Zeitung verschwindet. P.S. Doch, die Printausgabe des Spiegel habe ich abonniert P.P.S. Nein, verdammtnochmal, ich bin kein angeheuerter Lobhudelschreiberling sondern ein echter Fach von FTD

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