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13.01.2013
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S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Mutiges Trio von Wacken!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Hatte ich bislang angenommen, nur eine einzelne verärgerte Dame würde gegen das Open Air Festival klagen wollen, das jeden Sommer auf den Wiesen von Wacken stattfindet, weil ihr das Gerummse zu laut ist, weiß ich jetzt, die Frau ist nicht allein. Ihr seid drei.

Man muss sich das auch mal vorstellen: 7,1 Quadratkilometer Nichts. Umgeben von den 1049 Quadratkilometern Nichts des Kreises Steinburg im schleswig-holsteinischen Flachland-Nirwana. Der höchste Punkt ist die "Itzespitze", sie liegt 83,4 Metern über dem Meeresspiegel. Wenn Ihr in Wacken in der Fahrschule "Anfahren am Berg" üben sollt, gibt es nicht einmal ein Parkhaus, das dafür geeignet wäre.

Damit man nicht denkt, Ihr wäret total hinterm Berg und würdet noch mittels Rauchzeichen kommunizieren, weist der Bürgermeister schon im zweiten Absatz auf Eurer mangels Erwähnenswertem bescheiden ausfallenden Homepage darauf hin: "Ein modernes Glasfasernetz mit Anschluss für jeden Haushalt ermöglicht schnellste Verbindung mit dem Rest der Welt." Im Osten grenzt Ihr an "Nienbüttel", auch "Mehlbek" ist nicht weit.

Das ganze Jahr ist bei Euch nichts los. Kühe muhen, Trecker tuckern. Und dann kommen sie: 75.000 Metalfans aus aller Welt. Führen im Rest des nördlichsten Bundeslandes die Anhänger des Schleswig-Holsteinischen Musikfestivals im Sommer ihr fein ausgebildetes Kulturverständnis und ihre Sonntagskleider vor, fallen bei Euch Horden an Hottentotten ein, die Musik dann schön finden, wenn sie ihnen Gehör und Gehirn wegfegt. Leise hören ist was für Babys, "Faster, Harder, Louder" ist ihr Motto. Oder auch: "Louder Than Hell" - was Euch die Tage ihrer Anwesenheit Jahr für Jahr zu einem Aufenthalt in Luzifers Schwefelbude macht.

Durchschnittlich 90 Dezibel krachen Euch an die Ohren, und anstatt sich vom Veranstalter für die Zeit ein schönes Hotelzimmer auf Amrum buchen zu lassen und das Köfferchen zu packen, macht ihr auf Krawall. Ihr habt ja was durchzusetzen. Euer Recht. Euer Recht auf Beschränkung des Krachs. Wo käme man denn hin, wenn da jeder immer einfach laut sein könnte, so mitten im Sommer, auf dem Acker, es gibt schließlich Ruhezeiten. Und das Recht auf Unversehrtheit. Auch des Ohrs und der Nerven.

Und das nenne ich wacker, liebes Protesttrio, den Mut zu haben, sich hinzustellen und zu sagen: Wir wollen 75.000 Leuten den Spaß vermiesen. Die sollen nur noch mit 70 und nachts mit 55 Dezibel ihre Musik hören, ist doch auch schön. Egal, dass Wacken Kult ist, egal, dass der Bürgermeister außer dem Slotcar-Club "SRC Holsteiner Flundern" und einem Preis für eine Gasabsorptionswärmepumpenanlage bei der schleswig-holsteinischen Energieolympiade 2012 nichts Erwähnenswertes für seine Homepage hätte, egal, dass das Festival den Ort aus der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit hebt, wir machen das jetzt mal madig. Einfach aus Prinzip. Weil wir es können. Anstatt zu denken, okay, einmal im Jahr "Wacken für Spacken", wird der Spaß so abgespeckt, dass es keinen Unterschied macht, ob Alice Cooper auftritt oder Roland Kaiser.

Kürzlich haben die Großväter der Metallmusik, die englische Band "Motörhead" einen Kopfhörer speziell für das Hören von Metal vorgestellt. Selbst bei extremer Lautstärke würden auch die mittleren- und hohen Frequenzen detailliert wiedergegeben, heißt es. Den bräuchten ihre Fans dringend, sagte der Gründer der Band, Lemmy Kilmister, schließlich hätten sich die Freunde ihrer Klangdarbietung erfahrungsgemäß um ihr Gehör gebracht. Ja, vielleicht liegt hier die Lösung, wenn man verhindern will, dass langfristig "drei Gürtelschnallen aus der Bronzezeit" die einzig kulturelle Errungenschaft bleiben, die man mit Wacken in Verbindung bringt: Die drei Tage im August mit einem Gehörschutz herumzulaufen. Oder aber, zu einem Konzert von Motörhead zu gehen, der angeblich lautesten Band der Welt. Dann hat sich das Problem mit der Lärmempfindlichkeit für die kommenden Jahre gelöst.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
1. Liebe Frau B.
abita 13.01.2013
was sind drei Tage Wackönnlärm gegen 365 Tage Dauerlärm des Frankfurter Flughafens? Richtig : Peanuts.
was sind drei Tage Wackönnlärm gegen 365 Tage Dauerlärm des Frankfurter Flughafens? Richtig : Peanuts.
2. 3 gegen Wacken
strobach 13.01.2013
Eines ist vielleicht noch zu ergänzen: zumindest die erste Klägerin ist wohl eine, lange nach Gründung des W:O:A, Zugezogene.
Eines ist vielleicht noch zu ergänzen: zumindest die erste Klägerin ist wohl eine, lange nach Gründung des W:O:A, Zugezogene.
3. Die lauteste
blabliblupp 13.01.2013
Band der Welt ist nicht Motörhead sondern " Desaster Area". Optimalen Klang hat der geneigte Zuhörer in einem atomsicheren Bunker in 10 km Entfernung.
Band der Welt ist nicht Motörhead sondern " Desaster Area". Optimalen Klang hat der geneigte Zuhörer in einem atomsicheren Bunker in 10 km Entfernung.
4. Urlaub
corvus cornix 13.01.2013
Nee, nee, Urlaub auf Kosten des Veranstalters geht nicht - wo käme man denn hin, wenn man sich vorschreiben lassen muß, wann im Jahr man in den Urlaub fährt ...
Nee, nee, Urlaub auf Kosten des Veranstalters geht nicht - wo käme man denn hin, wenn man sich vorschreiben lassen muß, wann im Jahr man in den Urlaub fährt ...
5. W.o.a.
gonger 13.01.2013
Die Dame, die ich beschwert steht alleine und ist im Dorf isoliert. Ich hoffe die Veranstalter zeigen Stil und lagern die Dame an die Nordseeküste aus, z.B. Hallig Hooge. Da isses' ruhig.
Die Dame, die ich beschwert steht alleine und ist im Dorf isoliert. Ich hoffe die Veranstalter zeigen Stil und lagern die Dame an die Nordseeküste aus, z.B. Hallig Hooge. Da isses' ruhig.

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