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04.01.2013
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Architektur-Piraten in China

Der große Bau-Klau

Von Kevin Holden Platt, Peking
Courtesy of Zaha Hadid Architects

Wer sagt, dass man Häuser nicht klauen kann? Chinesische Architekturpiraten haben die Baupläne der Stararchitektin Zaha Hadid für einen Komplex in Peking kopiert. Nun errichten sie das Gebäude in der Mega-Metropole Chongqing einfach noch mal - und sind womöglich sogar vor dem Original fertig.

Zaha Hadid wird auf der ganzen Welt für ihre Avantgarde-Bauten verehrt. In China gilt die irakisch-britische Architektin als regelrechter Superstar: Ihre Entwürfe sind überall in den Architekturschulen und -büros des Landes zu finden, elf Projekte werden gegenwärtig verwirklicht. 2010 brachte ihr der Bau des Opernhauses in Guangzhou besonderen Ruhm ein. Ein Beleg dafür: Als die in London lebende Hadid vor kurzem nach Peking reiste, um der Eröffnung ihres futuristischen Baus Galaxy SOHO beizuwohnen, wurde sie von 15.000 Fans empfangen. Ein Popstar.

Doch jetzt könnte Hadids Bekanntheit ihr zum Verhängnis werden. Denn auch eine Gruppe von Architekturpiraten zeigt sich von der Arbeit der Pritzker-Preisträgerin fasziniert - und will eines ihrer noch im Bau befindlichen Pekinger Projekte einfach kopieren und in der Mega-Metropole Chongqing nachbauen. Nun muss sich Hadid sogar sputen, damit ihr Original vor dem Plagiat fertig wird.

Heimat der Produktpiraterie

Es geht um eine Auftragsarbeit für das Immobilienunternehmen SOHO: das Wangjing SOHO, ein Gebäudekomplex bestehend aus drei Türmen, die von ihrer Form her gehissten Segeln ähneln. Aus Stein gebaut, sollen die Türme mit längsgestreiften Aluminiumbändern überzogen werden, um den Eindruck von Wasser zu erwecken. Während Hadids Gebäude in Peking laut Bauplan 2014 stehen sollen, könnte der gleiche Komplex in Chongqing früher errichtet sein.

Aus diesem Grund hat Hadids chinesische Auftraggeberin Zhang Xin, Geschäftsführerin von SOHO China, sogar öffentlich um Hilfe gegen die Plagiatoren gebeten. Während der Eröffnung des Galaxy SOHO kritisierte sie den laxen Umgang mit Ideenraub in ihrem Land: "Jeder sagt, dass China die Heimat der Produktpiraterie ist und dass man hier alles kopieren kann."

Zumindest auf dem Papier hat China Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums. Da die Kontrolle jedoch schwach ist, floriert etwa das Geschäft mit gefälschten iPods, iPhones oder iPads, die auf offener Straße oder in falschen Apple-Läden verkauft werden.

Entschädigung vor Gericht

Und auch Bauwerke werden immer wieder nachgemacht. Erst 2011 entstand in Südchina eine neue Version der österreichischen Gemeinde Hallstatt, die mit ihren denkmalgeschützten Häusern zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Dazu hatten chinesische Architekten das Dorf in allen Einzelheiten fotografiert und mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen ein dreidimensionales Modell erstellt. Trotz Protesten der Hallstätter konnte die Doppelgängerstadt in China fertiggestellt werden.

Keine guten Voraussetzungen also für SOHO und Zaha Hadid. Der Shanghaier Rechtsanwalt You Yunting, der sich mit Urheberrechtsfragen befasst, sieht dennoch Chancen für einen Sieg vor Gericht. "Die zwei Versionen des Komplexes sind sich sehr ähnlich", sagte er mit Blick auf einen möglichen Rechtsstreit. Doch selbst bei einer Verurteilung müssten die Produktpiraten laut Yunting das Gebäude nicht abreißen. "SOHO könnte aber eine Entschädigung zugesprochen werden."

Laut Aussage eines SOHO-Managers soll der Immobilienentwickler Chongqing Meiquan für den Bau-Klau verantwortlich sein - der zu den Vorwürfen jedoch auch auf Nachfrage nicht Stellung nehmen will.

Wie genau die Raubkopierer an die Details von Hadids Modell gelangt sind, ist nicht bekannt. "Es ist wahrscheinlich, dass sie in den Besitz von digitalen Daten des Projektes kamen", sagt Satoshi Ohashi, Projektleiter des SOHO-Gebäudes. Denn technisch begabte Menschen könnten daraus zwar ein ähnliches Modell erstellen, "doch es wäre nur eine grobe Kopie des echten Baus".

Zaha Hadid selbst sieht die Angelegenheit fast philosophisch. Falls die Nachahmungen ihrer Bauten zu interessanten Mutationen führten sollte, fände sie das "ganz aufregend", sagte sie.

Übersetzung: Simon Broll

Forum

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insgesamt 80 Beiträge
1.
bronck 04.01.2013
In Deutschland wäre das nicht passiert. Da wäre das Original im Zweifel nie fertig geworden (siehe Flughäfen, Bahnhöfe, Stromtrassen etc.) und die Kopie wäre von der Bauverhinderungsbehörde niedergerissen worden. Kein [...]
In Deutschland wäre das nicht passiert. Da wäre das Original im Zweifel nie fertig geworden (siehe Flughäfen, Bahnhöfe, Stromtrassen etc.) und die Kopie wäre von der Bauverhinderungsbehörde niedergerissen worden. Kein Wunder, dass wir auf dem Weg nach ganz unten sind und China alle anderen abhängt. Die sind einfach schlauer, die Chinesen. Und ist nicht die Kopie die höchste Form der Anerkennung?
2.
BlakesWort 04.01.2013
Es spricht doch nichts dagegen, ein erfolgreiches Konzept an anderer Stelle zu bauen und eventuell zu verbessern. Aber da sieht man mal wieder eines der Probleme Chinas. 1.3 Milliarden Menschen und trotzdem wird kopiert, anstatt [...]
Es spricht doch nichts dagegen, ein erfolgreiches Konzept an anderer Stelle zu bauen und eventuell zu verbessern. Aber da sieht man mal wieder eines der Probleme Chinas. 1.3 Milliarden Menschen und trotzdem wird kopiert, anstatt selbst innovativ zu sein. Mal schauen, wie lange diese schnell hochgezimmerten Megacities halten. Das ist einfach nur Wahnsinn, in welcher Geschwindigkeit die Chinesen solche Projekte verwirklichen. Kann mir keiner erzählen, bei uns würde so etwas nur aufgrund der harten behördlichen Auflagen länger dauern.
3. Größenwahn
Maria-Galeria 04.01.2013
Der Größenwahn hat wohl seit Pharaos Zeiten nicht abgenommen, reinste Verschwendung. Das Opernhaus gleicht einem Ufo und dieser Stiel soll jetzt modern sein und wird kopiert, na ja Königs hatten auch nicht besonders viel [...]
Der Größenwahn hat wohl seit Pharaos Zeiten nicht abgenommen, reinste Verschwendung. Das Opernhaus gleicht einem Ufo und dieser Stiel soll jetzt modern sein und wird kopiert, na ja Königs hatten auch nicht besonders viel Phantasie, die Schlösser schaun sich auch alle ähnlich. Jedenfalls scheint die Architektin die Geschichte mit den Kopien locker zu sehen und erkennt diese Bauten als Mutanten an. Die Entwicklung im Bereich des Größenwahns nimmt neue Formen an, ob diese Gebäude solange halten wie die Pyramiden ist fraglich.
4. Genau
der_pirat 04.01.2013
So ist es. Hier würde jeder vor Scham im Boden versinken...
Zitat von BlakesWortEs spricht doch nichts dagegen, ein erfolgreiches Konzept an anderer Stelle zu bauen und eventuell zu verbessern. Aber da sieht man mal wieder eines der Probleme Chinas. 1.3 Milliarden Menschen und trotzdem wird kopiert, anstatt selbst innovativ zu sein. Mal schauen, wie lange diese schnell hochgezimmerten Megacities halten. Das ist einfach nur Wahnsinn, in welcher Geschwindigkeit die Chinesen solche Projekte verwirklichen. Kann mir keiner erzählen, bei uns würde so etwas nur aufgrund der harten behördlichen Auflagen länger dauern.
So ist es. Hier würde jeder vor Scham im Boden versinken...
5. chinesisches Fertighaus
andrenalin016 04.01.2013
gebe ihnen recht, BlakesWort, in manche Gebäude in China würde ich mich nicht reintrauen. Gerade bauen die Chinesen einen 220-stöckigen Wolkenkratzer der in 90 Tagen fertig sein soll (d.h. fünf Stockwerke an einem Tag). [...]
gebe ihnen recht, BlakesWort, in manche Gebäude in China würde ich mich nicht reintrauen. Gerade bauen die Chinesen einen 220-stöckigen Wolkenkratzer der in 90 Tagen fertig sein soll (d.h. fünf Stockwerke an einem Tag). http://www.weirdasianews.com/2012/12/10/china-build-tallest-skyscraper-90-days/

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