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25.12.2012
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Künstler-Kinderbuch

Urlaub auf der Mini-Insel

Von Marianne Wellershoff
Gelitin/ Fade Insel

Einen Sommermonat hat die Künstlergruppe Gelitin auf einer kleinen, steinigen Insel vor Schweden verbracht. Im Hochzeitskleid. Die Wochen verstrichen ziemlich ereignislos. Das klingt langweilig, doch die Künstler haben daraus ein ziemlich lustiges Kinderbuch gemacht.

Haben Sie schon mal Urlaub auf einer schwedischen Insel gemacht? Den Sommer in der Einsamkeit zu verbringen bei schönem Wetter, mit klarem Wasser und sehr viel Natur - Bäume und Mücken - soll ja ungemein entspannend sein, schon deshalb, weil da wenig los ist.

Die österreichische Künstlergruppe Gelitin hat vom 25. Juni bis 24. Juli 2009 ihre Ferien auf einer schwedischen Insel verbracht - was natürlich kein echter Urlaub war, sondern ein Kunstprojekt. Und wenn Gelitin Kunst macht, dann wird es sehr lustig, denn da werden Nasenabdrücke für riesige Skulpturen genommen, oder Körper wie dekorative Pflanzen in einem Kiesgarten arrangiert.

Deshalb ist die schwedische Insel nicht klein, sondern winzig. Völlig ohne Bäume ragt sie wie ein steingewordener Buckelwal beim Atemholen aus dem Wasser. Und sie ist extrem langweilig. Mit einem Kubikmeter Birkenholz, einer Gasflasche, Udonnudeln, Karotten und Handtüchern und ein paar Werkzeugen wurden die vier Künstler dort ausgesetzt. Um die Zeit ein wenig lustiger zu gestalten, trugen Ali Janka, Tobias Urban, Florian Reither und Wolfgang Gantner weiße Hochzeitskleider, denn sie heirateten zwischendurch.

"Überall war Blut"

Was in diesem Monat geschah, ist nachzulesen in Gelitins ziemlich lustigem Kinderbuch "Fade Insel", dessen Titel schon alles sagt - es geschah nämlich eigentlich gar nichts. Der Ich-Erzähler Florian notiert die kargen Ereignisse: Die Fähre nach Tallinn schnürt am Horizont entlang. Zwei Seehunde schwimmen vorbei. "Ziemlich weit weg, aber das Meer war glanz glatt und ohne Wellen, und mit dem Fernrohr konnte ich sie gut sehen. Sie waren dunkelgrau und hatten schwarze Nasen." Oder: "Tobias ist ganz rot auf Nase, Ohren, Schultern und Rücken. Ich glaube fast, er hat einen Sonnenbrand." Florian befestigt nach einigen Fehlversuchen seine Hängematte zwischen zwei Felsen.

Doch es gibt auch dramatische Ereignisse: Wolfgang haut sich beim Holzhacken mit der Axt tief in die linke Hand. "Überall war Blut, auf dem Hackstock, dem Felsen und auf Wolfgangs weißem Hochzeitskleid." Da die Gelitin-Künstler kein Telefon haben und auch kein Boot, müssen sie selbst operieren, was, nun ja, doch etwas wild klingt. Mit Rum wird die Wunde desinfiziert, der Verletzte mit Beruhigungstropfen, Rum und Zucker leicht eingedämmert, mit Angelschnur und Nähnadel die Wunde zugenäht. Da wird das Kunstprojekt zum Survival-Training.

Kritzel-Aquarelle illustrieren, wie man mit selbstgebastelter Holzboje, Nylonschnur und Speckköder eine Fischfalle bastelt. Die leider nicht funktioniert. Eine Bastelanleitung für einen leidlich tauglichen Katamaran gibt es auch, für die Flucht von der Insel allerdings ist er ungeeignet. Übrigens kann man auch nicht schwimmend aus der Langeweile entkommen, dafür ist nämlich das Wasser zu kalt.

Weil so wenig passiert, ist das Werk vielleicht nicht so ganz geeignet für Kinder, denen viel an einer Story liegt und denen es in Schweden immer ein wenig zu langweilig war. Eltern und allen, denen Ironie, Selbstironie und Nonsense liegen, wird "Fade Insel" Spaß machen. Es erscheint als Künstlerbuch im Verlag der Kölner Buchhandlung König. Langeweile kann eben auch ziemlich lustig sein.

Wer wissen will, wie es auf der Insel wirklich zuging, kann sich einige Fotos und die Kurzbeschreibung des Projekts anschauen. Eindrucksvoll ist, dass das Haus, das sich die Künstler auf der Insel gebaut haben, doch viel professioneller aussieht als im Buch "Fade Insel". Aber: Das ist ja auch Kunst, und Kunst darf das.


Gelitin: Fade Insel. Verlag der Buchhandlung Walther König. 64 Seiten mit 30 farbigen Abbildungen; 14,80 Euro.

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