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22.02.2013
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S.P.O.N. - Der Kritiker

Hört auf, unsere Schüler zu betrügen!

Eine Kolumne von Georg Diez

Wer die neue Debatte ums Sitzenbleiben verfolgt, kann vor allem eines lernen: das Fürchten. Von konservativen Politikern und Kulturkritikern werden Argumente aus dem 20. Jahrhundert angeführt, die mit zeitgemäßem Unterricht nichts mehr zu tun haben. Zum Glück gibt es noch Salman Khan.

Ich hatte in der ersten Klasse eine Lehrerin, deren Name war Programm. Sie hieß Frau Schrankenmüller, sie war ein braun-beiges Mischwesen mit einer Frisur, die aussah wie ein Helm - und wenn sie die Schulkinder schon nicht mehr schlagen durfte: Ein wenig Sadismus hat noch niemand geschadet, oder?

Linkshänder zum Beispiel. Was macht eine Frau wie Frau Schrankenmüller mit einem Linkshänder wie mir? Ganz klar: Umerziehen! Ist ja auch gefährlich, so ein Linkshänder. Verschmiert ja alles mit dem Füller, so ein Linkshänder. Klingt ja schon suspekt, Linkshänder, hat womöglich auch einen eigenen Kopf, der Linkshänder - also will jemand wie Frau Schrankenmüller aus einem Linkshänder einen Rechtshänder machen, einen Rechtshänder wie alle anderen auch: autoritäre Gleichmacherei.

Mein Vater war davon nicht so begeistert. Er war selbst Linkshänder, er war noch in der guten alten Zeit in die Schule gegangen, 1936, 1937, als man ihn natürlich auch sofort zum Rechtshänder machte - ob ihm das geschadet hat? Ob dieser Widerstand seinen Charakter gefestigt hat oder gebrochen? Ob er im Leben erfolgreich war oder nicht und was das mit dem Angstregime Schule zu tun hatte?

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass 1976 nicht 1936 war, dass mein Vater mit dem Schulleiter sprach, dass Frau Schrankenmüller nach diesem Schuljahr in Pension ging, dass die wunderbare Frau Sinah-Roy unsere Lehrerin wurde, die irgendwie indisch aussah, fand ich, und die mich sehr mochte als der Linkshänder, der ich war - ob mehr Widerstand meinen Charakter gefestigt hätte, ob ich ein krachender Machtmensch geworden wäre und nicht so ein ironisch-selbstreflexiver Schreiber?

So wird auch an der Zukunft vorbei diskutiert

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass 2013 nicht 1976 ist. Und deshalb wundere ich mich darüber, wie zur Zeit über das Sitzenbleiben diskutiert wird, ein Plan der neuen rot-grünen Regierung in Niedersachsen: Wenn ich es richtig verstehe, dann ist das Sitzenbleiben das Rückgrat unserer wunderbaren Leistungsgesellschaft, ohne Sitzenbleiben würde Deutschland hoffnungslos zurückfallen im Wettbewerb mit China und dem Rest der Welt, ohne Sitzenbleiben wäre mal wieder das Schicksal dieser großen Kulturnation entschieden.

Die Diskussion übers Sitzenbleiben scheint mir wie die über das Wort "Neger": Eine weitere selbstreflexive Scheindiskussion in den Kreisen jener nostalgisch angehauenen 40- bis 65-Jährigen, die die Leitartikel und Kolumnen voll schreiben und mal wieder erklären, was die Zehnjährigen in diesem Land zu tun und zu denken haben - und damit nicht nur an der Gegenwart, sondern an der Zukunft vorbei diskutieren.

Die Gegenwart, das wäre zum Beispiel ein Schulsystem, das Aufstieg ermöglichen würde für alle, das wäre ein Schulsystem, das Erziehung nicht als Angst und Druck versteht, sondern als Förderung und Unterstützung, ein Schulsystem, das wenigstens mal ein ordentliches Mittagessen für Ganztagesschüler hinbekommt, ein Schulsystem, das es, ganz banal eigentlich für ein Industrieland wie Deutschland, Eltern ermöglicht, von Hamburg nach Bayern oder von Hessen nach Baden-Württemberg zu ziehen, ohne dass eine Schar von Nachhilfelehrern so einen Umzug begleiten muss, weil der wunderbare Föderalismus dafür sorgt, dass in unserem überschaubaren Land unüberschaubare schulische Unterschiede existieren.

Entkoppelung von Lernen und Schule am Beispiel der Khan-Academy

Und die Zukunft? Die Zukunft wäre zum Beispiel Salman Khan, dieses bengalisch-amerikanische Wunderkind des Lernens im 21. Jahrhundert, dessen Unterrichtsvideos im Internet bislang mehr als 200-Millionen-mal angeschaut wurden, es sind leichte, kluge, witzige Videos, die zusammen mit den Übungen, die seine Khan-Academy online anbietet, individuelles Tempo und individuelles Lernen bis in den hintersten Winkel der Welt und unabhängig vom Einkommen und sozialen Stand der Eltern ermöglichen.

Ich habe Sal Khan in Aspen erlebt bei einem Vortrag gemeinsam mit zwei anderen amerikanischen Lehrern, die so viel von Inspiration und Individualität und Intelligenz sprachen und so eine Euphorie und gute Laune ausstrahlten, dass ich meine Tochter gleich anmelden wollte - und einer der zentralen Punkte seines Lernprogramms ist eben gerade die Entkoppelung von Lernen und Schule, jedenfalls von Lernen und Klassenstruktur, also die letztlich auch merkwürdige Annahme, dass jedes Kind gleich lange braucht für alles, Englisch, Literatur, Mathematik, Biologie.

Warum, fragt Khan, dessen Buch "Die Khan-Academy" gerade auch auf Deutsch erschienen ist, warum soll aber ein Kind, das schnell ist in Englisch und langsam in Mathematik, dafür bestraft werden - warum kann es nicht für Mathematik länger brauchen, ohne zum Beispiel sitzen zu bleiben, warum kann man die Erziehungsstränge und Lehrpläne nicht eben radikal individualisieren, wie es durch die Möglichkeiten des Internets gegeben ist?

Ankommen im 21. Jahrhundert!

Das wäre eine Diskussion, die dem Thema angemessen wäre. Was aber passiert? Vom "Ernstfall für den Einzelnen" sprach die "Welt", das klang nach Krieg, und so ging es auch weiter im Kommentar: "Niemand soll mehr sitzen bleiben, selbst wenn es eine für die Beteiligten wertvolle Ehrenrunde sein könnte. Damit verweigert die Schule eine ihrer wertvollen Aufgaben: Die Schüler über die Härten der Realität zu informieren."

Aber die Realität verändert sich ja eben, siehe 1936, siehe 1976. Die "FAZ" sah wie die "Welt" gefährliche "Gleichmacherei" am Werk und verschlang sich in ordentliche Widersprüche: "Es ist übrigens auch gerecht, dass Schulen jedem Schüler, gleich welcher Herkunft, gleich welcher Begabung, das gleiche Angebot machen und ihm die Möglichkeit geben, sich an überindividuellen Standards zu messen. Alles andere wäre Betrug an den Schülern und am Wesen der Schule selbst. Es hieße nämlich, die unterschiedlichen Neigungen und Interessen von Kindern zu leugnen und zu nivellieren."

Betrug an den Schülern ist es, würde ich sagen, weiter Diskussionen aus dem 20. Jahrhundert zu führen. Vielleicht muss das so sein in diesem gegenwartsfreien Raum Deutschland, in diesen ideologiefreien Zeiten, in denen aber in einer zeittypischen Art alles, was auch pragmatisch zu diskutieren ginge, ideologisiert wird, schon damit man ein wenig Druck im Kessel erzeugt und ein paar zusätzliche Klicks generiert - aber sinnvoll ist das nicht.

Den konservativen Kulturkritikern kann man zurufen: Sollen sie sich doch in ihrer Restauration selbst einmauern. Alle andere sollten schauen, dass wir endlich im 21. Jahrhundert ankommen.

Forum

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insgesamt 445 Beiträge
1. Aha
harald0078 22.02.2013
Was die verfechter dieses "neuen" Superansatzes leider jedes mal vergessen ist, dass Menschen gerne zur Faulheit tendieren. Nicht alle Kinder sind lernwillige, interessierte und zuverlässige Rohdiamanten, die in der [...]
Was die verfechter dieses "neuen" Superansatzes leider jedes mal vergessen ist, dass Menschen gerne zur Faulheit tendieren. Nicht alle Kinder sind lernwillige, interessierte und zuverlässige Rohdiamanten, die in der Schule zum nächsten Einstein gefördert werden müssen. Wenn das Durchfallen
2. Herr Diez ...
Binideppert? 22.02.2013
... der Verfechter des Sozial-Abiturs würde sich vielleicht umschauen, wenn er erleben dürfte, wie gegen Ende des 21. Jahrhunderts unter asiatischer Hegemonie der Standard an deutschen Schulen aussieht.
... der Verfechter des Sozial-Abiturs würde sich vielleicht umschauen, wenn er erleben dürfte, wie gegen Ende des 21. Jahrhunderts unter asiatischer Hegemonie der Standard an deutschen Schulen aussieht.
3. Aha
harald0078 22.02.2013
Was die verfechter dieses "neuen" Superansatzes leider jedes mal vergessen ist, dass Menschen gerne zur Faulheit tendieren. Nicht alle Kinder sind lernwillige, interessierte und zuverlässige Rohdiamanten, die in der [...]
Was die verfechter dieses "neuen" Superansatzes leider jedes mal vergessen ist, dass Menschen gerne zur Faulheit tendieren. Nicht alle Kinder sind lernwillige, interessierte und zuverlässige Rohdiamanten, die in der Schule zum nächsten Einstein gefördert werden müssen. Wenn das Durchfallen
4. SPon-Kolumnisten sind eben...
turnus 22.02.2013
...im Zweifel ALLE links! Da wird dann wieder so ein betroffenheitstriefendes Artikelchen zu einem Thema fabriziert, zu dem man wenig Ahnung hat, indem man wieder den üblichen gut-böse Dualismus zusammenkonstruiert: "Wir - [...]
...im Zweifel ALLE links! Da wird dann wieder so ein betroffenheitstriefendes Artikelchen zu einem Thema fabriziert, zu dem man wenig Ahnung hat, indem man wieder den üblichen gut-böse Dualismus zusammenkonstruiert: "Wir - die Guten, Progressiven" -"Die anderen - die Bösen, Konservativen". Jeder, der bisschen was mit Schule zu tun hat, weiß, dass ein Jahr zu wiederholen keine Schande ist und für Klasse und den betroffenen Schüler eine Entlastung und Chance sein kann. Wer diese Möglichkeit kategorisch ausschließt, ist i.d. R Journalist in seiner Kammer und dazu ganz bestimmt LINKS (huch, wie originell, mutig und couragiert)!
5. Aber hallo, Ali!
atticusfinch 22.02.2013
Wir leben im 21. Jahrhundert und nicht im 20.! Genau! Sitzenbleiben abschaffen, aber richtig: auch im Sport darf niemand mehr bei der Mannschaftswahl sitzen bleiben. ("Nee, IHR bekommt den!" - "Nee, dann lieber [...]
Wir leben im 21. Jahrhundert und nicht im 20.! Genau! Sitzenbleiben abschaffen, aber richtig: auch im Sport darf niemand mehr bei der Mannschaftswahl sitzen bleiben. ("Nee, IHR bekommt den!" - "Nee, dann lieber einen weniger!" usw.) Welch seelische Grausamkeit. Wer doof, dumm, faul oder alles zusammen ist, soll trotz schlechter Noten versetzt werden und eine Belohnung erhalten. Besser: Noten ganz abschaffen; jegliche Leistungsüberprüfung ist Sadismus gegenüber Kindern. Ich gehe noch weiter: kein Sportverein darf mehr aus einer Liga in eine tiefere absteigen. Wir sind fortschrittlich und leben nicht im 20. Jhd.! Get a brain, Ali!

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Georg Diez


Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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