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13.01.2013
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Dessert-Rezept

Dem Eierlikör ist nix zu schwör

Von Hobbykoch Peter Wagner
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Peter Wagner

Der Eierlikör, ein Tantengetränk? Das war mal. Das einstige Rommé-Runden-Gesöff macht als Bestandteil für rasante Mix-Drinks Karriere - und als Stimmungsmacher mit gnädigem Alkoholgehalt. Auch als Basis für essbare Leckereien taugt der 130 Jahre alte Emulsionslikör.

Mein letzte Flasche Eierlikör war ein Geschenk von Tante Rosemarie. Ich fand sie vor vielen Jahren in einem alten Erbschaftskarton wieder: zwischen einem Zinnteller mit Jagdmotiven, einem mit Kunstleder bespannten Dreh-Aschenbecher, einem Feuerzangenbowle-Set aus Messing und handgehäkelten Eierwärmern mit Kükenmotiven. Wie passend.

Dass seine Erfindung einmal zum Inbegriff des Tantigen werden würde, hätte sich der Antwerpener Destillateur Eugen Verpoorten nicht träumen lassen, als er vor über 130 Jahren nach einer Alternative zur Avocado suchte. Der Legende nach hatte Verpoorten bei einer Flussfahrt auf dem Amazonas das von den Indios aus Avocadofleisch hergestellte Getränk Abacate entdeckt. Er scheiterte aber am Anbau der Frucht in Europa. Stattdessen experimentierte er mit Eigelben als Fettgebern und Emulgatoren und gründete für die Herstellung und Vermarktung seiner Erfindung Eierlikör 1876 im ehemaligen Prämonstratenserstift in Heinsberg nahe der holländischen Grenze die "Liqeur-Fabrik & Colonialwaaren von H. Verpoorten".

Inzwischen produziert Verpoortens Urahn William in fünfter Generation in Bonn täglich an die 130.000 Flaschen - nach wie vor nicht aus Eigelbkonzentraten, sondern aus frisch aufgeschlagenen Eiern. Denn das Getränk ist ein Emulsionslikör, dessen Zutaten bei der Herstellung mit Hilfe des Lecithin in den Dottern homogenisiert werden. Damit sich die Emulsion nicht entmischt, dürfen die Herstellerbetriebe geringe Mengen Hühnereiklar verwenden, dazu ist die Beimischung von Vanillin und anderen künstlichen Aromen erlaubt. Ein Reinheitsgebot gibt es also ebenso wenig wie beim Eierpunsch und seinem Anglo-Trinkkumpan Eggnog, jenem in England und Amerika seit Jahrhunderten nicht nur bei Tanten beliebten Mix aus Eiern, Zucker und allerlei Alk zwischen Rum, Brandy und Whiskey.

Vom Tantensprit zum Biathlondoping

Doch auch diesseits des Atlantiks schüttelt der Eierlikör in letzter Zeit seinen Kaffeekränzchennimbus ab. Sei es als Zutat für feine Desserts wie in unserem heutigen Rezept, als Bestandteil rasanter Mixology-Experimente in Szene-Bars - oder als Stimmungsaufheller mit gnädigem Alkoholgehalt. Sogar die Biathlon-Titanin Magdalena Neuner wurde während der WM 2012 von ihrem Trainer mit einem Likörchen auf dem Zimmer erwischt, was sie aber flugs in den Medien relativierte: "Mei, wir haben halt mit der Franzi, der Miri und der Andrea zusammen auf dem Zimmer gesessen und einen Eierlikör gegen die Nervosität getrunken."

Es sei ihr verziehen. Schließlich schafft es sogar Udo Lindenberg, seinen Alkoholkonsum durch die Verwendung von Eierlikör zum Malen seiner "Likörelle" zu verniedlichen - und die leise vor sich hinmuffelnden Bildchen teuer zu vermarkten.

Der Likör aus dem Supermarkt hat nur moderate 14 bis 20 Volumenprozent. Wer mehr will, muss ihn selbst machen. Was einfach ist. Der Fernsehkochonkel Tim Mälzer zum Beispiel macht seinen Eierlikör mit Puderzucker, Orangensaft und jeder Menge Weinbrand, worüber aber jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, nur müde lächeln kann. Schließlich wurde dort vor der Wende so manches Ei mit Hilfe des puren Weingeists (Neutralalkohol) Primasprit aus Leipzig und dessen damals wie heute stolzen 96,3 Volumenprozenten in eine richtig harte Droge verwandelt. Das geht noch immer, für schlappe 21 Euro den Liter - wenn man denn den Fünfliterkanister bestellt.

Doch auch mit niederprozentigeren Alkoholen ist der Eierlikör rasch hergestellt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt zwar bei Verwendung von Rohei im Privathaushalt, die Salmonellengefahr dadurch zu minimieren, dass man die Eigelbe mit dem Alkohol vermischt drei Tage lang stehenlässt, bevor der endgültige Likör angerührt wird. Doch die Erreger haben angesichts der 20 Alkprozente im finalen Getränk auch bei anderer Zubereitungsweise keine Chance. Wir zum Beispiel ziehen unsere im heutigen Dessert benutzte Likörmasse durch sanftes Erhitzen zur Rose (siehe Rezept), verlieren dabei zwar ein bisschen Ei-Aroma, erhalten aber ganz ohne Zugabe von gaumenverklebendem Stärkemehl ein viel dickflüssigeres Ergebnis als es bei kaltgerührten Hausgebräuen üblich ist. Außerdem hält sich der so gewonnene Likör ein paar Monate länger.

Tante Rosemaries Flasche habe ich mich trotzdem nicht aufzuschrauben getraut.

Forum

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insgesamt 4 Beiträge
1.
Stäffelesrutscher 13.01.2013
Perfektes Timing des Artikels. Steinbrück will jetzt ja per Eierlikör Kanzler werden.
Zitat von sysopDer Eierlikör, ein Tantengetränk? Das war mal. Das einstige Rommé-Rundengesöff macht als Bestandteil für rasante Mix-Drinks Karriere - und als Stimmungsmacher mit gnädigem Alkoholgehalt. Auch als Basis für essbare Leckereien taugt der 130 Jahre alte Emulsionslikör. Rezept für Variation von Eierlikör und Kirsche - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/rezept-fuer-variation-von-eierlikoer-und-kirsche-a-876832.html)
Perfektes Timing des Artikels. Steinbrück will jetzt ja per Eierlikör Kanzler werden.
2.
wandeljetzt 13.01.2013
Wird der Eierlikör jetzt zu Steinbrücks nächsten Fettnäpfchen hoch stilisiert?
Wird der Eierlikör jetzt zu Steinbrücks nächsten Fettnäpfchen hoch stilisiert?
3. Eierlikörtorte ist lecker
Archimedes_da_Siracusa 13.01.2013
Wer zu hip ist für Eierlikör, ist selbst Schuld.
Wer zu hip ist für Eierlikör, ist selbst Schuld.
4. Gute Eierlikör-Rezepte....
espressoli 13.01.2013
...zeichnen sich - auch - dadurch aus, dass die Eierangabe nie in "Stückzahl" erfolgt, sondern immer in "Gramm"... Stückangaben können dabei viel zu sehr Aroma, Qualität und Konsistenz ungünstig [...]
...zeichnen sich - auch - dadurch aus, dass die Eierangabe nie in "Stückzahl" erfolgt, sondern immer in "Gramm"... Stückangaben können dabei viel zu sehr Aroma, Qualität und Konsistenz ungünstig verändern.... ;-)

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