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14.12.2012
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Foto von Kim Jong Un

So schäbig darf nur der Chef sein

Von
REUTERS/ KCNA

Feuer frei! Zumindest für die nächste Filterzigarette. Bislang warfen sich Diktatoren auf Fotos stets in pompöse Posen, um Macht zu demonstrieren. Kim Jong Un bricht jetzt damit. Beim Raketenstart ließ er sich ablichten wie ein schäbiger Gangster. Eine Panne? Nein. Eine Vision aus Nordkorea.

Der Operettendiktator ist eine ästhetische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Der Zeit, in der Königshäuser weltweit ihre Macht verloren, der Idealtypus des Herrschers aber noch immer so aussah, wie Europas Könige und Kaiser kurz vor dem Ersten Weltkrieg: Galauniform mit Epauletten, ordensgeschmückte Brust.

Nicht nur in den totalitären Systemen des Faschismus, auch in denen des Kommunismus kostümierten sich die Machthaber regelrecht. Idi Amin, Pinochet oder Gaddafi trugen Uniformen, wie man sie heute nur noch in Sasha Baron Cohens Film "Der Diktator" zu sehen bekommt. Sie, deren Regierungsgewalt keine andere Legitimation hatte als einen gut funktionierenden Unterdrückungsapparat, glaubten offensichtlich, ihre Regentschaft zumindest optisch rechtfertigen zu müssen. Wer aussah wie früher der König, konnte - zumindest in den Augen des einfachen Volkes - nicht ganz zu Unrecht an der Macht sein.

Die bildliche Darstellung war dabei von höchster Bedeutung. Knüpfte man doch nicht nur an das Auftreten von weltlichen Fürsten, sondern an die Ikonografie von Himmelsfürsten an: Auf seinem offiziellen Porträt wirkt mancher Diktator anbetungswürdiger als der Sohn Gottes - sogar Josef Stalin.

In Nordkorea, wo die Dynastie der Kims mittlerweile in dritter Generation regiert, mag man bei der Wahl der Uniformen schlichtere Modelle bevorzugen (eine Art Mao-Anzug). Den Personenkult aber hat man perfektioniert wie nirgendwo sonst: 2012 nahm das Regime von Kim Jong Un in dem eigentlich bitterarmen Land insgesamt 400 Werkstätten in Beschlag. Sie sollten für etwa 25 Millionen Euro Porträts der früheren Staatschefs Kim Il Sung und Kim Jong Il anfertigen. Weitere sieben Millionen Euro flossen in die Herstellung von Statuen.

Um so ungewöhnlicher die Aufnahme, die von der staatlichen Nachrichtenagentur Nordkoreas KCNA nun von Kim Jong Un verbreitet wurde. Das Propagandafoto zeigt ihn kurz nach dem Start der Trägerrakete, die den nordkoreanischen Satelliten Kwangmyongsong-3 in die Erdumlaufbahn gebracht hatte.

Leerer Aschenbecher

Während in der Hauptstadt Pjöngjang Hunderttausende Soldaten und Zivilisten auf dem Kim-Il-Sung-Platz den Raketentest in choreografierten Massenveranstaltungen bejubelten, posiert Kim Jong Un auf der Aufnahme, bei der nichts zufällig sein dürfte, auf eine Weise, die sein Volk verstören dürfte: Als habe er nur kurz zum Abaschen Platz genommen, sitzt er, Zigarette in der Hand, auf der Kante eines Sessels in der Kommandozentrale. Der Aschenbecher ist leer.

Kim kann noch nicht lange da sein. Nicht einmal den Mantel hat er abgelegt. Auch, wenn Kims Gesicht nicht im Bild sichtbar ist: Die ganze Pose signalisiert Desinteresse, vielleicht sogar Ahnungslosigkeit, keinesfalls aber, dass hier Nordkoreas starker Mann die Geschicke seines Volkes lenkt - oder gar den Start der nordkoreanischen Raketen.

Mögen Telefon und Mikrophon auf dem geradezu neurotisch blankpolierten Tisch auch Kommandogewalt suggerieren, das ins rechte untere Bildeck ragende graue Hosenbein zerstört die Illusion vollends. Hier hat offenbar, wie in manchem Gangsterfilm, der Boss hinter dem Boss seine Hand, oder zumindest sein Knie, im Spiel.

Auf anderen Aufnahmen der gleichen Serie sieht man Kim telefonieren oder gar applaudieren. In ihrer Schäbigkeit erinnern sie alle an die Bilder des englischen Starfotografen Martin Parr. Der schafft es nicht nur, die englische Unterschicht in all ihrem Elend abzulichten, sondern auch die englische Oberschicht derart zu fotografieren, dass alle mühsam behaupteten Unterschiede zur Unterschicht verwischen.

Das Agenturfoto des nordkoreanischen Diktators lässt nur zwei Interpretationen zu: Entweder Kim Jong Un ist entmachtet, eine Witzfigur mit groteskem Irokesenschnitt, vorgeführt von den nordkoreanischen Militärs.

Oder es handelt sich bei ihm um einen visionären Strategen: Der Mann, der die überkommene Optik der Operettendiktaturen des 20. Jahrhunderts überwindet.

In einem der wichtigsten politikwissenschaftlichen Bücher der vergangenen Jahre hatte Colin Crouch 2004 die "Postdemokratie" beschrieben. Anhand der Aufnahme von Kim Jong Un überkommt den Betrachter der Verdacht: Hier geht es weniger um den Startschuss für eine Rakete. Sondern um den Aufbruch in die Postdiktatur - ein System, das derart gefestigt ist, dass es optische Gesten der Einschüchterung nicht mehr nötig hat.

Forum

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insgesamt 87 Beiträge
1. Pinochet? Kommunist?
pi4630 14.12.2012
Da habe ich wohl was verpasst...
Da habe ich wohl was verpasst...
2. An wen
signaturen 14.12.2012
erinnert mich die Pose nur.... Acha ja. Ein gewisser H.Schmidtt aus HH. Aber bei wäre es dann wohl eine staatsmännische Pose. Oder etwa nicht?
erinnert mich die Pose nur.... Acha ja. Ein gewisser H.Schmidtt aus HH. Aber bei wäre es dann wohl eine staatsmännische Pose. Oder etwa nicht?
3.
Dr.HeRzZz 14.12.2012
Wieso man da noch keine Atombombe draufgehauen Hz ist mir schleierhaft...
Wieso man da noch keine Atombombe draufgehauen Hz ist mir schleierhaft...
4.
unsleep50 14.12.2012
...oder es ist einfach nur ein Foto.
...oder es ist einfach nur ein Foto.
5. Ist das ernst gemeint?
fessi1 14.12.2012
Kim entmachtet, Kommentator umnachtetet? Vielleicht sollen die Bilder auch einfach nur einen lockeren Führer zeigen? Selbst wenn es nicht vollends gelingt. Wie eine "Beine auf dem Tisch" telefonierender US [...]
Kim entmachtet, Kommentator umnachtetet? Vielleicht sollen die Bilder auch einfach nur einen lockeren Führer zeigen? Selbst wenn es nicht vollends gelingt. Wie eine "Beine auf dem Tisch" telefonierender US Präsident. War für viele auch nicht gerade eines Präsidenten würdig. Wenn auch lässig.

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