05.02.2013
Jahresbilanz des Presserats
Papst-Satire im Rügenwald
Provokation: Die Titelstory des Magazins "Titanic" empörte zahlreiche Leser
Hamburg/Berlin - Auch im vergangenen Jahr blieb die Zahl der Beschwerden an den Deutschen Presserat hoch. 1500 Menschen verlangten 2012 eine Prüfung redaktioneller Inhalte anhand des Pressekodex, dies gab der Deutsche Presserat am Dienstag in seiner Jahresbilanz bekannt. Die Deutschen sahen vor allem Ziffer 9 der publizistischen Grundsätze - den Schutz der Ehre des Menschen - gefährdet.
Besonders erboste Leserreaktionen provozierte das berühmt-berüchtigte Cover der Satirezeitschrift "Titanic". Unter dem Titel "Halleluja im Vatikan - die undichte Stelle ist gefunden" war im Juli ein Titelbild, das Papst Benedikt XVI in befleckter Soutane zeigt, erschienen. 182 aufgebrachte Leser reichten Beschwerde bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Presse ein - die Folge: eine öffentliche Rüge. Der Presserat beschrieb die Fotomontage als "entwürdigend und ehrverletzend".
Der "Bild"-Kolumne "Post von Wagner" über Ehe und Homosexualität folgten rund 70 kritische Rückmeldungen an den Presserat - und ein gehöriger Shitstorm im Netz. Eine der Aussagen des Artikels lautete: "Was für eine glorreiche Zeit für Euch. Niemand steckt Euch ins Gefängnis, Ihr liebt Eure Partner, Ihr dürft sie lieben." Einen Hinweis auf Diskriminierung stellte der Deutsche Presserat jedoch nicht fest. Beim Umgang mit Thilo Sarrazin schieden sich die Geister an einer "taz"-Kolumne und einem Kommentar der "Berliner Zeitung"/ "Frankfurter Rundschau": 60 Leser forderten die presseethische Prüfung. In beiden Fällen schritt der Presserat ein: Er missbilligte den Beitrag der "taz" und den "Rundschau"-Artikel. Dessen Autorin entschuldigte sich dafür, Sarrazin als "lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur" bezeichnet zu haben und änderte den Artikel.
Die drei aus ehrenamtlichen Mitgliedern bestehenden Beschwerdeausschüsse prüften insgesamt 670 Fälle, woraufhin 188 Maßnahmen ausgesprochen wurden: 17 öffentliche Rügen (die höchste Kategorie der Unmutsäußerungen), fünf nichtöffentliche Rügen, 51 Missbilligungen und 91 Hinweise. Letztlich bleiben aber sämtliche Sanktionen des Deutschen Presserats ohne direkte Folgen. Hauptanliegen sei, ethische Diskurse anzustoßen, so Ursula Ernst, Sprecherin des Deutschen Presserats.
Der Deutsche Presserat untersucht als publizistische Selbstkontrolle Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und seit 2009 auch deren Online-Seiten. Im Vergleich zu 2011 (1323 Beschwerden) und 2010 (1661 Beschwerden) blieben die Proteste auf gleichbleibend hohem Niveau. 2007 forderten nur 735 Leser das Einschreiten des Presserats. Dies sei jedoch kein Anzeichen für eine verminderte Qualität der Berichterstattung, sondern eher für die gestiegene Relevanz des Presserats in der Leserschaft, so Ernst. Prozentual gesehen wurden nicht mehr Sanktionen ausgesprochen als in den vergangenen Jahren.
jud