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21.12.2012
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Kunststar Mike Kelley

Die Folter meiner Kinderjahre

Von Karin Schulze
Mike Kelley Foundation for the Arts

Wie groß seine Qualen waren? Mike Kelley kämpfte mit Skulpturen aus Stofftieren und Comic-Modellen gegen die Traumata seiner Kindheit. Anfang 2012 tötete sich der weltberühmte Künstler selbst. Nun ist in Amsterdam die erste große Schau seit seinem Tod zu sehen.

Mike Kelley befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die weltweit operierende Gagosian Gallery vertrat ihn, seine Arbeiten erzielten Preise von über einer Million Dollar. Bereits zum achten Mal war er zur Whitney Biennale eingeladen, der wichtigsten Kunstschau der USA. Und er bereitete seine bislang größte Werkschau vor, die in Top-Museen auf der ganzen Welt wandern sollte: in das Pariser Centre Pompidou, das New Yorker MoMA, das Museum Of Contemporary Art in Los Angeles und das Stedelijk Museum in Amsterdam - wo sie jetzt zu sehen ist. Kelley wird die Eröffnung dort aber nicht mehr erleben. Vor gut zehn Monaten schied er freiwillig aus dem Leben.

Die Ausstellung in Amsterdam ist so zu einem Rückblick geworden - auf das Lebenswerk eines äußerst intelligenten, belesenen, hochsensiblen Künstlers. Kelley gründete Bands wie die Punk- und Noise-Gruppe Destroy All Monsters. Er schrieb, er zeichnete, er machte Videos und spielte mit Medienformen. Berühmt wurden seine Skulpturen aus gebrauchten Stofftieren und Strickpuppen, die vollgesogen zu sein scheinen mit Kinderleid und Schuldgefühlen - eine von Kelleys Figuren ist auf dem Cover des Sonic-Youth-Albums "Dirty" zu sehen.

Kelley wuchs im Arbeitermilieu eines Vororts von Detroit auf. Seine Eltern waren streng katholisch. Seine Mutter empfand er als Kontroll-Freak, von seinem Vater fühlte er sich abgelehnt. So speiste sich schon sein Frühwerk aus der Beschäftigung mit Repressionen und dem Aufbegehren gegen Autoritäten, Ideologien und falsche Götter.

Seit den späten achtziger Jahren galt er als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Gegenwartskunst. Und seine anarchisch-trashige, anspielungsreiche und abgründig verrätselte Ästhetik beeinflusste viele jüngere Künstler.

Dunkle Projekte

Spätestens im November 2011 war Kelley jedoch in einer psychisch schlechten Verfassung. Tulsa Kinney, Chefredakteurin eines Kunstmagazins mit dem makaber anmutenden Titel "Artillery Mag: Killer Text on Art", traf ihn damals in seinem Büro in Los Angeles. Das Interview fand an einem Vormittag statt, doch der Künstler hielt die ganze Zeit die Vorhänge geschlossen. Er sprach mit monotoner Stimme, sah oft gedankenverloren vor sich hin, er mied den Blickkontakt.

Kinney beschrieb Kelleys Stimmung in ihrem Artikel vorsichtig als "etwas melancholisch". Nach seinem Tod sagte sie, der Künstler habe eindeutig despressiv gewirkt.

Seen.by
Trotzdem sprach er recht offen über sich, seine Arbeit, seine Konflikte. Den Wechsel von seiner langjährigen Galerie Metro Pictures zu dem kühl kalkulierenden Kunstmarkt-Giganten Gagosian hatte er selbst betrieben. Zugleich war er zunehmend befremdet von der Härte und Kommerzialisierung des Kunstbetriebs. Ja, er dachte sogar daran, für eine Weile aus der Kunst auszusteigen.

In einer solchen Verfassung muss ihn die bevorstehende Werkschau - in Amsterdam werden jetzt, begleitet von einem 400-seitigen Katalog, auf 1800 Quadratmetern über 200 Arbeiten gezeigt - besonders belastet haben. Der Druck, Neues zu produzieren und bei der Auswahl der alten Werke ständig über sich selbst, sein Leben und seine Arbeit zu reflektieren, muss enorm gewesen sein. Obendrein war Kelley in seinen letzten Jahren mit zwei sehr traurigen, dunklen Projekten beschäftigt, die mit seiner Kindheit in Verbindung standen.

"Festung der Einsamkeit"

Seit 1999 arbeitete er am Kandor-Komplex. Kandor ist die Hauptstadt von Supermans Heimatplanet. Geschrumpft zu einer Miniatur hat sie dessen Zerstörung überdauert. Superman bewahrt sie in seiner "Festung der Einsamkeit" auf. Kelleys "Kandors" sind leuchtende, neonbunte Gießharzmodelle, die den Darstellungen Kandors in den Superman-Comics entsprechen. In Kelleys Arbeiten dominiert meist das Trashige oder Groteske. Die Stadtmodelle aber sind von einer glatten, makellosen Schönheit. Sie wirken wie die Verkörperung einer Sehnsucht nach einer vom Schmutz des Lebens befreiten Herkunft.

Bei dem zweiten großen Projekt wollte sich Kelley direkt mit der realen Szenerie seiner Kindheit konfrontieren: Für "Mobile Homestead" hatte er versucht, sein ehemaliges Elternhaus zu kaufen. Als der Besitzer nicht zum Verkauf zu bewegen war, vereinbarte Kelley mit dem Museum of Contemporary Art Detroit, auf dem Gelände der Institution eine Rekonstruktion zu errichten.

Das Erdgeschoss sollte als öffentliche Skulptur für Ausstellungen und Nachbarschaftsevents genützt werden. Zwei labyrinthische Kellergeschosse aber - für Kelley Verkörperungen des Vor- und des Unbewussten - sollten nur für ihn und seine Freunde zugänglich sein.

Womöglich war sich Kelley dessen nicht bewusst, aber dieser Entwurf deutet auf einen fast unlösbaren Konflikt hin: Offensichtlicher als bei vielen anderen Künstlern zeigen und reflektieren Kelleys Werke seinen seelischen Schmerz - was er aber meist bestritten hat. Spätestens bei der Realisierung dieses Baus aber, mit dem er in die traumatische Szenerie seiner Kindheit hinabgestiegen wäre, hätte er das nicht mehr verleugnen können.


Mike Kelley, Stedelijk Museum Amsterdam, 15.12.2012-1.4.2013, www.stedelijk.nl

Forum

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insgesamt 10 Beiträge
1. Die abgebildeten Objekte: genial kommentiert
wohlmein 21.12.2012
Kunst ist anscheinend, an einem anerkannten Institut den Schein zu machen, sich einen Manager zu besorgen und dann das Enfant terrible zu spielen. Selbst wenn ich die Kohle hätte, würde es mir nicht im Traum einfallen, für [...]
Zitat von sysopWie groß seine Qualen waren? Mike Kelley kämpfte mit Skulpturen aus Stofftieren und Comic-Modellen gegen die Traumata seiner Kindheit. Anfang 2012 tötete sich der weltberühmte Künstler selbst. Nun ist in Amsterdam die erste große Schau seit seinem Tod zu sehen. Mike Kelley Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mike-kelley-ausstellung-im-stedelijk-museum-amsterdam-a-872683.html)
Kunst ist anscheinend, an einem anerkannten Institut den Schein zu machen, sich einen Manager zu besorgen und dann das Enfant terrible zu spielen. Selbst wenn ich die Kohle hätte, würde es mir nicht im Traum einfallen, für viel Geld sowas wie die Quadrille zu erstehen - und womöglich auch noch aufzuhängen. In der Kunst (des Mammons) nennt man das -wertfrei- wohl TRASH. In einer psychiatrischen Anstalt wäre das Objekt auf dem Müll gelandet.
2.
Milmo 21.12.2012
Angeblich soll heute die Welt untergehen, und der Redaktion fällt nur ein Artikel zu einem ... Nun ja ... Etwas entwurzelt wirkenden Menschen der Kulturszene im weiteren Sinne ein ... Man könnte meinen, in der Redaktion [...]
Zitat von sysopWie groß seine Qualen waren? Mike Kelley kämpfte mit Skulpturen aus Stofftieren und Comic-Modellen gegen die Traumata seiner Kindheit. Anfang 2012 tötete sich der weltberühmte Künstler selbst. Nun ist in Amsterdam die erste große Schau seit seinem Tod zu sehen. Mike Kelley Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mike-kelley-ausstellung-im-stedelijk-museum-amsterdam-a-872683.html)
Angeblich soll heute die Welt untergehen, und der Redaktion fällt nur ein Artikel zu einem ... Nun ja ... Etwas entwurzelt wirkenden Menschen der Kulturszene im weiteren Sinne ein ... Man könnte meinen, in der Redaktion herrschte eine bestimmte ... Hmm äh ... Neigung vor ...
3. Falsch formuliert
vierteldeutscheösi 22.12.2012
"Vor gut zehn Monaten schied er freiwillig aus dem Leben." schreibt der Redakteur. Wann wird man endlich lernen, dass Depressive nicht freiwillig aus dem Leben scheiden? Der Selbsttötungsimpuls ist Folge einer schweren [...]
"Vor gut zehn Monaten schied er freiwillig aus dem Leben." schreibt der Redakteur. Wann wird man endlich lernen, dass Depressive nicht freiwillig aus dem Leben scheiden? Der Selbsttötungsimpuls ist Folge einer schweren Krankheit! Ich hatte ihn auch in meiner Depression. Und fürchtete ihn. Traute mich nicht auf dem Balkon nach vorne, der Impuls hätte reflexartig passieren können. So ist das nämlich, ist eine Folge großer Verzweiflung. Inzwischen bin ich übrigens gesundet. "In Folge seiner schweren Depression nahm er sich das Leben." So wäre es richtiger ausgedrückt.
4.
stanislaw 22.12.2012
Schade um Ihn als Mensch. Ich kannte ihn zwar nicht, aber den Tod wünscht man niemandem. Allerdings nicht schade um Ihn als Künstler. Ich kann da so nichts kunstvolles in den Abbildungen seiner Objekte erkennen. Eine Idee [...]
Zitat von sysopWie groß seine Qualen waren? Mike Kelley kämpfte mit Skulpturen aus Stofftieren und Comic-Modellen gegen die Traumata seiner Kindheit. Anfang 2012 tötete sich der weltberühmte Künstler selbst. Nun ist in Amsterdam die erste große Schau seit seinem Tod zu sehen.
Schade um Ihn als Mensch. Ich kannte ihn zwar nicht, aber den Tod wünscht man niemandem. Allerdings nicht schade um Ihn als Künstler. Ich kann da so nichts kunstvolles in den Abbildungen seiner Objekte erkennen. Eine Idee alleine macht noch keine Kunst. Man sollte sie auch etwas "gekonnt" ausführen. Den gezeigten Objekten fehlt meiner Ansicht nach Beides. Es sind naive, lustlos hergestellte Objekte. MfG Stefan Fröhlich 42 ;-)
5.
tsitsinotis 22.12.2012
Nach Lektüre des Textes verstehe ich "freiwillig" nicht.
Nach Lektüre des Textes verstehe ich "freiwillig" nicht.

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