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11.01.2013
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Pola Kinskis "Kindermund"

Das Engelchen und sein Teufel

Von und
DPA

Ein Ekel, ein Unmensch: Pola Kinski hat ein Buch über ihren Vater Klaus geschrieben, der sie jahrelang missbrauchte. Der Schauspieler phantasierte schon in seinen eigenen Memoiren von Inzest. Dem Größenwahnsinnigen hat man alles zugetraut - aber nichts geglaubt.

Als Pola Kinski sechs Jahre alt ist, besucht sie ein Münchner Spielwarengeschäft. "Da begrüßten mich alle meine Freunde: Puppen, Zwerge, Feen, Tiere, die Prinzessin, der König. An Hexe und Teufel gehe ich schnell vorbei." Das sollte ihr in den weiteren Jahren ihrer Kindheit nicht mehr so leicht gelingen.

Nun hat sie ein Buch geschrieben, "Kindermund", bevölkert von all diesen Figuren. Es liest sich wie ein besonders finsteres Grimmsches Märchen. Nur dass es ist keine Fiktion ist, sondern ein Bericht - aus ihrem eigenen Leben. Die Rollen von König und Teufel sind dabei einem einzigen Mann vorbehalten: Polas Vater Klaus Kinski. Auch eine Hexe kommt vor: Polas Mutter Gislinde Kühbeck, eine Sängerin.

Klaus Kinski ist es, der Pola mal "Püppchen", "Engelchen" und mal "Geliebtes" nennt, der sie bei nahezu jedem der Treffen, die seine Tochter in ihrem Buch beschreibt, ausstaffiert wie eine Anziehpuppe - um sie dann, wie sie ihm nun erstmals öffentlich vorwirft, zu missbrauchen. Es beginnt, als sie neun Jahre alt ist. Kinski und seine erste Frau Kühbeck sind längst getrennt, als er im Hochsommer 1961 in einem Münchner Freibad auftaucht und seine Tochter überrascht: Er sei auf der Durchreise. Kinski verlangt von Pola, zu Hause "etwas Festliches" anzuziehen. Sie entscheidet sich für ihr Kommunionkleid und den dazu passenden weißen Mantel.

Grausame Ironie dieser Kostümierung: Im Hotel macht sich der Vater über seine Tochter her - und setzt sie schließlich mit eindringlicher Stimme massiv unter Druck: "Er sucht meinen Blick, hält ihn fest. Er beschwört mich, mit niemandem darüber zu sprechen, sonst komme er ins Gefängnis. 'Hörst Du, was ich dir sage, niemals!', befiehlt er."

Das Mädchen gehorcht und verkriecht sich in Schockstarre im Kinderzimmer. "Vergeblich versucht man mich am nächsten Morgen für die Schule zu wecken. Auch den Tag über ist es nicht möglich. Man fragt sich, ob ich ernsthaft krank sei. Erst spät in der Nacht komme ich wieder zu mir." Schließlich huscht sie ins Bad, wo sie mit einer Nagelschere auf Mantel und Kommunionkleid einsticht.

Es gibt viele derart eindringlich geschilderte Szenen in diesem Buch, dem man anmerkt, dass Pola Kinskis Ziel nicht nur der autobiografische Bericht ist, sondern eine literarisch grundierte Abrechnung. Dabei zeigt sie eine Welt, die fast ebenso manichäisch zugespitzt ist wie die von Klaus Kinski selbst: Vielschichtige, widersprüchliche Charaktere gibt es in "Kindermund" kaum.

Klaus Kinskis Memoiren wurden gefeiert - als erotisches Buch

"Kindermund" ist eine unmissverständliche Anklage gegen Klaus Kinskis Egomanie, seine Brutalität und Beziehungsunfähigkeit. Wann immer die minderjährige Tochter den Vater besucht, sei es in Rom, Madrid oder in Paris, laufen die Treffen nach dem gleichen Muster ab: Er durchwühlt ihr Gepäck, kommentiert höhnisch die eingepackte Garderobe, kauft Pola dann für sehr viel Geld Kleider, Schuhe, Unterwäsche. Anschließende Restaurantbesuche scheitern, weil Kinski irgendeiner Lappalie wegen die Beherrschung verliert. Nachts kriecht er unter ihre Decke. "Ich zittere vor Angst, ich ekle mich vor ihm, noch mehr vor mir selbst. Ich will sterben." Wehrt sie sich, herrscht er sie an: "Jetzt mach nicht so ein Theater! Es gibt doch nichts Schöneres, mein Engelchen!"

Klaus Kinski hat selbst Bücher geschrieben, in den siebziger und achtziger Jahren. Seine Autobiografie "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" wurde nach seinem Erscheinen von Hans Hellmut Kirst als "bedeutsamstes erotisches Buch unserer Zeit" gefeiert, es liest sich wie ein Porno. Es zeigt: Kinski ging es nicht um die Menschen in seinem Umfeld, eigentlich ging es nicht einmal um ihn. Sondern einzig um das, was er versuchte zu sein. Und vor allem um Aufmerksamkeit.

Klaus Kinski war Getöse, er war geadelt als Enfant terrible, und je häufiger er in Restaurants seine Zigarette in der Suppe löschte, je mehr Mobiliar er zertrümmerte, je mehr Zuschauer er im Theater beschimpfte, desto gefestigter wurde der Status. Seinem Image ordnete Kinski alles unter: die Karriere, die Schauspielerei, die Menschen. Die Frauen waren nicht mehr als Objekte seiner übermächtigen Lust, zumindest war es das Bild, das er von sich zeichnete. Luststrotzend, testosteronschwanger, triebschwer.

In seinen Erinnerungen phantasiert Kinski über Verkehr mit seiner Mutter ("Wir beide wissen seit Jahren, dass es zwischen uns passieren muss"), seiner Schwester ("Mein Gott, diese Fotze!"), seiner Tochter Nastassja ("So wie ich nach ihr verlange, kann ich doch nicht glücklich sein"), eine Kindheit in bitterer Armut, schildkrötengroße Küchenschaben, einen mittellosen Vater.

Nastassja Kinski ging gerichtlich gegen die Inzestbehauptungen des Vaters vor

Kinskis Brüder Arne und Hans-Joachim Nakszynski sprachen 1975 im SPIEGEL von "infamen Selbstdarstellungen" und "gemeinen Lügen". Das Elternhaus sei gut bürgerlich gewesen, der Vater Apotheker, die Mutter eine bewundernswerte Frau. Schaben habe es im Elternhaus nie gegeben. Der Inzest mit der Schwester gehöre "ins Reich seiner schmutzigen Phantasie". Nastassja Kinski ging gerichtlich gegen die Ausführungen ihres Vaters vor - was die "Neue Revue" nicht daran hinderte, das Inzest-Gerede Kinskis in pornografischer Form auszuschlachten ("Der böse Klaus will 1979 mit seiner schönen Tochter Nastassja eine heiße Woche im Doppelbett verbracht haben.")

Klaus Kinskis Bücher provozierten keinen Aufschrei. Weder wegen der Potenzverliebtheit des Autors, noch wegen der unverhohlenen Inzest-Ausführungen. Es scheint gerade so, als habe Kinski, der Wahnsinnige, Narrenfreiheit gehabt. Es war nicht zuletzt das Gerede über seinen Trieb, das ihm Schutz bot. Wer von 76 Orgasmen pro Nacht schwärmt, dem traut man alles zu und nichts. Pola Kinski ist nicht Teil der Fiktion des sexgetriebenen Ekels, sie war Teil seines Alltags.

Kinski selbst hatte es immer gesagt

Eine entscheidende Rolle kommt in dem Buch Pola Kinskis Mutter zu: "Lieber Gott, lass mich zu Mama zurückkommen", entfährt es der Tochter einmal. Doch wenn sie bei der Mutter ist, empfindet sie die als "kalt", als "streng", als "ablehnend" und "feindselig". Gislinde Kühbeck lebt längst in einer neuen Beziehung. In einer der stärksten Szenen des Buches schildert Pola Kinski, wie Mutter, Stiefvater und der kleine Bruder am Esstisch sitzen. "Für mich ist da kein Platz." Wie jeden Tag zieht das Mädchen ein ausfahrbares Brett aus der Arbeitsfläche der Einbauküche und isst allein, mit dem Rücken zur Familie, direkt über dem Mülleimer.

Nach einem Streit soll die Mutter ihre Tochter mit einer Reitpeitsche verdroschen und eine oft geäußerte Drohung wahr gemacht haben: Pola kommt auf ein streng katholisches Internat. Kaum erstaunlich, dass das verwirrte, früh sexualisierte Mädchen mit der dortigen Ordnung nicht klarkommt. Ein weiteres Martyrium beginnt.

"In München bin ich überflüssig, ungewollt, störend. Bei meinem Vater bin ich gewollt, begehrt, er kämpft um mich, zeigt mir, wie sehr er mich braucht, wie wunderbar es ist, dass es mich gibt, und zwingt mir ununterbrochen seinen Willen auf", beschreibt Pola Kinski in "Kindermund" ihr Dilemma. Erst mit 19 Jahren endet der Missbrauch.

Liest man Klaus Kinskis Memoiren, so scheint es, als habe er seiner Tochter zu Lebzeiten die Deutungshoheit über den Missbrauch nehmen wollen. Pola Kinski bleibt so nicht einmal ein Überraschungsmoment. Kinski selbst hat es schließlich immer gesagt. Doch ihr bleibt der Raum, ihren Vater als das zu zeichnen, was er war: kein Genie, kein Übermensch. Ein Unmensch.

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