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13.01.2013
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Schauspielhaus-Premiere

Knapp daneben

Von
DPA

Sören Wunderlich, Julischka Eichel und Hanns Jörg Krumpholz: Darstellerische Sporen

Tino Hanekamps Hamburger Club-Romanze "So was von da" als Theaterstück? Das Deutsche Schauspielhaus hat es versucht und schrammte scharf dran vorbei. Aber man kann auch in großer Schönheit scheitern - so wie der Held des Romans.

Es wird eng, ganz eng für Oskar Wrobel. Sein wunderbarer Szene-Club nahe der Hamburger Reeperbahn muss schließen, die letzte Party-Nacht an Silvester ist noch nicht vorbereitet, eine frühere Kiez-Größe ist ihm erpresserisch auf den Fersen, die hohe Politik und die Antifa mischen sich ein, und obendrein setzt ihn sein Freund und Geschäftspartner Pablo mit moralischen Vorhaltungen unter Druck. Alles entscheidet sich an einem Abend, in einer Nacht: Tempo, Tempo, vorwärts, Geschichte wird gemacht. Aber voran geht es dann doch nicht so richtig.

Was der Hamburger Club-Betreiber und Autor Tino Hanekamp in seinem famosen Roman "So was von da" (es geht um die ehemalige "Weltbühne" am Nobistor) auf rund 200 Seite als literarischen Rausch virtuos herunterschnurrte, voller Sprachwitz, Überraschungen und wunderbarer Einzelheiten, wäre theoretisch guter Stoff für eine Bühnenrevue, wie sie jetzt die abenteuerlustige Regisseurin Jorinde Dröse am Hamburger Schauspielhaus versuchte. Da der Riesenbau am Hauptbahnhof derzeit auch eine Riesenbaustelle ist, passt obendrein das Ambiente, alles ist ein wenig intimer, unperfekter, roher. Was könnte besser als Background für einen vom Abriss bedrohten Club dienen?

Schwarzer Soundtrack mit 1000 Robota

Schwarz ist die Bühne, so schwarz wie Oskars Freundin Nina den Club für die letzte Party bemalt hat, denn Nina hat Krebs. Noch eine Katastrophe. Schwarz ist auch die Musik der Hamburger Band 1000 Robota, deren minimale und trotzig rohe Songs den perfekten Soundtrack für die Club-Tabula-Rasa der letzten Nacht abgeben. Und gegen das Schwarz der Zukunft kämpfen alle in diesen letzten Stunden an, im ersten Showdown ihres Lebens, den die Regie in den guten Momenten wie einen Tanz, wie ein Konzert, wie eine Performance inszenierte. Da purzeln die riesengroßen Eiswürfel und wirbeln die Akteure durcheinander.

Dennoch quälte das Problem, mit dem alle Dramatisierungen von Prosa zu kämpfen haben, gleich allen Übersetzungen: So nah wie möglich, so frei wie nötig soll das Ergebnis sein. Jorinde Dröse und ihre Dramaturginnen Kristina Ohmen und Ebba Durstewitz wählten einen Mittelweg, der dem Roman den Drive nahm, ohne das Drama zu befeuern. Wer die Story nicht auswendig kannte, für den blieben die Figuren auf der Bühne seltsam fern, trotz aller Spielfreude. Was gelesen fasziniert, muss vorgelesen nicht ebenso wirken. Und vieles der wunderbaren Handlung blieb wie aus Papier.

An den Schauspielern lag es nicht: Sören Wunderlich brillierte sprachlich wie körperlich als von seinen Problemen hin- und hergezerrter Held, der stets das Gute will und stets das Chaos schafft. Seine Darstellung, seine Präsenz füllt viele Szenen und lohnt allein das ganze Unternehmen.

Kiez-Kalle bricht die Finger

Kaum weniger treffend gezeichnet und souverän sein Freund und Antipode Pablo, den Glenn Goltz mit pragmatischer Wucht und schneidender Logik gibt. Die Idee, den ehemaligen Milieu-Kaisers "Kiez-Kalle" von der gewichtigen Marion Breckwoldt spielen zu lassen, bot schon Anlass zu charmantem Brutalo-Witz en masse, von wüsten Worten bis zu gebrochenen Fingern. Jörg Kleemans vom Ruhm verwirrter Bandleader Rocky starrte vor schroffer Künstlerpose und skrupulöser Glaubwürdigkeitskrise, immer angesichts seines bedröhnten Künstler-/Rockstar-Vaters Rockmann (Martin Pawlowsky, wunderbar verwirrt).

So vieles musste erzählt werden, so wenig wurde gezeigt. Optisch perfekt ins Bühnenschwarz eingemessene, schattenrissähnliche Rückprojektionen übernahmen Erklärungen. So zum Beispiel zu der schon im Roman eher angeschraubt wirkenden Jugend-Liebesgeschichte zwischen Oskar und der sagenumwobenen Mathilda, von Autor Tino Hanekamp als Kernproblem von Oskars chaotischen Leben definiert. Das Zentrum, es fehlt. Dass diese Mathilda nun nach der schicksalhaften Silvesternacht als Erlösungsengel aus dem Disconebel auftaucht, dampfte märchenhaft, aber bleischwer über die Rampe. Umso mehr, da mit Maria Magdalena Wardzinska eine Protagonistin gewählt wurde, der Bühnenpräsenz gänzlich abgeht. Was an dieser Liebe so wunderbar und überlebenswichtig sein sollte, diese Erkenntnis stellt sich nicht ein. Im Roman kann man so etwas in der Schwebe lassen, auf der Bühne nicht.

Rückblenden im Schatten

Nur gut, dass alle Darsteller so gut mit Mikro und Stimme umgehen konnten, denn die quirligen Performance-Szenen - wenn denn mal Bewegung auf der Bühne war - gelangen überwiegend mitreißend. Mehr Abstraktion und freierer Umgang mit der Handlung hätten der munteren Truppe gutgetan, auch mehr Mut zum Weglassen. So dehnte sich unterm Strich die Party-Nacht mit einer Spieldauer von pausenlosen 130 Minuten doch sehr. "So was von daneben" war es nicht, aber auch nicht voll auf die Zwölf.

Trotzdem rauschender Schlussapplaus für das überaus engagierte Ensemble, das der zeitweise zahmen Regie häufig die darstellerischen Sporen gab.

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