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30.01.2013
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SM-Fotografin Daoust

"Ich bin Voyeurin, die Kamera ist meine Ausrede"

Fotos
Nathalie Daoust

Wie leben Dominas? Was treibt Freier zu ihnen? Nathalie Daoust wollte es genauer wissen und ging ins Alpha In. Im berühmtesten SM-Hotel von Tokio fotografierte sie monatelang 39 Frauen bei der Arbeit, in ihren Arbeitsräumen, in ihrer Arbeitskleidung - und baute Vorurteile ab.

Sie arbeiten im bekanntesten SM-Hotel in Tokio, die meisten von ihnen als Domina - und die kanadische Fotografin Nathalie Daoust, 35, hat sie für "Tokyo Hotel Story" porträtiert. Vier Monate lang, 39 Frauen, in ihren Arbeitsräumen, in ihrer Arbeitskleidung. Daoust geht es nicht um sensationslüsterne Darstellungen von Sexualität, sie will verstehen, warum die Frauen dort arbeiten und was die Freier dort suchen. Eskapismus - die Flucht vor der Realität in eine Phantasiewelt - ist das Thema, das den meisten Arbeiten der in Berlin lebenden Fotografin zugrunde liegt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Daoust, was genau hat Sie ins Alpha In geführt - in das berühmteste SM-Hotel Tokios?

Daoust: Meine Vorurteile. Ich hasse es, welche zu haben. Bei Sado-Maso war es: Das machen nur Leute, die Probleme haben. Wenn ich mich bei solch vorgefertigten Meinungen ertappe, mache ich den Realitätstest. Ich hatte zuvor viel in den Love Hotels in Tokio fotografiert, nur im Alpha In durfte ich keine Aufnahmen machen. Das hat mich gereizt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es dann doch noch geschafft?

Daoust: Ich habe den Besitzer besser kennengelernt. Irgendwann sagte er: Okay, nur die Räume, nicht die Frauen. Er hat mich dann sechs Stunden lang durchs Hotel geführt und mir zu jedem Raum eine Geschichte erzählt. Über Fesseltechniken, Spielzeuge. Später schenkte ich ihm mein Buch "New York Hotel Story", für das ich in einem Künstlerhotel in New York fotografiert hatte. Da hat er gesehen, dass es mir um Kunst geht, nicht um Sensationsgier. Danach durfte ich auch die Frauen fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben die reagiert?

Daoust: Na ja, für Dominas waren sie sehr unterwürfig - sie haben alles getan, was ich ihnen gesagt habe! Nein, im Ernst: Nachdem ich das Okay des Besitzers hatte, waren sie sehr offen. Ich war vier Monate lang jeden Tag dort, von morgens bis abends. Faszinierend, was für eine eingeschworene Gemeinschaft das war. Wie eine Familie, fast wie eine Religion. Sie haben Sachen zusammen unternommen, gemeinsam gekocht. Das ist keine anonyme Prostitution.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sofort mit der Kamera losgelegt, als das Okay kam?

Daoust: Wir haben uns erst lange unterhalten. Das ist für mich das Beste und Wichtigste am Fotografieren - der soziale Kontakt. Zu erfahren: Wer sind diese Frauen, wie ist ihre Welt. Die Fotos entstanden eher nebenbei. Jede Domina hat ihre Spezialität, die habe ich in Szene gesetzt. Und sie sind alle Performer. Sie werden eine völlig andere Person; eine große Inszenierung, eine Phantasiewelt.

Seen.by
SPIEGEL ONLINE: In der die Frauen letztendlich doch ihre Körper verkaufen.

Daoust: Im Alpha In sagen alle Frauen, sie seien keine Prostituierten. Sie täten zwar Dinge, die man als Prostitution bezeichnen könnte, nennen sich aber Dominatrix. Als Domina kontrolliert nicht der Freier sie, sondern sie behalten die Kontrolle. In dem Hotel arbeiten Frauen auch als Sklavinnen, aber mich haben die Dominas mehr interessiert. Gerade weil in der japanischen Kultur Frauen sonst die Passiven sind.

SPIEGEL ONLINE: Und? Hat sich Ihre Meinung über Prostitution verändert?

Daoust: Ich werbe nicht für Prostitution, aber ich verdamme sie auch nicht - das ist eine freie Wahl. Natürlich nicht, wenn Armut der Antrieb ist. Aber die Frauen im Alpha In haben sich dafür bewusst entschieden. Weil es ihrer Meinung nach eine Form ist, leicht Geld zu verdienen. Oder weil sie es mögen. Eine Zahnärztin war darunter, die in ihrer sozialen Schicht ihre Vorlieben nicht ausleben konnte. Jetzt bekommt sie Geld dafür. Die Frauen haben mir viel aus ihrem Leben erzählt. Das waren nicht nur Geschichten von der traurigen Kindheit, darunter könnte auch Ihre oder meine Biografie sein. Die Leute denken, die Frauen da werden alle manipuliert. Diese Sicht ist entwürdigend.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für "Street Kiss Brazil" zuvor in einem Bordell in einem der ärmsten Viertel von Rio de Janeiro fotografiert. Wie haben Sie es dort empfunden?

Daoust: Viele der Frauen dort hatten tatsächlich keine andere Wahl, als ihren Körper zu verkaufen. Aber eine 70-jährige Prostituierte dort antwortete auf die Frage, ob sie ihr Leben noch einmal so leben würden: "Eindeutig ja". Sie sagte: "Ich werde dafür bezahlt, auf dem Rücken zu liegen. Natürlich hat das auch negative Seiten, aber die gibt es beim Kloputzen auch." Mich interessiert die Psychologie dahinter, anstatt zu sagen: Prostituierte sind zerstörte Seelen, und die Freier böse Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in Tokio auch Freier kennengelernt?

Daoust: Ja. Viele der Kunden sind in mächtigen Positionen, sie nutzen die Möglichkeit, für ein paar Stunden die Macht abzugeben. Nichts denken, nichts tun, nichts entscheiden zu müssen. Dieser Eskapismus fasziniert mich. Was Menschen alles tun, um für gewisse Zeit auszusteigen, geistig, körperlich. All die Dinge, die Orte, die erschaffen werden, um aus der Realität zu fliehen. Darum geht es in vielen meiner Arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und wohin entfliehen Sie?

Daoust: Mein Eskapismus? Ich tauche ab in Welten, in die andere entfliehen. Ich bin eine Voyeurin, die Kamera ist meine Ausrede. Sie ist wie eine Karte, die Türen öffnet. Mit meiner Fotografie versuche ich, Realität und Phantasiewelt abzubilden - und wie sie einander überlappen.

SPIEGEL ONLINE: Wie setzen Sie das technisch um?

Daoust: Ich fotografiere analog und bearbeite die Bilder in der Dunkelkammer. Die Atmosphäre, die ich beim Fotografieren spüre, soll herauskommen. Dafür rolle ich dann zum Beispiel das Negativ etwas auf. Ein Teil des Prints ist klar, ein anderer verschwommen. Wie im Leben, wo einem manchmal nur Teile real erscheinen und der Rest wie Illusion.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie beim Fotografieren Grenzen?

Daoust: Für mich gibt es keine Tabus. Aber was ich zeigen wollte, war nicht das Schockierende oder Provozierende. Nichts Sensationslüsternes. Eher das Natürliche. Einen Moment im Arbeitsleben der Dominas.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist aus Ihren Vorurteilen gegenüber SM - oder BDSM, wie es in der Szene selbst häufig heißt - geworden?

Daoust: Ich praktiziere es selbst nicht, aber ich verstehe jetzt besser, warum manche daran Spaß haben. Ich habe in Tokio ein paar Privatstunden bei einem bekannten Shibari-Künstler genommen. Diese japanische Fesseltechnik ist ein altes Kulturgut, sehr faszinierend. Vielleicht ist SM in Japan auch deshalb so toleriert.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit acht Jahren in Berlin - wie ist es dort?

Daoust: Hier wird SM eher in versteckten Communitys ausgelebt. In Japan gibt es große öffentliche SM-Partys. Dort ist keine Sex-Phantasie tabu. Es gibt sogar einen Verleih für Sexpuppen. Du kannst alles machen, was du willst, oder jemanden finden, den du dafür bezahlen kannst. Warum immer alles unterdrücken, wenn du damit niemandem schadest? Aber in einem ist Deutschland vorn: Die Frauen aus Tokio kommen gerne nach Berlin, um einzukaufen. Denn das beste Sexspielzeug gibt es offenbar hier.

Homepage von Nathalie Daoust

Das Interview führte Daniela Zinser für das Fotoportal seen.by

Forum

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insgesamt 43 Beiträge
1. Mittelmäßig
herr minister 30.01.2013
Für 4 Monate im Hotel sind die Aufnahmen leider weniger sensationell. Hübsche Mädels in Fartbstichoptik. Naja. Eher ein trashige Soft-porn-Ästhetik, Freier kommen nicht vor geschweige denn wird irgendetwas thematisiert, wo es [...]
Für 4 Monate im Hotel sind die Aufnahmen leider weniger sensationell. Hübsche Mädels in Fartbstichoptik. Naja. Eher ein trashige Soft-porn-Ästhetik, Freier kommen nicht vor geschweige denn wird irgendetwas thematisiert, wo es Themen bei dieser location ja zur Genüge geben müsste. Mir erschliesst sich auch nicht die künstlerische Bedeutung der angewendeten Analogfotografie. Sie bearbeitet die Aufnahmen im Labor nach. Ja, das machte man so als es noch keinen Photoshop gab. Den gibt es nun schon lange und man kann ihn einsetzen wenn man eine Nachbearbeitung wünscht, wo ist der Vorteil der extrem eingeschränkten Labortechnik? Gilt man heute schon als Künstler nur weil man auf Film fotografiert? Hier werden leider mittelmäßige Werke durch die Erschaffende hoch gelabert. Verschwommenes Negativ - Illusion, wie auch im richtigen Leben. Puh.
2. nicht Neues -fotografisch bestenfalls mittelmäßig.
adam.danziger.walencik 30.01.2013
... dafür braucht man nicht nach Tokyo zu reisen .eigentlich schade
... dafür braucht man nicht nach Tokyo zu reisen .eigentlich schade
3. hmmm
dergepriesene 30.01.2013
die Fotos sind recht unspektakulär. Glaube, das bekomme ich auch noch hin. Und viele andere auch. Eigentlich jeder, der eine Kamera halten kann.
die Fotos sind recht unspektakulär. Glaube, das bekomme ich auch noch hin. Und viele andere auch. Eigentlich jeder, der eine Kamera halten kann.
4. Spitzenleistung
albert schulz 30.01.2013
Schlimmste Unzucht so steril wie eine Fleischerei zu photographieren ist durchaus Kunst. Der Playboy hat noch nie etwas anderes gemacht. Das Selbstporträt mit den absolut unerkennbaren Gesichtszügen im Schattenwurf läßt ahnen, [...]
Zitat von dergepriesenedie Fotos sind recht unspektakulär. Glaube, das bekomme ich auch noch hin. Und viele andere auch. Eigentlich jeder, der eine Kamera halten kann.
Schlimmste Unzucht so steril wie eine Fleischerei zu photographieren ist durchaus Kunst. Der Playboy hat noch nie etwas anderes gemacht. Das Selbstporträt mit den absolut unerkennbaren Gesichtszügen im Schattenwurf läßt ahnen, daß diese Frau zu weit Höherem berufen ist. Aus dem Gebiet der Architekturphotographie wäre sie wohl kaum zu schlagen. Sie sollte allerdings das Denken und vor allem das Reden einschränken.
5. optional
uta1 30.01.2013
diese anmaßende selbstüberschätzung, die sich hier in despektierlichen kommentaren äußert, ist wirklich unangenehm und peinlich. was sind sie von beruf, dass sie sich so ein urteil erlauben könnten? lehrer? fleischer? [...]
diese anmaßende selbstüberschätzung, die sich hier in despektierlichen kommentaren äußert, ist wirklich unangenehm und peinlich. was sind sie von beruf, dass sie sich so ein urteil erlauben könnten? lehrer? fleischer? hobbyfotograf? nicht nur peinlich, sondern unverschämt und sexistisch: äußerungen wie "sie sollte allerdings das denken und reden einschränken." wechseln sie doch wieder zum playboy, da kennen sich sich ja offensichtlich aus. danke. übrigens: die fotos sind großartig.

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Zur Person

  • Nathalie Daoust
    Nathalie Daoust, geboren 1977 in Kanada, hat am Cégep du Vieux Montréal Fotografie studiert. Für ihre erste große Fotoarbeit und ihr erstes Buch lebte sie zwei Jahre lang im Charlton Arms Hotel in New York, um die von Künstlern gestalteten Räume aufzunehmen. Dort erfuhr sie von den Love Hotels in Tokio, Thema ihrer nächsten Fotoserie. Später kehrte sie nach Japan zurück, um vier Monate lang die Dominas in dem SM-Hotel Alpha In zu porträtieren. Ob sie einen Mann begleitet, der sich für Mao Zedong hält ("Impersonating Mao"), die Schweizer Alpen fotografiert oder - wie für ihr aktuelles Projekt - Massagesalons in China, immer geht es Daoust um die fließenden Grenzen zwischen Realität und Phantasie und die Wege der Menschen, der Wirklichkeit zu entfliehen, wenn auch nur für Stunden.

Seen.by

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