Lade Daten...
09.02.2013
Schrift:
-
+

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Mein Mitleid mit den Bluffern

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Warum so viele Menschen am Burnout-Syndrom leiden? Vielleicht, weil unser gefälschtes Leben uns einfach überfordert: Hier muss ein Doktortitel her, dort ein schöner Lebenslauf. Das Dumme ist bloß: Faken, Posen und Angeben hilft uns aus unserer Mittelmäßigkeit nicht heraus.

Das Vorgeben falscher Tatsachen, das Faken von Leistungen, das Angeben, Täuschen, Behaupten scheint eine Begleiterscheinung des sich selbst fressenden Kapitalismus zu sein. Keiner scheint mehr zu genügen oder hat die Sorge, nicht zu genügen in dieser Welt, wo nur noch Bestleistungen zu zählen scheinen. Aber das ist natürlich alles Quatsch. Auch wenn Frau Schavan 23 Doktortitel hätte - es machte sie zu keiner Cern-Wissenschaftlerin oder nobelpreisdekorierten Mikrobiologin. Sie wäre auch dann noch einfach nur eine Politikerin mit Doktortitel.

Lance Armstrong hätte sich zu Raketengeschwindigkeit dopen können, es wäre in einer Gruppe anderer, ebenfalls gedopter Radfahrer völlig ohne Belang, und auch ein Mensch wie Guttenberg könnte lügen, vortäuschen, Rad schlagen, er würde dadurch dennoch kein weitsichtigerer Politiker.

Warum also machen die das? Warum versuchen die Menschen, mehr als ein Mensch zu sein?

Wir leben in einer Zeit der Bluffer. Angeber und Lügner gab es immer, doch heute - so scheint es - kann man kaum einem mehr Glauben schenken. Die Angst des Einzelnen in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, ist stärker als die Verspannung, die ein Leben mit Lügen beinhaltet.

Kapitalismus in seiner Jetzt-Form scheint zu bedeuten: Verkauf jedem deinen Müll gut. Verkaufe jedem klebrige Cola oder dich selbst, als sei es Gold. In den neunziger Jahren war die Psychologie popkulturelles Gemeingut geworden und jeder begrüßte jeden mit dem grauenerregenden Satz: Hey, nimm doch mal deine Maske ab. Man meinte damit: Hey du, Mensch du, zeig dich doch mal so echt verletzlich, du. Ein Kindergarten, vergleicht man das kleine bisschen Haltung, das der Mensch beim Verlassen seiner Wohnung einnimmt, um andere nicht anzuöden, mit dem General-Fake, den die meisten heute liefern.

Müssen, vermutlich.

Wer nicht lügt, fliegt durch die Raster, wer sich nicht aufplustert wird übersehen. Die steigende Zahl von Erschöpfungsdepressionen könnte auf der ständigen Vortäuschung einer anderen Persönlichkeit beruhen.

Gefälschte Leistungen, Doktortitel, Lebensentwürfe, erfreulich allein, dass die Zahl der gefakten Pilotinnen und Ärzte noch überschaubar ist. Wenn wir alle ein zunehmend gefälschtes Leben führen, wenn wir Leistungen, Gesundheit, Haltungen und Gefühle vortäuschen, was macht das dann mit der Person, die wir einst waren? Lagert sie als Biomasse in Kokons in einer anderen Matrix? Stirbt der nette, unperfekte Mensch, der man mal war, wenn das saloppe, forsche Arschloch mit der erlogenen Identität stärker wird? Würde es vorgetäuschten Menschen dann nicht auch genügen, nur noch vorgetäuschte Produkte zu konsumieren?

Fragen über Fragen.

Wir leben in einer Zeit der Lügen. Und all die Doktortitelsammler, die Poser mit ihren erbärmlichen, kleinen, anmaßenden Schwindeleien, die so sinnlos rührend sind, in einer Welt die immer voller wird, das trampolinspringende Individuum mit einem Schild in der Hand, auf dem "Hier bin ich!" geschrieben steht, sie alle verdienen unser aufrechtes Mitleid.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
1. Schavan?
chrdr 09.02.2013
Frau Berg, obwohl dieser Artikel sehr erhellend ist, frage ich mich, warum Sie Anette Schavan zum Anlass dafür nehmen. Die Dissertation der Besagten wurde vor 33 Jahren gefertigt, also in einer Zeit in der nach Ihren [...]
Frau Berg, obwohl dieser Artikel sehr erhellend ist, frage ich mich, warum Sie Anette Schavan zum Anlass dafür nehmen. Die Dissertation der Besagten wurde vor 33 Jahren gefertigt, also in einer Zeit in der nach Ihren Maßstäben die Welt noch in Ordnung gewesen sein müsste, oder? Außerdem halte ich Schavan für alles andere als eine aufgeplusterte Person. Jetzt in einem Atemzug mit der betrügerischen Luftnummer Guttenberg genannt zu werden schmerzt sie zurecht, denn es ist unberechtigt. Die Fehlerhaftigkeit von Schavans Dissertation erklärt sich für mich aus der Tatsache, dass sie in einem so jungen wie relativ unwissenschaftlichen Fachgebiet entstand.
2. (K)Eine Träne ...
cutestrabbitonearth 09.02.2013
Mein Mitleid mit einer Frau, die Bundesbildungsministerin geworden ist und behauptet, dass in den 80er Jahren andere Standards beim wissenschaftlichen Arbeiten galten als heute und starrköpfig behauptet, lediglich [...]
Mein Mitleid mit einer Frau, die Bundesbildungsministerin geworden ist und behauptet, dass in den 80er Jahren andere Standards beim wissenschaftlichen Arbeiten galten als heute und starrköpfig behauptet, lediglich Flüchtigkeitsfehler gemacht zu haben, hält sich in bescheidenen Grenzen.
3. Aus der Seele gesprochen!
oe! 09.02.2013
Liebe Frau Sibylle, selten hat mit ein Beitrag so aus der Seele gesprochen! Danke!
Liebe Frau Sibylle, selten hat mit ein Beitrag so aus der Seele gesprochen! Danke!
4. optional
TeslaTraX 09.02.2013
Naja die meisten schummeln weil sie sich für cleverer halten als andere. Bei den ganzen unschönen Dissertationen hätte früher einfach keiner gedacht, welche technischen Möglichkeiten die Zukunft bereit hält. Und Burnout [...]
Naja die meisten schummeln weil sie sich für cleverer halten als andere. Bei den ganzen unschönen Dissertationen hätte früher einfach keiner gedacht, welche technischen Möglichkeiten die Zukunft bereit hält. Und Burnout kommt wohl eher nicht dann vor wenn man sich die Messlatte selber höher legt. Das liegt eher daran das die Arbeit viel kompakter und schneller geworden ist. Viel Teilbereiche werden gestrichen, wenn in einem kleineren Team dann noch ständig jemand fehlt und die Arbeit mitgemacht werden muss, dann kann man ausbrennen. Als ob Chefs nicht wüssten das immer jemand mal krank oder im Urlaub ist, das wird aber hingenommen und man erwartet, das dann eben 120% der Leistung gebracht werden muss. Zu allem Überfluss kann ich z.B nicht mal 5 Wochen Urlaub machen, da würde doch zuviel Arbeit anfallen. Das macht krank!
5.
P a t r i c k 09.02.2013
Finde es jede Woche aufs Neue bemerkenswert, wie es Ihnen mit Ihrer Kolumne gelingt, meine Gefühlswelt so anzusprechen, dass ich sage: "Ja, das ist unsere Zeit, dieser Deutung kann ich mich anschließen. Dieser kleine Text [...]
Finde es jede Woche aufs Neue bemerkenswert, wie es Ihnen mit Ihrer Kolumne gelingt, meine Gefühlswelt so anzusprechen, dass ich sage: "Ja, das ist unsere Zeit, dieser Deutung kann ich mich anschließen. Dieser kleine Text macht Hoffnung, die kommende Woche voller überbewerteter Zeitgeistabsurditäten zu überstehen..."

Sibylle Berg

Verwandte Themen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten