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24.01.2013
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Moderne Kunst aus Saudi-Arabien

Mohammed, wir müssen reden!

Von "zenith"-Autor Stefan Maneval
REUTERS

Islamische Predigten als ätzende Pop-Art, Tanksäulen, die sich selbst töten und sogar Frauen, die ein Auto steuern: Die Künstlergruppe "Edge of Arabia" aus Saudi-Arabien feiert mit kritischer Kunst große Erfolge - bei Experten, Sammlern und dem Volk. Eine Revolution? Gut möglich.

In alten Backblechen stecken dicht an dicht die Kassetten mit Predigten strenger wahhabitischer Geistlicher. "Food for thought" nennt die Künstlerin Maha Malluh die Installation, die im Februar 2012 auf einer Ausstellung in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda zu sehen war. Kassetten wie diese überschwemmten in den neunziger Jahren massenhaft den saudi-arabischen Markt und wurden von einem nicht geringen Teil der Bevölkerung begeistert konsumiert. So an die Wand geklebt, sehen sie nach bunter Pop-Art aus. Maha Malluh gehört zur Gruppe "Edge of Arabia", einem Zusammenschluss saudi-arabischer Künstlerinnen und Künstler. Im Jahr 2003 gegründet, feiert das Kollektiv inzwischen einen Erfolg nach dem anderen.

Den Auftakt bildete die erste öffentliche Ausstellung in der zur Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS) gehörenden Brunei Gallery im Jahr 2008. Seitdem war "Edge of Arabia" auf der 53. und 54. Biennale in Venedig sowie auf der Berlin Biennale 2010 vertreten, weitere Gruppenausstellungen waren in Istanbul, Dubai und zuletzt wieder in London zu sehen. Seit 2009 gibt es in Amsterdam sogar ein Museum, das ausschließlich zeitgenössischer Kunst aus Saudi-Arabien gewidmet ist, das Greenbox Museum of Contemporary Art from Saudi Arabia. Die Werke der privaten Sammlung stammen mit wenigen Ausnahmen von Künstlerinnen und Künstlern, die am Projekt "Edge of Arabia" beteiligt sind.

Die meiste Aufmerksamkeit in westlichen Medien zog jedoch die Ausstellung in Dschidda auf sich, wenngleich sie für den Großteil der hiesigen Leser unmöglich zu erreichen war. Eine Schau, die die Grenzen des Dekorativen oder der Folklore sprengen konnte, galt im Herkunftsland der 22 Künstlerinnen und Künstler, unter der restriktiven Herrschaft der saudi-arabischen Königsfamilie, bislang als kaum vorstellbar. Genau dies hat die Ausstellung jedoch erreicht.

Wer ein paar Schritte von den Kassetten zurücktrat, ahnte, dass Maha Malluh mit ihrer Installation nicht zum frommen Lebenswandel auffordern möchte. Wie bei einem der grob aufgelösten Siebdrucke von Sigmar Polke, die aus der Nähe nur wie abstrakte Farbraster erscheinen und erst aus der Entfernung ein Familienporträt oder eine Stadtansicht hervortreten lassen, fügt sich aus den farbigen Tonträgern ein Schriftzug zusammen. "haram, 'aib, batil", steht dort geschrieben, was so viel heißt wie "verboten, schändlich, unnütz". "Mit diesem Essen wurden wir in den vergangenen 30 Jahren gefüttert", erklärte die Künstlerin gegenüber der britischen Tageszeitung "The Times".

Freie Rede? Bisher unvorstellbar

Die Künstlerinnen und Künstler von "Edge of Arabia" produzieren keine Kunst um der Kunst willen. Sie wollen sich den drängenden Fragen der saudi-arabischen Gegenwart stellen. "Wir müssen reden" ("We need to talk/Yadschib an natahawar") lautete dementsprechend der Titel der zweisprachigen Ausstellung in Dschidda.

In keinem anderen Werk der Gruppe wird dieser Redebedarf so deutlich artikuliert, werden die Spielregeln des öffentlichen Austauschs von Meinungen in Saudi-Arabien so sehr in Frage gestellt wie in der Installation "Street Pulse" von Ahmed Angawi. Als wolle er jede Stimme aus jeder Richtung und aus jedem Winkel einfangen, schuf der Künstler eine raumgreifende Kugel, deren Oberfläche mit schwarzen Mikrofonen übersät ist. Dazu gehört ein Stadtplan von Dschidda, auf dem Angawi mit roten Punkten die Orte markierte, an denen er Mikrofone mit Aufnahmegeräten installieren möchte. Die Bewohner der Stadt sollen dort die Möglichkeit erhalten, Anliegen jeglicher Art öffentlich kundzutun.

Seen.by
Speakers' Corner wie im Londoner Hyde Park - bald auch in Dschidda? Anträge für die Zulassung seiner Aufnahmestationen habe der Künstler bereits gestellt, heißt es. Vor Ort hielt nicht einmal der Ausstellungsführer die Verwirklichung für realistisch. "Doch die Idee ist entscheidend", fügte er hinzu. In einem Land, in dem kaum Möglichkeiten zur politischen Partizipation existieren, Journalisten wegen unbequemer Beiträge ihre Stelle verlieren, eine Zensurbehörde die Internetseiten von Oppositionellen sperrt und Regimekritiker ohne Gerichtsverfahren in Haft sitzen, ist dieses Kunstwerk ein klares Statement für die Meinungsfreiheit.

Und wer weiß - auch an eine Kunstausstellung in Saudi-Arabien glaubten bis vor kurzem nur Wenige. Nicht allein die sensationelle Nachricht, dass es eine saudi-arabische Kunstszene gibt, von der niemand etwas wusste, sorgte für das beachtliche Medienecho. Auch die Qualität der Werke ist beeindruckend, besonders vor dem Hintergrund, dass die meisten Künstlerinnen und Künstler Autodidakten sind. Viele von ihnen üben hauptberuflich andere Tätigkeiten aus.

Ahmed Mater beispielsweise - einer der Mitbegründer von "Edge of Arabia" - ist praktizierender Arzt. Für eines seiner bekanntesten Werke, die Serie "Evolution des Menschen", die unter anderem 2010 in Berlin gezeigt wurde, bediente er sich der Röntgenfotografie. Auf fünf aufeinanderfolgenden Bildern ist die Transformation einer Tanksäule zum Menschen zu beobachten - der Schlauch mit dem Zapfventil entwickelt sich zum Arm, der eine Pistole an die Schläfe führt. Ein bitterer Kommentar zur Abhängigkeit der modernen Zivilisation vom Erdöl.

Abdulnasser Gharem wiederum ist Soldat, genauer gesagt Oberstleutnant. Wenn er gerade keine Truppen im Grenzkonflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen befehligt, bastelt er Skulpturen aus winzigen Gummistempeln. Anders als die Kassetteninstallation von Maha Malluh offenbaren sie dem Betrachter nur bei genauem Hinschauen aus der Nähe versteckte Botschaften.

Der Felsendom - ein Käfig

Zusammen mit Ahmed Mater und dem britischen Künstler und Kurator der Gruppe Stephen Stapleton rief Gharem das "Edge-of-Arabia"-Projekt bei einem Künstlerworkshop ins Leben. In kommerzieller Hinsicht ist er der erfolgreichste Künstler des Kollektivs: Seine Skulptur "Message/Messenger" erzielte bei einer Versteigerung des Auktionshauses Christie's in Dubai einen Preis von 842.500 Dollar - die höchste Summe, die bislang für das Werk eines arabischen Künstlers der Gegenwart bezahlt wurde.

Die Skulptur besteht aus einem Nachbau der Kuppel des Felsendoms in Jerusalem. Gharem lässt die goldene Kuppel wie eine Vogelfalle auf einem dünnen Stab balancieren. Wenn der Stab weggezogen wird, verwandelt sich der Tempel in einen Käfig.

Ist das plakativ? Ohne Zweifel. Vermutlich tragen gerade die eindeutigen Aussagen vieler Arbeiten des Kollektivs zu dessen Erfolg und Popularität bei. Die Werke erschließen sich ohne besondere Schwierigkeiten, obwohl sie einen starken Bezug zum lokalen Kontext aufweisen. Die saudi-arabische Herkunft der Kunst ist klar erkennbar. Freilich ist ein gewisses Maß an Vermittlungs- und Übersetzungsarbeit erforderlich, um diese Kunst einem internationalen, des Arabischen nicht mächtigen Publikum zugänglich zu machen.

Zu jeder Ausstellung von "Edge of Arabia" erschien ein eigener Begleitkatalog - stets zweisprachig, das heißt auf Englisch und in der jeweiligen Landessprache. Ein prächtiger Bildband aus dem Jahr 2012 stellt das Projekt und ausgewählte Künstler vor ("Edge of Arabia. Contemporary Art from the Kingdom of Saudi Arabia"). Zusätzlich verfügt die Gruppe über eine ansprechend gestaltete Homepage, auf der unter anderem die Begleitbände der vergangenen Ausstellungen kostenlos heruntergeladen werden können.

Ein derartiges Marketing ist selbstverständlich kostspielig. Eine lange Liste finanzkräftiger Sponsoren sorgt dafür, dass Geld - wie in Saudi-Arabien öfters der Fall - offenbar keine Rolle spielt. Dass saudi-arabische Unternehmen in saudi-arabische Gegenwartskunst investieren, ist allerdings ein Novum.

Die ausgelöschten Frauen werden sichtbar

Auch die Werke der Künstlerin Manal al-Dowayan wurden bereits für sechsstellige Summen verkauft. Ihre Fotografien und Installationen fragen nach der Identität und Sichtbarkeit von Frauen in der saudi-arabischen Gesellschaft. So ließ die Künstlerin zahlreiche Frauen ihre Namen auf riesige, von der Decke herabhängende Gebetsketten schreiben. In Saudi-Arabien werden die Namen der Mütter, Ehefrauen, Schwestern öffentlich nicht benutzt. Männer sprechen von ihren Frauen als "Mutter von ..." - den richtigen Namen zu nennen, gehört sich nicht. "Warum versuchen einige, die Identität von Frauen zu verstecken oder auszulöschen?", fragt die Künstlerin in ihrem Katalogkommentar.

Fragen dieser Art werden in Saudi-Arabien inzwischen offen diskutiert. In den saudi-arabischen Medien finden sich regelmäßig kritische Kommentare zur Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft oder zu Widersprüchen der Geschlechtertrennung. Das Verschweigen der Namen weiblicher Familienmitglieder wird in den Zeitungen immer wieder als Beispiel für ungerechte Rollenzuschreibungen angeführt, ebenso das Autofahrverbot für Frauen, das Sara Abu-Abdallah in einer Videoinstallation behandelt.

Solange diese Themen als lediglich gesellschaftliche Probleme angesprochen werden und dabei nicht die Politik des Herrscherhauses in Frage gestellt wird, sind solche Äußerungen seit einigen Jahren kein Tabu mehr. Auch wenn sich die Künstlerinnen und Künstler bei "Edge of Arabia" somit mehrheitlich auf vertrautem Terrain bewegen, bleibt die geballte Ladung Gesellschaftskritik, mit der sie an die Öffentlichkeit treten, bemerkenswert.

Deutlich zeichnet sich daran ab: Auch in der Golfmonarchie - an der der Arabische Frühling mit Ausnahme einiger Proteste von Schiiten fast spurlos vorüberzog - gibt es Kräfte, die auf Veränderungen drängen. Die Besuchermassen, die in die Ausstellung in Dschidda strömten, zeugen davon, dass die Künstlerinnen und Künstler von "Edge of Arabia" nicht die Einzigen sind, die einen gesellschaftlichen Wandel herbeisehnen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Magazin "zenith"

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insgesamt 2 Beiträge
1.
AlHarb 25.01.2013
Dieser abschließende Satz scheint mir etwas weit hergeholt. Wer schon mal eine Zeit lang in Saudi-Arabien war, wird den chronischen Mangel an Freizeitaktivitäten sicherlich bemerkt haben, weshalb die Besuchermassen für ein [...]
Zitat von sysopREUTERSIslamische Predigten als ätzende Pop-Art, Tanksäulen, die sich selbst töten und sogar Frauen, die ein Auto steuern: Die Künstlergruppe "Edge of Arabia" aus Saudi-Arabien feiert mit kritischer Kunst große Erfolge - bei Experten, Sammlern und dem Volk. Eine Revolution? Gut möglich. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/moderne-kunst-in-saudi-arabien-edge-of-arabia-s-gesellschaftskritik-a-878604.html
Dieser abschließende Satz scheint mir etwas weit hergeholt. Wer schon mal eine Zeit lang in Saudi-Arabien war, wird den chronischen Mangel an Freizeitaktivitäten sicherlich bemerkt haben, weshalb die Besuchermassen für ein Ereignis wie eine Buchmesse, Bildungsmesse oder auch ein Shopping-Event nichts ungewöhnliches in Saudi-Arabien sind. Hier aber einen arabischen Frühlung zu wittern ist wohl der journalistischen Fantasie entsprungen. Da der Autor selbst in KSA wohnhaft wahr/ist, müsst er wissen, dass es Unterschiede zwischen der liberalen Küstenstadt Djeddah und beispielsweise Riyadh gibt, und ersteres sich wieder von der Künstlerszene in der Ostprovinz unterscheidet, die stark mit Bahrain verwurzelt ist.
2. Es kommt auch hier die Veränderung
Butenkieler 25.01.2013
langsam aber sicher. Wie der Sand aus der Wüste.
langsam aber sicher. Wie der Sand aus der Wüste.

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