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11.12.2012
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Bitterböse Fotosatire

"Münster ist für Nestbeschmutzer ideal"

Hanno Endres / MÜNSTER morbid

Münster, beschauliche Studentenstadt voller Radfahrer - da ist alles wunderbar, oder? Nicht ganz. Tilman Rademacher und Hanno Endres haben für die inszenierte Fotoserie "Münster morbid" in Abgründe geschaut. Gefunden haben sie fixende Burschenschafter, Taubenmorde und "den Westfalen an sich".

SPIEGEL ONLINE: Herr Rademacher, Herr Endres, was nervt Sie am meisten am schönen Münster?

Tilman Rademacher: Eindeutig dieser tumbe, selbstgefällige Heimatstolz, der in dem Etikett "Münster, die lebenswerteste Stadt der Welt" gipfelt, mit dem das Stadtmarketing gerne wirbt. Münster ist schön, wird aber bis zum Exitus tourimäßig ausgeschlachtet.

Hanno Endres: Obwohl es hier eigentlich gar nicht so viel zu sehen gibt.

SPIEGEL ONLINE: "Münster morbid" ist also so was wie das Gegengift gegen die heile Welt?

Rademacher: Wir wollten dem Marketing etwas entgegensetzen. Die Idee, Münster von seiner hässlichen Seite zu zeigen, hatte ich in der Kneipe. Ein Bekannter kam rein und erzählte, er hätte gerade die Stationen seiner Jugend in Münster abfotografiert. Aber das Licht sei sehr ungünstig gewesen und dadurch hätten die Fotos alle so einen morbiden Charme. Das haben Hanno und ich aufgegriffen. Erst haben wir überlegt, ob wir realistisch zum Beispiel die Junkies hinterm Bahnhof zeigen sollen. Aber wir wollten das Ganze ironisch brechen und haben uns für die konsequente Inszenierung entschieden.

Endres: Die Episode "Aaseeschluck", wo der Rocker seinen Schuldner mit dem Kopf voran in den Aasee drückt, zeigt die Widersprüche besonders gut. Der See gilt als wunderschön und im Münster-Souvenirshop wird sogar Schnaps unter dem Namen "Aaseeschlückchen" verkauft. Aber bei Wikipedia kann man nachlesen, dass die Wasserqualität im Sommer so schlecht ist, dass es bei Kontakt zu Ekzemen und bei Verschlucken zu tödlichen Krankheiten kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Episoden Ihrer Fotoserie sitzt ein Burschenschafter vor dem Schloss und gibt sich einen Schuss, auf einem weiteren Bild zerrt ein Pfarrer einen kleinen Jungen hinter sich her. Wie sind Sie auf diese Themen gekommen?

Endres: Alles beruht auf Fakten. Die realen Hintergründe haben wir aus Zeitungsschnipseln, von Wikipedia oder aus Behördenmitteilungen. Das dort Beschriebene haben wir lediglich satirisch visualisiert. Die Fotos sollten morbide aussehen, aber bei aller drastischen Inszenierung doch Ruhe ausstrahlen. Zudem bestehen die Fotos fast nur aus den Farben des münsterschen Stadtwappens oder Mischungen daraus, also aus Rot und Weiß und Gelb.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren die Reaktionen auf die Fotos?

Rademacher: Auf die Episode "Westfälischer Friede" gab es bislang die meisten und emotionalsten Reaktionen. Darauf küssen sich ein Fan von Preußen Münster und einer des VfL Osnabrück. Einer der beiden bin ich. Ein Münsteraner Fan hat sich tatsächlich beschwert, der empfand das als Sakrileg.

Endres: Das Bild kam bei einem Osnabrücker Lokalsender in einem Beitrag zu "Homosexualität im Profisport" vor und wurde auf Facebook veröffentlicht. Da gab es die schönsten Reaktionen, angefangen von "echt eckelig!!!!" über "das geht doch gar nicht" bis zu "Ihr seid krank. Nix gegen Homosexuelle, aber so was ist eine Demütigung für jeden VfL-Fan". Man merkt, damit haben wir ins Mark getroffen. Mein Lieblingskommentar war: "wer das bild gemacht [hat], hat echt lack gesoffen!" Solche Reaktionen lese ich lieber als: "sind echt schöne Fotos".

Seen.by
SPIEGEL ONLINE: Als Sie das Motiv "Vorsicht toter Winkel" geschossen haben, bei dem ein Autofahrer auf einen Radfahrer zielt, kam gleich die Polizei...

Endres: In den "Westfälischen Nachrichten" kann man regelmäßig von Schlägereien lesen, wenn ein Radfahrer einem Autofahrer die Vorfahrt genommen hat oder so was. Das wollten wir mit diesem Waffenfoto inszenieren. Wir waren gerade mit dem Shooting fertig, als zwei Polizeiautos mit vier hypernervösen Insassen angefahren kamen. Die Polizisten zielten auf uns, riefen spektakulär: "Waffe aus der Hand, Hände aufs Autodach." Ein Passant hatte alles für echt gehalten und gemeldet. Ich habe eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bekommen. Das Verfahren wurde aber mittlerweile von der subkulturell verständnisvollen Münsteraner Staatsanwaltschaft eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Die ersten zwölf Motive und der "Münster morbid"-Kalender sind fertig. Was kommt als nächstes? Die morbiden Seiten einer anderen Stadt?

Rademacher: "Münster morbid" funktioniert deswegen so gut, weil Münster sich als besonders schöne und lebenswerte Stadt nach außen gibt - da fällt die Nestbeschmutzung besonders leicht. In Hagen oder Duisburg...

Endres: Und Dortmund. Sag bitte noch Dortmund.

Rademacher: Oder in Dortmund funktioniert es nicht so gut, weil es da zu viele tatsächlich finstere Ecken gibt. Aber wenn man hier auf der Insel der Seligen mit Schmutz wirft, hat das eine ganz andere Wirkung.

Endres: Wir planen eine zweite Staffel "Münster morbid", und dafür würden wir liebend gerne den Vorzeige-Münsteraner Götz Alsmann oder Quasi-Münsteraner wie das "Tatort"-Duo Axel Prahl und Jan Josef Liefers oder Oliver Korittke aus "Wilsberg" gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Münster trotz allem so lebenswert, dass Sie noch nicht geflohen sind?

Rademacher: Als Schauspieler schätze ich hier die kurzen Wege sehr, die Kontakte. Münster hat ein ziemlich gutes kulturelles Angebot, viele freie Theater. Und man kann hier mit dem Fahrrad innerhalb von zehn Minuten fast jeden Punkt der Stadt erreichen. Aber so schön es hier ist, es fällt einem doch manchmal die Decke auf den Kopf. Da war "Münster morbid" vielleicht so was wie ein Reinigungsprozess.

Endres: Als Fotograf schätze ich die kurzen Wege sehr... Nein, im Ernst. Ich hatte immer eine Auswanderungsvision, dachte: Ich muss mal noch in Australien wohnen, weil da alles viel besser ist als hier und die Leute entspannter. Aber da hat "Münster morbid" mein Leben verändert, weil ich erkannt habe: Hier ist es genauso übel wie anderswo. Über die inszenierte Nestbeschmutzung habe ich das Gefühl, ich bin wieder angekommen in Münster.

Das Interview führte Daniela Zinser


Den Kalender mit allen zwölf Episoden gibt es unter www.muenster-morbid.de

Die zwölf Episoden gibt es zudem als hochwertige Editionsbilder (25 pro Motiv) bis 100x70cm samt Zertifikat bei seen.by oder unlimitiert im Kleinformat mit 24x17cm (http://www.seenby.de/hanno-endres)

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Zur Person

  • Hanno Endres / MÜNSTER morbid
    Tilman Rademacher, geboren 1978 in Münster, hat Kommunikationsdesign und katholische Theologie studiert und arbeitet als Schauspieler für Film und Theater, als Sprecher, Autor und Regisseur. Hanno Endres, Jahrgang 1974, ist Konzert-, Werbe- und Pressefotograf.

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