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26.01.2013
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George-Widener-Ausstellung

Das Datum ist dem Genius sein Code

Von Karin Schulze

Als Kind galt er als verhaltensauffällig, als Student knackte er für die Airforce Spionage-Codes, später schlief er auf Parkbänken und las tagsüber Lexika. Heute ist George Widener ein gefragter Künstler, der seine extreme Begabung für Daten und Zahlen in grandiose Bilder übersetzt.

"Ich wurde geboren als zweiter Sohn der zweiten Ehe am zweiten Donnerstag im zweiten Monat des zweiten Jahres der zweiten Dekade in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts des zweiten Jahrtausends. Ich lebe zur Zeit im zweiten Stock. Ich brauche keine zweite Meinung, aber eine zweite Chance wäre mir schon recht." So steht es in Lettern auf einem Selbstporträt von George Widener.

Der US-Künstler ist tatsächlich am 8. Februar 1962 geboren. Für jeden anderen wäre das ein ganz normales, unauffälliges Datum. Für ihn aber war es ein Leichtes, die strukturellen Auffälligkeiten in dieser kalendarischen Zahl zu erkennen. Denn Widener ist ein Savant: ein Mensch mit psychisch-mentalen Besonderheiten und einer auffälligen Inselbegabung für Zahlen, Daten, historische und statistische Fakten und mathematische Berechnungen. Schon als Kind hatte ihn in der Wohnung seiner Großmutter ein Kalender fasziniert, waren ihm dessen klare Strukturen als Verständnismuster für den chaotischen Ereignisstrom des Lebens erschienen.

Obwohl als Kind und Jugendlicher verhaltensauffällig und voller Probleme im Umgang mit Menschen, absolvierte er die Highschool und arbeitete Anfang der achtziger Jahre für die Air Force im deutschen Zweibrücken an der Auswertung von Spionageaufnahmen. Doch als er später in Texas Ingenieurwissenschaften studierte, verdichteten sich finanzielle und psychische Probleme. Er gab das Studium auf, lebte zeitweise in der Amsterdamer Hausbesetzerszene oder als Obdachloser auf Parkbänken, während er tagsüber in Bibliotheken las und Lexika studierte.

In ruhigere Bahnen kommt sein Leben erst, als ihm im Jahr 2000 bei einer medizinischen Untersuchung die Diagnose Asperger-Syndrom gestellt wird und er nicht länger mit dem Urteil "verrückt" leben muss. Jetzt fängt er an, die Form seines Denkens, die er schon lange in Zeichnungen und Listen umgesetzt hatte, bewusst in künstlerische Äußerungen zu übersetzen und seinen zeichnerischen Notaten noch entschiedener ästhetische Gestalt zu geben. Gleichzeitig beginnen Galerien, sich für seine Werke zu interessieren.

Unglück nach Zahlen

Seine Zeichnungen ähneln jetzt alten Landkarten, Palimpsesten oder bunten Kassibern. Sie heißen "Blue Monday", "Friday Disasters" oder "Sunday's Crash" und bestehen oft aus Papierservietten oder -tischdecken, die Widener mit Tee oder Kaffee einfärbt und mit unzähligen Ziffern, Daten und Ereignisbeschreibungen übersät. Den Bildraum strukturieren häufig gezeichnete Flugzeuge, Schiffe oder große Städtepanoramen.

Für die "Titanic" hatte sich Widener schon als Kind interessiert. Als er damals alle möglichen Daten rund um ihren Untergang sammelte, war er auf der Liste der vermissten Passagiere auf seinen eigenen Namen gestoßen. Er fand raus, dass es sich bei diesem Passagier um den Kaufmann und Bankier George Widener handelte, einen Urgroßonkel von ihm. Seither faszinieren ihn Unglücksfälle und Katastrophen und er entdeckt in ihren Umständen auffällige Zahlen- und Datenkorrespondenzen.

Sein Leben nahm noch einmal eine neue Wendung, als er im Jahr 2006 Kim Peek begegnete, einem bekannten Savant, der auch Vorbild war für die von Dustin Hoffman gespielte, zentrale Figur im Film "Rain Man". Peek, der 2009 gestorben ist, konnte das gesamte Wissen Tausender Bücher wiedergeben, war aber in seinen Alltagfähigkeiten so weit eingeschränkt, dass er sich beispielsweise nicht allein anziehen konnte.

"Rain Man"

Das Treffen mit diesem Geistesverwandten genoss Widener sehr. Gleichzeitig merkte er dabei auch, dass er mehr Spielraum hatte, sich von den inneren Zahlenwelten ab- und dem Alltag sowie anderen Menschen zuzuwenden. Seither hat sich sein Leben zunehmend normalisiert. Er fährt Auto, hat seit fünf Jahren eine Lebensgefährtin. Und als seine erste museale Einzelausstellung in Europa am Donnerstag im Hamburger Bahnhof in Berlin den Journalisten vorgestellt wurde, war er inmitten eines Pulks von neugierig fragenden Journalisten gesprächig, charmant und humorvoll wie manche andere Künstler - nein: normaler und offener, als sich die meisten geben.

Und doch war da jener Augenblick, da seine besondere Weise die Welt zu sehen und zu verstehen, noch einmal fühlbar wurde. Auf eine Frage antwortete er, wie er es häufig tut, mit der Gegenfrage nach dem Geburtsdatum der Fragenden. Er wiederholte es und schloss für einen Moment inneren Sehens die Augen, um dann blitzschnell festzustellen: "Das war ein Sonntag."

Solche Rückzüge in seine innere Welt der Daten unternimmt er auch dann, wenn ihn auf einer seiner vielen Reisen die Eindrücke zu überschwemmen drohen. Wenn ihm der Verkehr einer asiatischen Großstadt zu viel wird, übersetzt er die Kennzeichen der Autos in historische Daten. Komplizierte Rechen- oder Erinnerungsleistungen, bei denen andere in innere Krämpfe versacken, entspannen und beruhigen ihn.

Der Reiz seiner Berliner Schau liegt zum Teil darin, dass sie die Schönheit einer Denkweise vor Augen führt, deren Spuren lange nur als absonderlich wahrgenommen werden. George Widener hat eine zweite Chance bekommen. Und er hat sie genützt.


George Widener - Secret Universe IV: Bis zum 16. Juni im Hamburger Bahnhof, Berlin.

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annika-berlin 26.01.2013
Ein spannender Artikel und ein wirklich ungewöhlicher Künstler. Ich werde mir die Ausstellung bestimmt ansehen. Das subtile "BonBon" auf dem Selbstportrait haben Sie aber leider unterschlagen: "Catch22" [...]
Ein spannender Artikel und ein wirklich ungewöhlicher Künstler. Ich werde mir die Ausstellung bestimmt ansehen. Das subtile "BonBon" auf dem Selbstportrait haben Sie aber leider unterschlagen: "Catch22" "Catch22" ist ein Anti-Kriegsroman des US-Autors Joseph Heller von 1961. Der Begriff "Catch22" ist dabei eine (fiktive) Regel des Militärs, wonach man bei Geisteskrankheit als kampfuntauglich nach Hause geschickt wird. Das Perfide an der Regel ist, dass man selbst beim Arzt nach einem Catch22 fragen muss, wodurch man sich aber gleichzeitig als Gesund outet. Kafka in reinform also. Was George Widener als Savant da an des Ende seiner "2nd"-Liste gestellt hat ist allerfeinster und schwärzester Humor, der schlicht nicht mehr zu toppen ist. Chapeau!

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